Das Pestkind

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2014, Titel: 'Das Pestkind', Originalausgabe

Couch-Wertung:

70
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Sabine Bongenberg
Lamm im Wolfspelz

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2014

Eigentlich ist man selbst schuld, wenn man sich bei der Auswahl einer Lektüre am Umschlagtext orientiert. Wer zum Beispiel den Text zu Nicole Steyers Pestkind liest, der muss zu dem Eindruck gelangen, dass hier einerseits ein mehr oder weniger spannender mittelalterlicher Krimi besprochen wird, wächst doch die Heldin des Buches Marianne im Hause von der Witwe Hedwig Thaler auf, die eines Tages erschlagen auf dem Hof aufgefunden wir "und nur Marianne ahnt wer der Mörder ist"….. Andererseits wäre auch denkbar, dass hier die Geschichte einer Ausgrenzung und subtilen Bedrohung aufgebaut wird, denn als "Überlebende der Pest gilt sie (Marianne) fast als so etwas wie eine Hexe". Das wären also Erwartungshaltungen, die nach diesem Text denkbar wären.

Leser mit dieser Erwartungshaltung müssen aber alsbald feststellen, dass sie den berühmten "Holzweg" eingeschlagen haben. Erzählt wird vielmehr hauptsächlich die Geschichte von Marianne, die tatsächlich als Einzige einen Pestausbruch auf dem Gut ihrer Eltern überlebt, harte Zeiten im Hause der Witwe Hedwig Thaler erlebt, über diverse Irrungen und Wirrungen mit einem Heerlager der Schweden den 30jährigen Krieg durchlebt und schließlich und endlich in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um dort noch unerledigte Angelegenheiten abzuwickeln. Der angedeutete Krimi findet zwar in Form der Ermordung der Witwe Thaler und verschiedener unliebsamer Zeugen, die kurzerhand ins Jenseits befördert werden, grundsätzlich statt, bildet aber nur einen Nebenschauplatz. Ein Umstand, der den Leser nicht undankbar zurück lässt, da er sowieso von vornerherein weiß, wer es war. Weiterhin ist auch Nicole Steyer offensichtlich der Meinung, dass Mörder ihr Tagwerk generell böse oder gemein grinsend verrichten oder aber den anstehenden Opfern noch ein paar hämische Sprüche mit auf den Weg geben müssen. Eine Einschätzung, die beim ersten Mal irritiert, später aber zusehends nervt.

Wer ist das Opfer?

Ob die gelobte historische Korrektheit der Autorin und die genaue Recherche nun zutreffen oder nicht, mag dahingestellt bleiben. Es ist Nicole Steyer aber nicht gelungen, die Situation einer alleinstehenden Frau, die den Makel des Übernatürlichen in schwierigen Zeiten an sich trägt, glaubhaft zu vermitteln. Sicher – gelegentlich wird Marianne von abergläubischen und gemeinen Weibern angegiftet und muss sich böse Worte anhören. Angesichts der Anfeindungen, die allein aber schon das heutige Internet-Mobbing regelmäßig bereit hält, können derartige Ausbrüche nicht wirklich erschüttern. Wesentlich erschreckender erscheint hier das Schicksal des geistig behinderten Ziehbruders der Heldin. Dessen Schicksal unter der Fuchtel eines homosexuellen Pädophilen ist im Vergleich zu dem der Heldin tatsächlich bedauernswert, kann er sich doch nicht durch tiefe Blicke aus seinen blauen Augen oder tränenreiche Ausbrüche aus der Affäre ziehen. Hier sei die Frage gestattet, wer denn nun das eigentlich Opfer ist – die Heldin Marianne, die immer wieder Fürsprecher und Helfer findet oder aber der minder bemittelte Anderl, der sich tatsächlich alleine durchschlagen muss und zum Spielball der lüsternen Einflussreichen wird.

Neben diesen Erwartungen, die Steyers Roman nicht zu erfüllen vermag, bleiben auch weitere Fragen offen, die den Genuss an der Lektüre schmälern. So bleibt ungeklärt, warum Marianne als immerhin einzige Überlebende einer zumindest mittelständischen Familie und Erbin eines Gutshauses ihr Leben unter kargsten und ärmlichsten Bedingungen im Wirtshaus der später ermordeten Hedwig Thaler fristen muss. Nicht nachvollziehbar ist, warum die Heldin, die regelmäßig vor Zuneigung zu ihrem Ziehbruder regelrecht dahinschmilzt und oft und gerne und in aller Unschuld auch ihr Bett mit ihm teilt, mehr oder weniger Gefallen am Leben im Heerlager der Schweden findet. Wohlgemerkt bei den Personen, die ihr Tagewerk in erster Linie mit Plündern und Brandschatzen verbringen dürften, sofern ihnen das Brauen des berühmten "Schwedentrunks" Zeit dazu lässt. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum die erwähnten Schweden offensichtlich akzentfrei deutsch oder aber Marianne fließend schwedisch sprechen, findet sich doch keine Erwähnung einer Sprachbarriere.

Aber nachdem nun genug an dem herumgemäkelt wurde, was der Roman nicht kann, zu der Frage: Was kann er denn eigentlich? Nicole Steyer kann mit der Liebesgeschichte zwischen Marianne und ihrem schwedischen "Eroberer" Albert unterhalten. Sie entspinnt die alte Geschichte vom tapferen Mädchen, das durch die Liebe zu einem einflussreichen Mann gewinnt, aber vor dem Hintergrund des 30jährigen Krieges diverse Prüfungen zu erdulden hat, bevor sie ihm abschließend in die Arme sinkt. Neu ist das sicherlich nicht – dennoch vermag es immer wieder zu fesseln.

Eine schicksalhafte Begegnung – die zukünftig Liebenden stehen sich gegenüber – natürlich in einer Kirche:

 

"Albert sah Marianne durchdringend an. Sie beeindruckte ihn. Diese Frau war wunderschön und tapfer, ihr langes schwarzes Haar war etwas zerzaust, schimmerte aber im Sonnenlicht, das durch die Kirchenfenster hereinfiel. Es bildete einen ganz eigenen Kontrast zu ihren großen blauen Augen, die ihn voller Erwartung ansahen. Ihre Wangen waren gerötet, und ihr schäbiges Kleid war staubig, doch die Art, wie sie Haltung bewahrte, zeugte von Stolz."

 

Als Fazit bleibt: Sofern sich der Leser von der Erwartungshaltung löst, einen historischen Krimi oder ein bedrohliches Sittengemälde zu lesen, der wird in dem "Pestkind" durchaus unterhalten. Dennoch: Wer hier eine Gänsehaut erwartet, der wird enttäuscht. Die Liebhaber der literarischen Wärmflasche dagegen dürften sich zufrieden zeigen.

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