Das Pestkind

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2014, Titel: 'Das Pestkind', Originalausgabe

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Sabine Bongenberg
Lamm im Wolfspelz

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2014

Eigentlich ist man selbst schuld, wenn man sich bei der Auswahl einer Lektüre am Umschlagtext orientiert. Wer zum Beispiel den Text zu Nicole Steyers Pestkind liest, der muss zu dem Eindruck gelangen, dass hier einerseits ein mehr oder weniger spannender mittelalterlicher Krimi besprochen wird, wächst doch die Heldin des Buches Marianne im Hause von der Witwe Hedwig Thaler auf, die eines Tages erschlagen auf dem Hof aufgefunden wir "und nur Marianne ahnt wer der Mörder ist"….. Andererseits wäre auch denkbar, dass hier die Geschichte einer Ausgrenzung und subtilen Bedrohung aufgebaut wird, denn als "Überlebende der Pest gilt sie (Marianne) fast als so etwas wie eine Hexe". Das wären also Erwartungshaltungen, die nach diesem Text denkbar wären.

Leser mit dieser Erwartungshaltung müssen aber alsbald feststellen, dass sie den berühmten "Holzweg" eingeschlagen haben. Erzählt wird vielmehr hauptsächlich die Geschichte von Marianne, die tatsächlich als Einzige einen Pestausbruch auf dem Gut ihrer Eltern überlebt, harte Zeiten im Hause der Witwe Hedwig Thaler erlebt, über diverse Irrungen und Wirrungen mit einem Heerlager der Schweden den 30jährigen Krieg durchlebt und schließlich und endlich in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um dort noch unerledigte Angelegenheiten abzuwickeln. Der angedeutete Krimi findet zwar in Form der Ermordung der Witwe Thaler und verschiedener unliebsamer Zeugen, die kurzerhand ins Jenseits befördert werden, grundsätzlich statt, bildet aber nur einen Nebenschauplatz. Ein Umstand, der den Leser nicht undankbar zurück lässt, da er sowieso von vornerherein weiß, wer es war. Weiterhin ist auch Nicole Steyer offensichtlich der Meinung, dass Mörder ihr Tagwerk generell böse oder gemein grinsend verrichten oder aber den anstehenden Opfern noch ein paar hämische Sprüche mit auf den Weg geben müssen. Eine Einschätzung, die beim ersten Mal irritiert, später aber zusehends nervt.

Wer ist das Opfer?

Ob die gelobte historische Korrektheit der Autorin und die genaue Recherche nun zutreffen oder nicht, mag dahingestellt bleiben. Es ist Nicole Steyer aber nicht gelungen, die Situation einer alleinstehenden Frau, die den Makel des Übernatürlichen in schwierigen Zeiten an sich trägt, glaubhaft zu vermitteln. Sicher – gelegentlich wird Marianne von abergläubischen und gemeinen Weibern angegiftet und muss sich böse Worte anhören. Angesichts der Anfeindungen, die allein aber schon das heutige Internet-Mobbing regelmäßig bereit hält, können derartige Ausbrüche nicht wirklich erschüttern. Wesentlich erschreckender erscheint hier das Schicksal des geistig behinderten Ziehbruders der Heldin. Dessen Schicksal unter der Fuchtel eines homosexuellen Pädophilen ist im Vergleich zu dem der Heldin tatsächlich bedauernswert, kann er sich doch nicht durch tiefe Blicke aus seinen blauen Augen oder tränenreiche Ausbrüche aus der Affäre ziehen. Hier sei die Frage gestattet, wer denn nun das eigentlich Opfer ist – die Heldin Marianne, die immer wieder Fürsprecher und Helfer findet oder aber der minder bemittelte Anderl, der sich tatsächlich alleine durchschlagen muss und zum Spielball der lüsternen Einflussreichen wird.

Neben diesen Erwartungen, die Steyers Roman nicht zu erfüllen vermag, bleiben auch weitere Fragen offen, die den Genuss an der Lektüre schmälern. So bleibt ungeklärt, warum Marianne als immerhin einzige Überlebende einer zumindest mittelständischen Familie und Erbin eines Gutshauses ihr Leben unter kargsten und ärmlichsten Bedingungen im Wirtshaus der später ermordeten Hedwig Thaler fristen muss. Nicht nachvollziehbar ist, warum die Heldin, die regelmäßig vor Zuneigung zu ihrem Ziehbruder regelrecht dahinschmilzt und oft und gerne und in aller Unschuld auch ihr Bett mit ihm teilt, mehr oder weniger Gefallen am Leben im Heerlager der Schweden findet. Wohlgemerkt bei den Personen, die ihr Tagewerk in erster Linie mit Plündern und Brandschatzen verbringen dürften, sofern ihnen das Brauen des berühmten "Schwedentrunks" Zeit dazu lässt. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum die erwähnten Schweden offensichtlich akzentfrei deutsch oder aber Marianne fließend schwedisch sprechen, findet sich doch keine Erwähnung einer Sprachbarriere.

Aber nachdem nun genug an dem herumgemäkelt wurde, was der Roman nicht kann, zu der Frage: Was kann er denn eigentlich? Nicole Steyer kann mit der Liebesgeschichte zwischen Marianne und ihrem schwedischen "Eroberer" Albert unterhalten. Sie entspinnt die alte Geschichte vom tapferen Mädchen, das durch die Liebe zu einem einflussreichen Mann gewinnt, aber vor dem Hintergrund des 30jährigen Krieges diverse Prüfungen zu erdulden hat, bevor sie ihm abschließend in die Arme sinkt. Neu ist das sicherlich nicht – dennoch vermag es immer wieder zu fesseln.

Eine schicksalhafte Begegnung – die zukünftig Liebenden stehen sich gegenüber – natürlich in einer Kirche:

 

"Albert sah Marianne durchdringend an. Sie beeindruckte ihn. Diese Frau war wunderschön und tapfer, ihr langes schwarzes Haar war etwas zerzaust, schimmerte aber im Sonnenlicht, das durch die Kirchenfenster hereinfiel. Es bildete einen ganz eigenen Kontrast zu ihren großen blauen Augen, die ihn voller Erwartung ansahen. Ihre Wangen waren gerötet, und ihr schäbiges Kleid war staubig, doch die Art, wie sie Haltung bewahrte, zeugte von Stolz."

 

Als Fazit bleibt: Sofern sich der Leser von der Erwartungshaltung löst, einen historischen Krimi oder ein bedrohliches Sittengemälde zu lesen, der wird in dem "Pestkind" durchaus unterhalten. Dennoch: Wer hier eine Gänsehaut erwartet, der wird enttäuscht. Die Liebhaber der literarischen Wärmflasche dagegen dürften sich zufrieden zeigen.

Das Pestkind

Das Pestkind

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Letzte Kommentare:
13.06.2014 13:02:44
chatty1968

Als bekennender Fan historischer Romane hat mich dieses Buch (Titel und Cover) sofort angesprochen.

Bereits von der ersten Seite hatte mich die Geschichte komplett in Griff. Ich wollte nur noch eines: LESEN! Sogar das Essen habe ich vergessen, weil ich dieses Buch einfach nur verschlungen habe.

Die Protagonisten sind sehr detailiert beschrieben und im Laufe der Geschichte fühlt man sich fast schon ein bisschen hingezogen und "irgendwie verwandt". Die Situationen mit der vermeintlichen Hexerei, der Tross oder auch die Strafen bzw. deren Vollzug sind so eindrücklich geschildert, dass man sich als Zuschauer fühlt und stellenweise auch etwas Gänsehautfeeling verspürt.

Ich bin total begeistert und kann dieses Buch absolut empfehlen. Für mich war es Lesegenuß pur! Vielen Dank dafür!

01.05.2014 17:53:44
unclethom

Ein kleines namenloses Mädchen aus dem Weiler Kieling soll die Pest 1632 überlebt haben. Nicole Steyer hat ihr mit diesem Roman ein würdiges Andenken geschaffen und ihr auch einen Namen gegeben.
Selten zuvor hat mich ein Buch über fast 600 Seiten schon zu Beginn so fesseln können wie „Das Pestkind“. Wunderschön plastisch beschreibt die Autorin die Örtlichkeiten und die Menschen in ihrem Buch. Es ist so, dass mein Kopfkino schon auf den ersten 10 Seiten zu rattern begann und nicht aufhörte bis zur letzten Seite.
Als ich das Buch aus den Händen legte war es für mich fast so, als hätte ich einen guten Freund nach einem längeren Besuch wieder verlassen, in dem Wissen ihn so schnell nicht wieder zu sehen.
Die Figuren in ihrem Roman waren alle richtig glaubhaft und man litt mit ihnen, man freute sich mit ihnen als wären es reale Personen und keine Fiktion. Es war das erste Buch von der Autorin das ich gelesen habe, aber ganz sicher nicht das letzte. Sehr gespannt bin ich auch auf ihren Erstling „Die Hexe von Nassau“ der hier schon bereitliegt um von mir verschlungen zu werden. Der Autorin ist es gelungen mich mit nur einem Roman zu einem Fan ihrer Bücher zu machen. Ich bin gespannt was in Zukunft noch auf uns zukommt von Nicole Steyer.
Für diesen Phantastischen Roman vergebe ich 5 von 5 Sternen sowie eine Leseempfehlung.

23.04.2014 16:27:46
Cappuccino-Mama

Eine Frau im Kampf für Anerkennung, Gerechtigkeit und die Liebe

Beinahe schon war ich entsetzt, wie lange es her ist, dass ich zuletzt einen historischen Roman gelesen hatte. Hatte ich noch vor einiger Zeit gedacht, diese Epoche, in der der Dreißigjährige Krieg Angst und Schrecken verbreitete, wäre nicht mein bevorzugter Handlungszeitraum, wurde ich doch zwischenzeitlich eines besseren belehrt – Dank einer Buchserie eines anderen Autors, die ich komplett verschlungen hatte. Und so fiel mir die Entscheidung nicht schwer, dieses Buch zu lesen – ich freute mich sogar ganz besonders darauf. Ob meine Erwartungen erfüllt wurden?...


Das Cover:

Die Pest – „der schwarze Tod“, der Dreißigjährige Krieg – eine dunkle Zeit in der Geschichte! Und so hat dieses Cover einen schwarzen, düster wirkenden Hintergrund. Welche Farbe wäre da auch passender für das Cover eines historischen Romans, der mit diesen beiden prägnanten Themen aufwartet - mit dem schier endlos erscheinenden Krieg und mit der Pest, die beide eine tödliche Gefahr darstellen!?

Es ist ein typisches Cover für einen historischen Roman – und das ist gut so, denn wer nach diesem Genre Ausschau hält, dessen Blicke werden auf diesen Roman gerichtet werden. Im Vordergrund erblickt man eine Frauengestalt – wie so oft nicht vollständig abgebildet, vielmehr ist es nur ein detailreiches Kleid aus edlen Stoffen, aufwendig verarbeitet, verziert mit Bordüren und Stickereien. Auch vom Gesicht sieht man lediglich einen kleinen Ausschnitt, aber man erkennt deutlich das Schönheitsideal der damaligen Zeit, das vom heutigen Schönheitsempfinden sicherlich abweicht.

Im Hintergrund sieht man die Kulisse der Stadt Rosenheim (als Vorlage diente ein Stich aus dem Jahre 1701), einem der Handlungsorte des Buches. Mit seiner weißen Farbe bildet die Ansicht Rosenheims einen guten Kontrast zum dunklen Hintergrund. Dieses Motiv finde ich sehr gut gewählt, eben weil es einen direkten Bezug zum Roman hat.

Schade, dass sich beim Kleingedruckten keine Quellenangaben zu den verwendeten Bildern befinden, denn ich betrachte die verwendeten Vorgaben gerne auch als komplettes Bild. Übrigens sehe ich in der abgebildeten Frau nicht „meine Marianne“, sondern lediglich eine Frau der damaligen Zeit, die, der Kleidung nach, aus einem höheren Stand zu stammen scheint.


Die Handlung:

Rosenheim zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Die kleine Marianne Leitner ist aus ihrer Familie die einzige Überlebende der Pest.Fortan erfährt das Mädchen von den Bewohnern Rosenheims nur Ablehnung, Hass und Verachtung – man beschimpft Marianne und fürchtet sie zugleich, schreibt man ihr doch zu, das Unheil anzuziehen.

Marianne wächst bei der Brauereibesitzerin Hedwig Thaler auf, die Marianne und den eigenen Sohn Anderl, der geistig zurückgeblieben ist, schlecht behandelt, und für die Marianne nichts weiter als eine billige Arbeitskraft ist. Eines Tages wird Hedwig erschlagen aufgefunden und Anderl wird des Mordes an der eigenen Mutter verdächtigt und verhaftet. Doch Marianne ahnt, wer der wahre Mörder ihrer Ziehmutter ist.

Marianne kann dem geliebten Ziehbruder nicht helfen, denn sie muss, damit Rosenheim von den Schweden nicht zerstört wird, zusammen mit einem schwedischen Tross die Heimat verlassen. Doch sie hatte Anderl versprochen, zu ihm zurückzukehren und ihm zu helfen – aber das ist leichter gesagt als getan, denn die Schweden sind nicht gewillt, Marianne ziehen zu lassen. Wird es Marianne gelingen, Anderls Hinrichtung zu verhindern?...


Meine Meinung:

Das Pestkind gab es wirklich, wobei der Name nicht überliefert ist. Doch in einem kleinen Ort bei Kieling, in der Nähe von Rosenheim, gibt es einen Gedenkstein für das Mädchen, das als Einzige die Pest überlebte. Dieses Kind inspirierte Autorin Nicole Steyer, die in Rosenheim aufwuchs, zu diesem Roman.

Der größte Teil der Handlung in DAS PESTKIND findet 1648 statt, dem Jahr, als der endlos scheinende Krieg endete und endlich friedliche Zeiten anbrachen. Doch leider konnte davon nicht die Rede sein, denn die Armut blieb und der Kampf ums Überleben ging weiter. Eine Zeit voll Gewalt, die in diesem Buch auch sehr anschaulich vermittelt wurde. Manche Szenen sind nur schwer zu ertragen, doch das Leben damals war nun mal leider so.

Marianne mochte ich sehr gerne. Wie sehr wünscht man sich als Leser, dass dieses Mädchen endlich geachtet wird und ihr Glück findet. Statt es als eine Gnade Gottes zu sehen, dass das kleine Mädchen als einzige auf dem Gehöft die Pest überlebte, begegnet man Marianne mit Hass, Misstrauen und Ablehnung. Ihr Überleben wird vielmehr als Teufelswerk gesehen und so ist man in Rosenheim erleichtert, als das ungeliebte Pestkind aus dem Leben der Einwohner verschwindet, schließlich wird Marianne für so manches Unglück verantwortlich gemacht.

Anderl, Mariannes geliebter Ziehbruder, tat mir sehr leid, denn keiner außer Marianne akzeptiert den fünfzehnjährigen Jungen – nicht einmal die eigene Mutter. Obwohl diese ihm keinerlei Liebe entgegenbrachte, sondern ihn gar verachtete, liebte er seine Mutter dennoch. Doch als sie ermordet wird, fällt der Verdacht sofort auf Anderl, der nicht in der Lage ist, sich zur Wehr zu setzen. Anderl hat das Gemüt eines Kindes, ist friedfertig und ein liebenswerter Mensch, doch leider kann so eine Hilflosigkeit einem Menschen schnell zum Verhängnis werden. Dass ihm dann auch noch Marianne, die seine einzige Bezugsperson ist, genommen wird, lässt für ihn eine Welt zusammenbrechen. Wer soll ihm nun fortan zur Seite stehen?

Hedwig Thaler ist, man muss das so sagen, ein schlechter Mensch und eine gefühlskalte Frau. Dass sie Marianne einst als Ziehtochter in der Familie aufnahm, geschah nicht aus Nächstenliebe, sondern war pure Berechnung. So hatte Hedwig in Marianne eine billige Arbeitskraft gefunden, was ihr sehr zugute kam, denn Hedwig war alles andere als eine arbeitsame Frau. Für Hedwig zählt lediglich Geld und ein angenehmes Leben, und so kümmert sie das Schicksal ihrer Mitmenschen nicht. Dass sie Monat für Monat Geld dafür bekam, dass sie Marianne ein Dach über den Kopf bot, kam ihr in ihrer Geldgier geradezu gelegen.

Franz, der Abt des Klosters, fühlt sich für Marianne verantwortlich und liebt sie von ganzem Herzen. Bei ihm findet das Mädchen Zuflucht, wenn es mal wieder schlecht behandelt wurde. Doch in einem Männerkloster kann Marianne auf keinen Fall leben! Während die Bewohner Rosenheims das Überleben Mariannes als Teufelswerk betrachten, sehen Franz und seine Glaubensbrüder darin eine Gnade Gottes. Sie fühlen sich für die inzwischen achtzehnjährige Marianne verantwortlich und es schmerzt sie zutiefst, dass diese von ihren Mitmenschen so schlecht behandelt wird.

Für die Mönche Pater Franz und Pater Johannes, sowie die anderen Klosterbrüder, ist Marianne wie eine Tochter, die es zu beschützen gilt. Und ich muss sagen, dass ich in diesem Roman die Mönche und den Pfarrer in mein Herz geschlossen habe und richtig mit ihnen gelitten habe. Wie schrecklich muss es für jemanden sein, einen geliebten Menschen ziehen zu lassen, in der Gewissheit, ihn nie wieder zu sehen.

Pfarrer Angerer fand die kleine, völlig verwahrloste Marianne einst im Schweinestall des Hofes, der ihrer Familie gehörte. Er nahm sich des Mädchens an und hoffte, die Kleine gut untergebracht zu haben. Doch weshalb brachte er das Kind nicht in ein Nonnenkloster, sondern gab es in die Obhut dieser garstigen Hedwig Thaler?

Ganz schlimm fand ich ganz besonders drei Personen im Buch. Dies war zum einen der Büttel von Rosenheim. August Stanzinger nützte seine Macht, die er besaß, schamlos und zu seinen Gunsten aus. Doch die Art und Weise wie er dies tat, war einfach nur abartig. Der andere Bösewicht war Hedwigs skrupelloser Cousin Josef Miltstetter, der sich nur zu gerne die Brauerei unter den Nagel gerissen hätte – koste es was es wolle. Und zum Schluss war es Friedrich, den ich einfach nur widerlich fand. Er gehört der schwedischen Truppe an und ist besonders brutal und widerwärtig – ein Sadist ohnegleichen.

Die Schweden zogen während des Dreißigjährigen Kriegs durch Deutschland, plünderten, töteten, folterten bestialisch und verbreiteten Angst und Schrecken, wohin sie auch kamen. Wie muss Marianne sich gefühlt haben, als die Schweden forderten, dass Marianne mit ihnen weiterziehen sollte, weil sie ansonsten die Stadt niederbrennen würden!? Sie musste die Heimat verlassen und was noch schlimmer war, sie musste den hilflosen Anderl, der des Mordes an der eigenen Mutter verdächtigt wurde, zurücklassen – immer in der Angst, ihn nie wieder lebend wiederzusehen.

Was für Marianne als Alptraum begann, den Feinden hilflos ausgeliefert, wandte sich teilweise zum Guten. Marianne fand endlich die Anerkennung, die sie in der Heimat nie erfahren hatte. Sie fand echte Freunde, die sie akzeptierten, erlebte ein buntes Leben im Tross, der sich wie ein Wurm durch die Lande schlängelte. Doch können aus Feinden Freunde oder mitunter gar Liebende werden?

Alles hätte so schön sein können, wäre da nicht die Sorge um das Schicksal von Anderl gewesen, denn Marianne fühlte sich, als hätte sie den Jungen im Stich gelassen. Wie sehr hätte es Marianne beruhigt, Anderl in guten Händen zu wissen, so jedoch nagt die Ungewissheit an ihr. Und leider meint es das Schicksal auch sonst nicht besonders gut mit Marianne, denn sie verliert einige der Menschen, die sie ins Herz geschlossen hatte, und fühlt sich regelrecht dazu verdammt, anderen Leuten immer nur Unglück zu bringen.

Albert, den Bruder des schwedischen Generals, habe ich in mein Herz geschlossen, habe stellenweise um sein Leben gebangt. Während sein Bruder Feldherr mit Leib und Seele war, hasste Albert den Krieg, hasste es, wie seine Kameraden sich verhielten und stand dem Leben im Krieg doch hilflos gegenüber - er hatte schlichtweg keine andere Wahl. Und dann begegnet er Marianne, die ihm gefällt, beweist sie doch Mut, in einer Situation, die auswegslos erscheint. Sein Interesse an der jungen Frau bleibt seinen Kameraden jedoch nicht verborgen.

Der General Carl Gustav Wrangel lebte mit und vor allem vom Krieg, sicherte ihm dieser doch seinen kostspieligen Lebenswandel. Er und seine Gemahlin liebten Gemälde und kostbare Möbelstücke, die sie im Tross mit sich führten. Die Autorin hat die Lebensverhältnisse des Ehepaares sehr anschaulich geschildert. So lebten die Damen in Zelten, die wohl komfortabler waren als so manches Haus. Sie aßen die köstlichsten Gerichte, führten ein ausschweifendes Leben – trotz des Krieges. Kein Wunder, dass Wrangel wie von Sinnen wütete, als er erfuhr, dass der Krieg zu Ende sein sollte.

Zuflucht und Geborgenheit fand Marianne, die sich nicht so recht unter den Damen akzeptiert fühlte, im Tross. Milli, eine alte Marketenderin, war für Marianne eine Vertrauensperson und sie war wie eine Mutter für die junge Frau. Otto, ein alter Mann, der schon viel erlebt hatte, erzählte gerne von seinen Erlebnissen. Hier fühlte Marianne sich so akzeptiert wie sie war, wurde herzlich aufgenommen und erlebte so etwas wie Kameradschaft und beinahe schon ein Familienleben.

Sehr gut gefiel mir, dass man im Anhang des Buches Informationen zu den Personen fand, die wirklich existiert haben, so z.B. auch das Ehepaar Carl Gustav und Anna Margarethe Wrangel, Pfarrer Angerer, sowie auch Pater Franz, der Wertsachen sammelte, um die Rosenheimer so vor den Zugriffen der schwedischen Truppen freizukaufen.

Eventuell wäre ein kleines Glossar noch sinnvoll gewesen, für all diejenigen, die Neueinsteiger bei historischen Romanen sind. Begriffe wie Tross oder Marketenderin sind dem ein oder anderen sicherlich nicht so geläufig, ebenso wie der Berufsstand eines Büttels. Ein Namensverzeichnis (vielleicht aufgegliedert in „Die Rosenheimer“ / „Die Schweden“,...) wäre nicht unbedingt nötig, aber wäre dennoch ein schönes Extra gewesen, das ich aus einigen anderen historischen Romanen kenne. Eventuell sinnvoll hätte ich auch eine Karte gefunden, um sich als Leser zu orientieren – vielleicht sogar mit einer eingezeichneten Reiseroute.

Ein Tross ist ein Zug von Wagen, der sich, wie die Autorin es so treffend formulierte, wie ein Wurm durch die Lande schlängelte. Es müssen enorme Ausmaße gewesen sein, die so ein Tross hatte (-regelrecht eine Stadt auf Rädern), mussten doch zahlreiche Personen versorgt werden mit allem, was Leib und Seele begehrten. Angefangen bei der Verpflegung mit Lebensmitteln, den zahlreichen Zelten (samt Möbeln) über die ärztliche Versorgung, bis hin zu den Huren und Gauklern, die für Unterhaltungen jeglicher Art zuständig waren. Die Autorin Nicole Steyer hat es hervorragend verstanden, diese Atmosphäre, die herrschte, zu vermitteln.

Eine Marketenderin Milli - zuständig war sie für die Belange der Truppe und sämtlichem Gefolge - vertrat ihren Berufsstand hervorragend. Zum einen war sie geschäftstüchtig, zum anderen beherrschte sie es, gut organisieren zu können – letzteres auch im Sinne vom Beschaffen von Waren, wobei sie nicht gerade zimperlich sein durfte. Mag sein, dass sie ein etwas energisches Auftreten hatte, was in ihrem Beruf auch erforderlich war, aber sie besaß eines: Ein gutes Herz! Die wohl in der Literatur bekannteste Marketenderin dürfte übrigens Bertold Brechts „Mutter Courage“ sein.

Glücklicherweise handelt es sich bei diesem historischen Roman nicht um einen Roman, bei dem geschichtliche Fakten oder ausschweifende Kampfhandlungen im Vordergrund standen (ich möchte schließlich kein Geschichtsbuch lesen), sondern um einen spannend geschriebenen Roman, bei dem das Leben der Bevölkerung im Vordergrund stand, das Zwischenmenschliche und nicht endlose Kämpfe, sowie politische Abhandlungen.

Leider gab es im Buch einige Fehler, die jedoch bis zur nächsten Auflage beseitigt sein dürften. So wird Hedwig Thaler, die ja die Ziehmutter von Marianne ist, als Stiefmutter bezeichnet, Anderl als der Stiefbruder. Das sorgte bei mir erst einmal für Verwirrung. Etwas gestört, weil es auf mich wie ein Fremdkörper wirkte, war beispielsweise das Wort „Büro“, das mehrfach auftauchte. Hier wäre wohl der Begriff „Schreibstube“ passender gewesen. Dennoch möchte ich dies nicht in die Bewertung einfließen lassen, da es für mich an der Handlung selbst, nichts auszusetzen gab.

Es gab viele Tote in diesem Roman. Manchen gönnte man ihr Schicksal, bei anderen trauerte man als Leser regelrecht, hatte man doch gehofft, alles würde sich zum Besseren wenden. Doch das Leben ist ungerecht, statt einem Happy End bescherte die Autorin so einigen ihrer Protagonisten ein tragisches Ende.

Für mich unvorstellbar: Dreißig Jahre Krieg! Krieg, der endlos erschien - der Plünderungen, Zerstörungen, Armut, aber auch Schändungen, Verstümmelungen, Folter, Mord, Tod, Krankheit und noch vieles mehr mit sich brachte. Leute, die nur Zeiten des Krieges kannten. Doch auch nach Kriegsende kehrten nicht automatisch friedliche Zeiten ein – die Folgen, wie Hungersnöte, blieben den Leuten noch lange erhalten. Eine düstere Zeit, doch trotz allem gab es auch noch Hoffnung und vor allem auch Liebe.


Fazit:

Dieser Roman hat mich emotional sehr berührt, so authentisch und lebensnah wirken die Charaktere. Ein Wechselbad der Gefühle – Mitleid, Trauer und Entsetzen wechselten sich ab mit Freude, Geborgenheit, Zuneigung, Liebe und Freundschaft. Mitunter gibt es Szenerien, die nur schwer verdaulich sind, aber die die jeweilige Situation verdeutlichen und glaubwürdig machen. Die Einbeziehung historisch belegter Personen finde ich immer gut, erfährt man so doch etwas über historische Hintergründe, in diesem Fall etwas über den schwedischen General Carl Gustav Wrangel und seine Frau Anna Margarethe. Angeregt durch das Buch habe ich hier weitere Infos über diese Personen gesammelt – „Geschichtsunterricht“, der Spaß macht.

Der Schreibstil der Autorin gefiel mir sehr gut, denn die Szenenwechsel (Tross – Rosenheim - …) erzeugten eine zusätzliche Spannung. Die Sprache ist modern, aber dennoch der damaligen Zeit (einigermaßen) angepasst. Ein spannendes und unterhaltsames Buch von der ersten bis zur letzten Seite, so dass mir das Lesen viel Vergnügen bereitete – trotz der ernsten Thematik. Von mir erhält das Buch eine absolute Leseempfehlung und somit 5 Sterne – schon bereits jetzt ist dieser Roman eines meiner Lesehighlights des Jahres.

03.03.2014 10:27:56
Mohnblume

Viel Herzblut hat die Autorin , Nicole Steyer in dieses Buch einfließen lassen. Ist sie doch selbst in Rosenheim aufgewachsen. Dort hat sie eine ausgiebige resche unternommen. Sind doch alle viele Historische Personen , aber auch das Pestkind belegt. Eine Geschichte berührend, traurig und doch Wundervoll zugleich. Ihre Protagonisten sind wie immer bildhaft und lebendig zugleich, man fühlt sich mitten in die Geschichte hinein versetzt und wird eins mit ihnen.

Sie enthührt uns nach Rosenheim und Ungebung während des dreißigjährigen Krieges. Das Pestkind wie man Marianne nennt, hat als einzige in ihrer Familie die Pest überlebt. Die Witwe und Brauereibesitzerin Hedwig Thaler hat sie bei sich aufgenommen. Aber das Leben dort ist mehr als Hart und Lieblos, nur Anderl der Sohn von Hedwig
ist ihr sehr zugetan, er liebt sie als sei sie seine große Schwester. Auch er hat es nicht leicht, ist er doch Geistig etwas zurück geblieben. Die Mutter wie die Bevölkerung verachtet die beiden und feindet sie an.
Nur der Pater Franz und die Mönche , stellen sich vor die beiden.
Eines Morgens wird die Witwe erschlagen aufgefunden, der Mord schiebt man Anderl in die Schuhe.
Lügen, Ränke und Intrigen werden geschmiedet und auch erpresst , nur um an das Erbe von Anderl zukommen.
Die Schweden überfallen Rosenheim und nehmen Marianne als
Kriegsbeute mit.
Dort findet sie ihre große Liebe , Albert der Bruders des
Generals liebt sie,
und will sie Heiraten.
Aber dunkle Wolken ziehen sich über dem jungen Glück zusammen. Albert wird nach einem Gefecht vermisst und Marianne bittet die Frau des Generals um Erlaubnis , nach Rosenheim reisen zu dürfen. Sie möchte Anderl helfen , denn sie kennt den wahren Mörder......
Eine gefährliche und Gefahrenvole Reise beginnt. Ob sie es schaffen wird Anderl vor dem Galgen zu retten und ob sie ihr Glück am Ende noch findet ? Es steht in den Sternen..........

"Mit diesem Buch ist ihr ein Meisterwerk gelungen ! Ein lebendiges , eindruckvolles und facettenreiches Buch . Ein Buch das Seele hat !
Spannend von der ersten bis zur letzten Seite "

Zeitpunkt.
Menschen, Schicksale und Ereignisse.

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