Der Fall Leo Frank

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Hoffmann & Campe, 1997, Titel: 'The Old Religion', Originalausgabe

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63

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Carsten Jaehner
Eine wahre Begebenheit schwach präsentiert

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Apr 2014

Georgia 1913. Leo Frank ist angeklagt, ein für ihn arbeitendes Mädchen vergewaltigt und getötet zu haben. Während er auf der Anklagebank sitzt, sinniert er über sein Leben und sein Dasein nach und folgt dem Prozeß nur mit einem halben Ohr, wenn überhaupt. Doch letztlich wird er zum Tode verurteilt werden und nach einer Umwandlung in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe von einem wütenden Mob aufgehängt.

Der Fall Leo Frank beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich tatsächlich so abgespielt hat. Doch David Mamet macht es seinen Lesern nicht leicht. Überhaupt ist es schwierig, seinen Gedankengängen von Leo Frank zu folgen, wenn man die Geschichte nicht kennt, und Mamet gönnt es dem Leser auch nicht, diese als Vorgeschichte oder in einem Nachwort irgendwo zu erzählen. Er lässt seinen Leser vollkommen allein mit seinem Unwissen, und indem er Franks Gedanken schildert, schafft er aus nicht ausreichend, dem Leser mitzuteilen, worum es eigentlich geht.

Was nicht erzählt wird

Leo Frank, Besitzer einer Stiftfabrik in den Südstaaten (der Vorname wird im gesamten Buch nicht erwähnt), geht an einem Feiertag ins Büro, um Abrechnungen zu machen. Zu ihm ins Büro kommt auch die vierzehnjährige Mary Phagan (deren Name auch im Roman nicht erwähnt wird), um ihren Lohn abzuholen. Er zahlt sie aus und widmet sich wieder seiner Bürotätigkeit. Noch am selben Abend wird das Mädchen tot im Keller der Fabrik vom Hausmeister, dem Schwarzen Jim Conley, gefunden. Es beginnt eine Hetzkampagne der Presse und der Bevölkerung gegen Leo Frank, falsche Zeugenaussagen und überengagierte Politiker bringen ihn vor Gericht, wo er, von allen bereits vorverurteilt, nach vier Wochen zu Tode verurteilt wird, wobei er bis zum Schluß seine Unschuld beteuert hat. Es tauchen im Laufe seiner Haft weitere Beweise auf, auch Beweise für ihn und neue Zeugenaussagen, die ihn entlasten. Die Todesstrafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt, Frank aber während eines Krankenhausaufenthaltes entführt und von einem tobenden Mob aufgehängt, was durch zahlreiche Fotos dokumentiert ist.

Den Großteil dieser Geschichte erzählt Mamet in seinem Roman nicht, ohne dieses Wissen ist er aber schwer zu verstehen. Doch wer dieses Vorwissen hat, der bekommt einen intensiven Eindruck in das Denken Franks, indem David Mamet beschreibt, was in Frank während des Prozesses wohl vorgegangen sein mag.

Es dauert fast bis zur Hälfte des Romans, ehe der Leser überhaupt mitbekommt, dass Leo Frank als Angeklagter in einem Prozeß sitzt. Zuvor beschreibt Frank seine Tätigkeit im Büro, seine Gedankengänge, die zwischen abstrus und unwichtig rangieren, über Wells Fargo, Strickjacken, Abende auf der Terrasse, Büroklammern und weitere Dinge des Alltags. Auch sinniert er über die politischen Verhältnisse, denn schließlich ist Veteranentag, und jeder hat irgendwie eine politische Meinung dazu. Leo Frank ist aber nicht nur ein politischer Mensch, sondern vor allem auch Jude, was ihn direkt zum Opfer macht, wie er selber feststellt. Dieses "Jüdischsein", wie er es selber nennt, ist bei ihm allerdings nicht sehr stark ausgeprägt. Er hält sich nicht an den Sabbat und fühlt sich einfach als Amerikaner, doch je länger der Prozeß dauert und je mehr Zeit er in der Gefängniszelle verbringt, desto mehr versteift er sich auf sein "Jüdischsein" und seine Opferrolle als Jude, wie die Juden ja in der Geschichte immer die Opfer waren und er einfach einer von vielen weiteren Juden ist.

Leo Frank als Opfer

Nach der Hälfte des sowieso nur 190seitigen Romans, wenn allmählich klarer wird, dass er wegen des Mordes an einem Mädchen (das für ihn so unwichtig ist, dass er scheinbar ihren Namen nicht weiß, jedenfalls wird dieser nie erwähnt), angeklagt ist, wird auch die Erzählung allmählich klarer und nicht mehr so vergeistigt. Zwar erfährt man immer noch viel über Franks Innenleben, jedoch geht es nicht mehr um die banalen Dinge des Alltags, sondern um sein Jüdischsein und darum, warum sein Verteidiger ihn nicht richtig verteidigt, obwohl er ihn mehrmals darauf aufmerksam gemacht hat. Leo Frank sieht sich als politisches Opfer, wie passend für einen Juden, der dem Staatsanwalt auf den Gouverneursstuhl verhilft und seinen Verteidiger nicht als Idioten darstellen wird, da von vornherein klar ist, dass er den Prozeß verlieren wird.

In seinen Gesprächen mit dem Rabbi, der ihn in der Gefängniszelle besucht, wird ihm immer klarer, wie sehr er das Opfer des Systems und der Religion und überhaupt ist. The Old Religion heisst der Roman im Original, und darin liegt auch letztendlich der Clou des Romans. Der deutsche Titel verrät nur den Vornamen des Angeklagten, der im Rest des Romans nicht weiter genannt wird. Überhaupt bleiben viele Namen ungesagt, Frank wird immer wieder aus seiner Traumwelt geholt und hat auch den Anwälten nicht richtig zugehört. Dadurch beantwortet er Fragen nicht oder falsch und macht daher auch für alle anderen den Eindruck eines verwirrten Mannes, der ein bisschen verrückt ist, dazu eben Jude und somit aus dem Verkehr gezogen gehört.

Das Buch erwähnt im letzten Kapitel nur, dass Frank aus dem Krankenhaus geholt wurde, man ihm einen Sack über den Kopf stülpte und ihn dann an einem Baum aufgehängt hat und davon zahlreiche Fotografien machte, die später als Postkarten verschickt wurden. Dass der gesamte Prozeß nur zwei Wochen dauerte, die Revision aber zwei Jahre brauchte, bis er nach einem Zwischenfall ins Krankenhaus kam und von dort verschleppt wurde, lässt der Roman aus. Überhaupt lässt der Autor viele Fakten aus, er stellt Leo Frank so dar, als ob es Frank nicht interessiert, und daher interessiert es auch den Autor nicht, was problematisch ist, weil er dadurch auch den Leser nicht vernünftig ins Geschehen holt.

Insgesamt ist Der Fall Leo Frank ein Roman, der ohne Vorwissen der realen Geschichte nicht richtig beim Leser ankommt, da man viele Aspekte des Romans einfach nicht verstehen kann. Der Inhalt des realen Falls wird weder vor dem Roman noch nachher angefügt, sodass der Leser mit dem Gelesenen ziemlich allein gelassen wird. Mamets Absichten, wie er die Geschichte aufbaut und Frank als Opfer darstellt, das sich fügen muss, weil es vorherbestimmt ist, ist erkennbar, aber für einen wirklich packenden Roman, der den Leser mitnimmt, zu wenig. Das ist schade, denn das Thema und der Fall Leo Frank hätten eine intensivere Beleuchtung verdient. Immerhin hat der Fall es auf die Leinwand und auf die Musicalbühne ("Parade") geschafft, doch leider bietet der Roman trotz guter Absicht keine adäquate Umsetzung. Hier wäre mehr drin gewesen.

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