Der Ketzer und das Mädchen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2014, Titel: 'Der Ketzer und das Mädchen', Originalausgabe

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88

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Rita Dell'Agnese
Gut aufgearbeitete Geschichte des Konstanzer Konzils

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2014

Ennlin und Jakob sind von ihren Eltern verkauft worden. Im Jahr 1414 nichts ungewöhnliches – denn es herrscht bittere Armut und die Bauernleute wussten nicht mehr, wie sie ihre Kinder ernähren sollten. Doch Ennlin ahnt, dass ihnen vom Kinderhändler Übles droht. Noch bevor er das Geschwisterpaar abholen kann, flieht Ennlin mit Jakob zu einer verfallenen Burg. Sie will sich in den Gemäuern, um das sich einige Spukgeschichten ranken, bis zum Frühjahr verstecken, um dann für sich und Jakob eine Lösung zu finden. Ausgerechnet die selbe verfallene Burg ist aber auch Treffpunkt einiger junger Edelmänner, die ketzerische Gedanken austauschen. Ennlin belauscht die Männer und wird dabei von ihnen entdeckt. Im letzten Moment kann sie fliehen, doch weiß sie nun, dass ihr und ihrem Bruder nicht nur vom Kinderfänger, sondern auch von den Edelmännern Gefahr droht. Das Geschwisterpaar flieht nach Konstanz, wo gerade die Vorbereitungen zum Konzil im Gange sind. Sie schließen sich einer Kinderbande an. Als der Kinderfänger ihnen auf die Spur kommt, sind es Ennlins neue Freunde, sowie ihre beiden Verehrer Hennslin von Heudorf und der junge Benedikt aus Konstanz, die ihr zur Seite stehen. Ennlin begegnet in Konstanz jedoch noch einem weiteren Menschen, der sie tief beeindruckt: dem Ketzer Jan Hus.

Viel Atmosphäre

Wie erzählt man die Geschichte des Konstanzer Konzils, ohne dass es an Geschichtsunterricht erinnert? Petra Gabriel kennt die Formel. Sie hat mit Ennlin eine Protagonistin geschaffen, die sie in alle Bereiche führen kann, die das Konzil mit sich brachte. Ob nun die Sache mit den verkauften Kindern, die Frage nach Stand und Ehre, die Intrigen der Mächtigen oder die unglaubliche Belagerung der Stadt Konstanz durch die Konzilteilnehmer: Alle Aspekte können in diesen Roman einfließen und bilden eine stimmige Einheit. Selbst die Begegnung von Ennlin und Jan Hus nimmt sich da nicht aus. Die Autorin hat eine schlüssige Erklärung dafür bereit und lässt den Ketzer seine Lehren auch unter den Lesern verbreiten – wenn dies auch höchst subtil geschieht. Mit der Edel-Dirne Constanze spricht Petra Gabriel einen weiteren, wichtigen Aspekt des Konzils an und rundet damit das Bild ab. Dass sich all das um das geflüchtete Bauernmädchen rankt, wirkt niemals konstruiert oder abwegig. Damit legt Petra Gabriel eine gute Leistung vor, die nicht von allen, die sich aufgrund des Jubiläums ebenfalls mit dem Konzil befassen, gehalten werden kann.

Gut gewählte Figuren

Auch wenn Ennlin da und dort etwas gar zu stark ins Heldentum gleitet, so ist sie doch eine überzeugende Protagonistin, die den Leser strebsam und sicher durch die Geschichte hindurch führt. Sie zeigt Gefühl, hat Angst und empfindet Liebe gleichermaßen wie Abneigung: Alles Aspekte, die sie als tragende Figur überzeugen lassen. Dass sich um ihre Mutter ein spezielles Geheimnis rankt und Ennlin selber nicht dem Bild des Bauernmädchens ihrer Zeit entsprechen mag, gibt der Geschichte zusätzliche Würze, auch wenn sie da und dort etwas ausufert. Nicht ganz so überzeugen kann Jakob, der sich – ein kleines Kind noch – eher als Hemmschuh erweist und immer wieder wesentlich älter wirkt, als es ihm die Autorin an sich zugesteht. Und auch Hennslin von Heudorf ist eher gewöhnungsbedürftig, doch vermag er sich im Laufe der Geschichte zu steigern und wird vom etwas lächerlich anmutenden Gecken zu einem wahren Helden, dem zwar Grenzen gesteckt sind, der aber in der Lage ist, über sich hinaus zu wachsen.

Starker Anhang

Der Roman von Petra Gabriel lebt nicht nur von der Handlung an sich. Er verfügt über einen viele Seiten starken Anhang, der sich vertieft mit der Geschichte des Konzils befasst und dem interessierten Leser zusätzliche Informationen liefert, ohne deswegen die Romanhandlung unnötig zu belasten und damit das Tempo der Erzählung zu drosseln. Schön sind auch die Erklärungen zu den Begriffen, die selbst jenen Lesern, die sich kaum mit Historie befassen, eine gute Grundlage vermitteln, die Zusammenhänge zu verstehen.

Hätte die Autorin darauf verzichtet, das Ende des Romans so zu gestalten, dass eine Fortsetzung auf der Hand liegt, wäre Der Ketzer und das Mädchen eine rundum gelungene Sache geworden – bei der einzig ein paar sprachliche Abstriche gemacht werden müssen. Der Verzicht auf einen richtigen Schluss und damit das Abrunden des Romans ist ärgerlich und erinnert fatal an die nicht zu Ende erzählten Geschichten in den Comic-Heften, die einzig dazu da sind, sich das Publikum für die nächste Ausgabe zu sichern. Solches hätte Petra Gabriel nicht nötig – sie legt mit ihrem Konzil-Roman eine gute Geschichte vor, bei der auch Leute, die Fortsetzungen nicht besonders schätzen, zu einem weiteren Band gegriffen hätten.

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Letzte Kommentare:
15.04.2016 09:00:07
Charlie

Vor einigen Jahren habe ich das Hus-Museum in Konstanz besucht. Er war seiner Zeit weit voraus und ist für das, was er geglaubt hat, eingestanden. Ein mutiger Mensch. Da konnte ich natürlich Ennlin, die Hauptfigur dieses Buches, sehr gut verstehen, dass sie zu diesem Mann aufgeschaut hat. Ennlin und ihr Bruder Jakob gelten als „unfreie“ Kinder, das heisst sie können einfach an Menschenhändler weiterverkauft werden. Das kann man sich in der heutigen Zeit gar nicht mehr vorstellen. Ich fand das sehr schlimm. Vor allem der gelbe Hans, ein Menschenhändler, der den Kindern die Beine gebrochen hat, damit sie besser betteln konnten, war ein schrecklicher Mensch. Zum Glück kommt Ennlin zur Pfisterin. Dort lernt sie Jan Hus kennen, der auch dort wohnt. Eines Tages wird Jakob entführt und mit Mühe kann Ennlin entkommen. Durch Zufall erfährt sie, dass der gelbe Hans die Finger im Spiel hat und wird von ihm erpresst. Kann sie ihren Bruder retten?

Das Konstanzer Konzil hat mich schon immer fasziniert. Über Jan Hus habe ich schon einiges gelesen und so kam mir die Geschichte um Ennlin gerade recht. Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Auch die Figuren sind gut dargestellt. Recht makaber fand ich die Hinrichtung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen, die wie ein Volksfest gefeiert wurde. Zum Glück gibt es solche Feste nicht mehr. Aber es war eine andere Zeit.