Ein langer, langer Weg

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Steidl, 2005, Titel: 'A Long Long Way', Originalausgabe

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Jörg Kijanski
Romane über den Ersten Weltkrieg gibt es einige, dieser ist Pflicht!

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2014

William Willie Dunnes großes Vorbild ist sein Vater James, der nach dem frühen Tod der Mutter ihn und die drei jüngeren Schwestern großzieht. James ist Chief Superintendent im Stadtschloss von Dublin und so steht für Willie früh fest, dass er ebenfalls Polizist werden möchte. Allein es bleibt ein Traum, denn er scheitert denkbar knapp an der erforderlichen Mindestgröße für Polizeibeamte. Dann verändert sich nicht nur das Weltgeschehen dramatisch, sondern auch das Leben von Willie. England ruft irische Freiwillige auf, für den König in den Ersten Weltkrieg zu ziehen und so wird Willie 1915 als Schütze nach Flandern verschifft. Der versprochene Lohn für tausende Soldaten: Die Selbstverwaltung für Irland!

 

Ich sage Ihnen, Schütze, Ihr Beitrag war nicht vergeblich. Sinn Féin mag auf dem Vormarsch sein, aber wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir denen Flötentöne beibringen. Wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir ihnen zeigen, was wir von Verrätern halten.

 

Zunächst liegt Willies Einheit, die Royal Dublin Fusilliers, nahe der Verteidigungslinie als plötzlich eine gelbliche Wolke herannaht. Die Soldaten ziehen sich zurück, doch Willies Hauptmann will die Stellung halten und wird Opfer eines dreckigen Giftgasangriffes der Hunnen. Spätestens hier erahnt Willie, worauf er sich eingelassen hat und so ist er für einen ersten Heimatbesuch äußerst dankbar. Der Familie geht es gut und seine Freundin, die keine Soldatenbraut sein möchte, verspricht, auf ihn zu  warten. Auf dem Rückweg zur Einschiffung fallen plötzlich Schüsse; mitten in Dublin. Ein junger Mann wird vor Willies Augen erschossen und Willie versteht die Welt nicht mehr. Erst nach und nach begreift er, dass hier britische Soldaten auf Iren geschossen haben. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt indes nicht, denn in Flandern schreitet der Krieg zunehmend voran und bald gilt nur noch eines: Zu überleben. Doch wofür?

Die Iren im Ersten Weltkrieg und beim Osteraufstand 1916

Sebastian Barry zeigt den Ersten Weltkrieg in all seiner erbarmungslosen Brutalität. Die Soldaten kämpfen überwiegend gegen einen unsichtbaren Gegner, dafür gibt es stundenlange Lärmberieselung durch Raketenangriffe und Maschinengewehrfeuer. Für ungezählte Leichen sorgen derweil heimtückische Giftgasangriffe. Als Lohn winkt in ferner Heimat die Unabhängigkeit Irlands, doch der Osteraufstand des Jahres 1916 wird von der britischen Armee brutal niedergeschlagen. Barry zeigt den Krieg aus irischer Sicht anhand des tragischen Protagonisten Willie Dunne, der eigentlich zur Polizei möchte und letztlich bis zum Oktober 1918 in den Schützengräben Flanderns um sein Überleben kämpft. Um Irland geht es ihm schon lange nicht mehr, denn die Soldaten gelten als Verräter auf beiden Seiten.

 

Man wusste nicht, was man davon halten sollte hier die eigenen Landsleute, die einen verhöhnten, weil man in der Armee war, dort die Armee, die einen verhöhnte, weil man sich hatte abschlachten lassen. Man hätte losbrüllen mögen vor lauter Qual. Dass der Krieg völlig sinnlos geworden war, spielte kaum eine Rolle.

 

Dafür waren sie also jahrelang unterwegs in den Schützengräben, im Dreck und tiefen Morast, haben auf endlosen Märschen am Wegesrand gefallene Kameraden gesehen, körperliche Torsos, einzelne Extremitäten, entstellte Köpfe.

 

Willie Dunne erhielt die Erlaubnis, sich dem Einsatzkommando anzuschließen und in der Erde ein Loch für ihn zu graben. In Wahrheit würde dieses Stückchen Erde in den kommenden Jahren vier oder fünf Mal umgepflügt werden. Jesse Kirwan würde aus seiner Ruhestätte in die Luft gesprengt und über das zerbombte Terrain verstreut werden, und abermals in die Luft gesprengt und verstreut werden, bis jedes Fitzelchen von ihm ganz und gar zerstäubt und ausgelöscht wäre.

 

Der Krieg ist gewaltig, genauso wie die Sprache des Autors

Nein, ein Krieg ist nicht schön und wer das Gegenteil auch nur vermutet, der greife zu Ein langer, langer Weg, einem Roman, welchen man mit Im Westen nichts Neues durchaus vergleichen darf. Am Ende gibt es kaum Überlebende und bei den wenigen, die sich irgendwie zusammengeflickt im Sommer 1918 noch auf den Beinen halten können, herrscht die größtmögliche Desillusion. Was bleibt ist totale Desorientiertheit und ein grenzenloser Fatalismus.

 

Wie viele Herzen hatten zu schlagen aufgehört, wie viele Seelen suchten die ihnen zugewiesenen Plätze, wie viele waren Teil der Menge, die den Weg durch Petrus Himmelpforte verstopfte? Wunderte sich der Heilige über die plötzlichen Horden, die mit ihren Akzenten aus den Vier Grünen Feldern Irlands auf ihn vorrückten, um die Gnade des Himmels zu erflehen?

Die Scheiße in seiner Hose trocknete, so dass Willie Dunnes Hintern teuflisch juckte.

Es war der Donnerstag nach Ostern in jenem Reich des myriadenfachen Todes.

 

Ein beeindruckendes Werk hat Sebastian Barry abgeliefert, das den Ersten Weltkrieg nicht aus der Sicht der Geschichtsbücher (wer schlug wie wann welche Schlacht) mit ihren ungenannten Toten zeigt, sondern aus der Sicht eines einfachen Soldaten. Über die großen Ereignisse, wo, wie, wann, welche Fronten verlaufen, wer auf welcher Seite was entscheidet, erfährt man nichts. Allein die Ereignisse in Irland, die in den abschließenden Anmerkungen des Übersetzers erläutert werden, bilden eine Ausnahme.

Wer die Brutalität des Romans, pardon, des Weltkrieges, aushält, der darf sich immerhin auf etwas Positives freuen: Die brillante Sprachgewalt des Autors, der mühelos wunderbare Schachtelsätze über zehn bis fünfzehn Zeilen fließen lässt. Dies macht die Lektüre nicht leichter, aber literarisch umso beeindruckender.

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