Teufelsgrinsen

  • Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: Januar 2014
  • Kiepenheuer & Witsch, 2012, Titel: 'The Devil's Grin', Originalausgabe
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Jörg Kijanski
85

Histo-Couch Rezension vonMär 2014

Anna Kronberg und Sherlock Holmes sind ein starkes Duo

Sommer 1889. Dr. Anton Kronberg arbeitet als führender Bakteriologe in der Abteilung für Infektionskrankheiten am Guy’s Hospital in London und wird bei Choleratoten oder vergleichbaren Fällen von der Metropolitan Police in deren Untersuchungen eingebunden. Als in den Hampton-Wasserwerken ein möglicher Fall von Cholera entdeckt wird, bittet Inspektor Gibson von Scotland Yard ihn um Hilfe. Am Tatort lernt Dr. Kronberg eine Person kennen, die der Polizei als beratender Detektiv zur Seite steht.

 

"Dr. Kronberg, das hier ist Mr. Sherlock Holmes", fuhr der Inspektor fort, als ob ich wissen müsste, wer Sherlock Holmes sei.

 

Holmes scharfen Verstand entgeht nicht, was alle anderen Menschen offenbar bislang übersahen. Dr. Kronberg ist in Wahrheit eine Frau (Anna) und dürfte somit gar nicht als Arzt praktizieren. Sollte Annas wahre Identität enthüllt werden, droht ihr - neben dem Verlust ihres Berufes und ihres britischen Wohnsitzes - die Auslieferung an Deutschland, wo sie im Gefängnis landen würde. Die Alternative wäre eine Arbeit als Ärztin in Indien. Aber Anna ist eine ebenso genaue Beobachterin wie Holmes, so dass es ihr schnell gelingt, das komplizierte Innenleben von Holmes zu analysieren und diesen ebenfalls in die Defensive zu drängen. In dem Psychoduell der ungleichen Figuren entsteht ein Patt und so entschließen sich die beiden, den seltsamen Todesfall gemeinsam aufzuklären. Dabei stellt sich heraus, dass der Mann an einer Tetanusinfektion starb, die sich direkt in seinem Herzen befand. Aber wie kann sie dort hingekommen sein? Als kurz darauf ein zweiter Mann an einer vergleichbaren Todesart stirbt, kommen Anna und Holmes zu einem schrecklichen Verdacht …

(Nicht nur) für alle Holmes-Fans ein Leckerbissen!

Langsam kommen sich Anna und Holmes näher und lernen sich dabei immer besser kennen. Neben dem aktuellen Fall diskutieren sie auch über andere Themen, wie beispielsweise die ungeklärten Morde von Jack the Ripper, bei denen selbst der Meisterdetektiv chancenlos war.

 

"Jedes Mal, wenn ich ein Telegramm von der Polizei bekam, waren die Opfer bereits im Leichenschauhaus", entrüstete er sich. "Die Belegschaft dort hatte Organe entnommen und sie als anatomische Studienobjekte verkauft. Und natürlich wussten sie nie, was vorher schon fehlte und was sie selbst entnommen hatten! Ich glaube nicht, dass dieser Serienmord je aufgeklärt und der Täter gefunden wird. Die Inkompetenz der verantwortlichen Ermittler, die korrupte medizinische Belegschaft, die schiere Anzahl angeblicher Zeugen und die Flut an Fehlinformationen der Zeitungen machen alle Ermittlungen zunichte!"

 

Anna Kronberg ist eine sympathische, moderne Frauenfigur, die sich permanent im Wandel zwischen den Geschlechtern befindet. Tagsüber arbeitet sie als Bakteriologe, in ihrer Freizeit verwandelt sie sich wieder in Anna, die durchaus weibliche Bedürfnisse verspürt. Sie verfügt nicht nur über ein großes Fachwissen, sondern ebenso über ein hohes analytisches Denkvermögen, was sie mit Sherlock auf eine Stufe stellt, wenngleich sie sich ab und an von ihrer (weiblichen) Intuition verleiten lässt. Man kann Anna folglich als erste Frau bezeichnen, die es nach Irene Adler geschafft hat, Holmes die Stirn zu bieten.

 

"Ich lebe einfach, weil Luxus die Sinne trübt. Eine Kleinigkeit, die Ihnen sicher entgangen ist."

 

Weitere Figuren wie der unverzichtbare Dr. Watson verweisen immer wieder auf den bekannten Lebenslauf des berühmten Detektivs. Autorin Annelie Wendeberg hat sich mit dessen "Biografie" gründlich beschäftigt, so dass Sherlock-Fans zugreifen sollten.

Interessanter Einblick in die Medizin des 19. Jahrhunderts

Wer sich für die Geschichte der Medizin sowie der Anatomie interessiert, dürfte mit dem vorliegenden Band ebenfalls seine Freude haben. Die Autorin, Umweltmikrobiologin im Hauptberuf, verbindet den "Kriminalfall" mit einem spannenden Einblick in die Erforschung von Infektionskrankheiten. Gelingt es Anna etwa, die gefährlichsten Krankheiten wie Cholera oder Tetanus zu stoppen?

Der Roman, Auftakt einer Serie, macht Spaß, denn neben vielen Anleihen bei den Originalgeschichten über Holmes erzählt Wendeberg mit viel Wortwitz, der sich nicht nur in den Rededuellen zwischen Anna und Holmes wiederfindet. Allein der Spannungsbogen und die Frage nach dem Täter waren ein bisschen zu einfach. Es ergibt sich halt, aber das kennt man ja von Sir Arthur Conan Doyle schon. Dennoch ein klarer Kauf!

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