Die Pfarrerstochter

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2014, Titel: 'Die Pfarrerstochter', Originalausgabe

Couch-Wertung:

75
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Annette Gloser
Drama auf Usedom

Buch-Rezension von Annette Gloser Mär 2014

Seit fünfzehn Jahren tobt der große Krieg, der später als der Dreißigjährige in die Geschichtsbücher eingehen wird. Auch das Dörfchen Koserow auf der Insel Usedom wurde nicht verschont. Und während andere Dorfbewohner Vieh oder Wertsachen während der Plünderung durch die Schweden verloren, trauert Pfarrer Schweiger um den Verlust seiner kostbaren Bibliothek. Seine Tochter Irene lebt mit ihm zusammen und leidet mit ihm, sieht sie doch den Vater mehr und mehr sich vom Leben abwenden. Als eines Tages jedoch ein fahrender Buchhändler an die Tür des Pfarrhauses klopft, scheint neues Leben in Pfarrer Schweiger zu kommen. Ein wunderschönes Buch hat der Händler im Gepäck, das er dem Pfarrer zu einem guten Preis lassen will.

Irene jedoch macht sich schon lange Gedanken um ihre Zukunft. Als sie beim Beerensammeln auf dem Streckelsberg einen Bernsteinschatz findet, scheint sich das Glück für sie zu wenden: Sie will den Bernstein verkaufen und so den Lebensunterhalt des Vaters sichern. Sie selbst jedoch will sich in Wolgast bei einer bekannten Druckerei vorstellen, denn dort werden Korrekturleser gesucht. Vielleicht kann sie sich ja so ein selbständiges Leben aufbauen und die vom Vater erworbene klassische Bildung nutzen?

Auf dem Weg nach Wolgast jedoch findet sie die Leiche des ermordeten Buchhändlers, sie wird überfallen, landet im Kerker des Wolgaster Schlosses und wird des Mordes an dem Buchhändler angeklagt. Auf Irene wartet das Todesurteil, und nur jener seltsame Rechtsgelehrte, der im Auftrag des Pommernherzogs aus Italien nach Wolgast kam, kann das Mädchen vielleicht noch retten. Aber dazu muß er gegen den Stellvertreter des Herzogs antreten, der all seine Macht aufbietet, um Irene aufs Schafott zu schicken.

Scheinbar eine alte Bekannte

Dies ist also das Szenario: Während des Dreißigjährigen Krieges wächst in Koserow eine hübsche Pfarrerstochter auf, deren Vater sie in den alten Sprachen und Wissenschaften unterrichtet. Beim Beerensammeln auf dem Streckelsberg findet sie einen reichen Bernsteinschatz. Die gebildete junge Frau wird zu Unrecht angeklagt und zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung soll auf dem Streckelsberg vollzogen werden. Und es gibt da einen verliebten Junker, der alles für die Rettung der Jungfer Pfarrerstochter tut. Dies mit einer gehörigen Portion romantischem Schmalz versehen und selbstverständlich herzergreifend.

Lesern, denen eine solche Geschichte bekannt vorkommt, haben vermutlich Johann Wilhelm Meinholds Roman Maria Schweidler, die Bernsteinhexe aus dem Jahr 1843 gelesen. Antonie Magen gibt keinen Hinweis darauf, ob sie Meinholds Roman als Anregung oder Vorlage für Die Pfarrerstochter benutzt hat. Allerdings kann man wohl getrost davon ausgehen, daß eine Autorin, die zum historischen Roman des 19. Jahrhunderts promoviert hat, ganz gewiß Die Bernsteinhexe kennt. Jedoch entwickelt sie in ihrem Roman eine eigene Geschichte, in moderner Sprache. Die Autorin erzählt die Geschichte der Koserower Pfarrerstochter Irene Schweiger mit viel historischer Sachkenntnis und offenbar auch einer Menge Spaß, ohne Schmalz. Entstanden ist so eine spannende Geschichte um Lügen, Machtgier und Verrat, um Gewalt und Justizmord, mit einer liebenswerten Hauptprotagonistin und einem genauen Blick auf die damalige politische Großwetterlage. Leser, die sich darauf einlassen wollen, sind schon nach wenigen Seiten gefangen.

Schweifende Gedankengänge

In diesem Roman finden sich viele spannende Szenen, allerdings wird dem Leser auch eine gehörige Portion Geduld abverlangt. Mit unter gibt es recht weitschweifende Schilderungen von Situationen und Örtlichkeiten, oft unterbrechen seitenlange Gedankengänge einzelner Protagonisten den Fluß der Handlung und nicht immer tut dies dem Spannungsbogen gut. Allerdings hat der Leser hier die Chance, die wichtigsten Mitspieler in diesem Roman intensiv kennen zu lernen, ihre Wünsche und Beweggründe einzuordnen und ihre Handlungen besser zu verstehen. Und überhaupt hat Antonie Magen für ihren Roman interessantes Personal engagiert, das einen tiefen Einblick in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges erlaubt, in das Leben der Menschen in dieser Zeit und in den Machtpoker, dem so manches kleine Land damals ausgesetzt war.

Die Pfarrerstochter ist als historischer Kriminalroman deklariert und natürlich gibt es hier einen Kriminalfall zu lösen. Allerdings ist der teilweise recht durchsichtig gestrickt und bildet an einigen Stellen für langjährig geübte Krimileser keine echte Hürde. Aber nicht jedes Detail wird so schnell durchschaut und auf diese Weise bleibt die Suche nach der Lösung bis zu den letzten Seiten interessant. Allerdings agiert der von der Autorin geschaffene Detektiv, jener schon erwähnte Rechtsgelehrte aus Italien, in seiner zaghaften und auch etwas tollpatschigen Art eher als Anti-Held, so daß letztendlich das Eingreifen "höherer Mächte" erforderlich wird. Schade eigentlich.

Urlaubslektüre, nicht nur auf Usedom!

Mit Die Pfarrerstochter legt Antonie Magen einen spannenden und an der historischen Realität orientierten Roman vor. Schade, daß es kein Nachwort dazu gibt. Dies wäre eventuell der geeignete Ort gewesen, etwas zur Entstehungsgeschichte des Romans zu schreiben. Auch ein wenig historischer Hintergrund, speziell zur Geschichte der Pommern-Herzöge, wäre für viele historisch interessierte Leser sicher wichtig.

Letztendlich aber kann man feststellen: Für die Urlaubszeit ist das genau die richtige Reiselektüre, selbst wenn man nicht an die Ostsee nach Koserow fährt.

Die Pfarrerstochter

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