Schwester Melisse

  • Brunnen
  • Erschienen: Januar 2014
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  • Brunnen, 2014, Titel: 'Schwester Melisse: Die Klosterfrau von Köln', Originalausgabe
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Rita Dell'Agnese
871001

Histo-Couch Rezension vonFeb 2014

Die Klosterfrau, die mit dem Melissengeist Mauern sprengt

Man wird sich von allem Anfang an vor Augen führen müssen, dass es sich hier um einen biographischen Roman handelt, wenn man das Buch Schwester Melisse der Autorin Tanja Schurkus zur Hand nimmt. So vermag man einer gewissen Ernüchterung vorzubeugen. Die Autorin stellt die im Köln des frühen 19. Jahrhunderts lebende Nonne Maria Clementine Martin ins Zentrum ihres Romans. Sie skizziert die kluge Ordensfrau, die sich mit ihrer Entwicklung nicht nur für die arme Bevölkerung einsetzt und ihnen Zugang zu einem einfachen aber mehrfach bewährten Mittel verschafft. Die Nonne verstößt auch gegen viele Konventionen. So baut sie zu einer Zeit ein florierendes Unternehmen auf, in der es den Frauen nicht geraten war, als Unternehmerinnen aufzutreten. Erst recht nicht, wenn sie, wie Maria Clementine Martin ein Armutsgelübde abgelegt haben. Fragen werfen letztlich auch die politische Undurchschaubarkeit der Nonne auf, sie steht im Verdacht, vom Preußischen König Geld zu beziehen und erweckt so die Missgunst jener, die sich klar gegen die Preußische Vorherrschaft in Köln stellen. Als es der umtriebigen Frau gelingt, nicht nur die Liegenschaft zu kaufen, in der sie bis vor kurzem einen kranken Bischof pflegte, sondern sich auch noch daran macht, ein eigenes Melissenwasser zu destillieren, ruft sie den Neid der Apotheker und Ärzte hervor. Verschiedene Gegner versuchen, der Nonne Steine in den Weg zu legen.

Trockene Materie

Obwohl Tanja Schurkus sehr geschickt versucht, der Geschichte um die hervorragende Geschäftsfrau und heilkundige Nonne Leben einzuhauchen, bleibt der Roman letztlich eine verhältnismäßig trockene Lektüre. Die Autorin bleibt auf eine seltsame Art distanziert zu ihrer Protagonistin – sie vermag es nicht ganz, die Frau so zu skizzieren, dass ein greifbarer und lebendiger Charakter entstanden wäre. Dies ist wohl dem Bestreben geschuldet, bei der Ausgestaltung der Klosterfrau möglichst realitätsnah zu bleiben und die eigenwillige Persönlichkeit der historisch verbürgten Figur so gut wie möglich in die Romanfigur einfließen zu lassen. Doch der Respekt vor dem Vorbild hat dazu geführt, dass die Autorin einen zu großen Abstand wahrt.  Da hilft es auch wenig, dass Tanja Schurkus der Klosterfrau einige sehr unterschiedliche Personen gegenüber stellt. Besonderes Augenmerk liegt hier auf zwei ehemaligen Soldaten, die von der Nonne nach der Schlacht von Waterloo gesund gepflegt worden sind. Theodor Greven begegnet Schwester Maria mit viel Misstrauen, sein Kriegskamera Gottfried Prangenberg hingegen setzt in sie sein volles Vertrauen. Die beiden Pole bringen eine gewisse Spannung in den Roman, der sich jedoch deshalb in engen Grenzen hält, weil sich die Autorin auch hier in großer Zurückhaltung übt.

Interessanter Einblick

Vor dem Hintergrund allerdings, dass es der Autorin ein Anliegen war, das Leben der Klosterfrau, die den heute noch im Gebrauch stehenden "Klosterfrau Melissengeist" entwickelt hat, nachzuzeichnen, vermag der Roman seinen Zweck zu erfüllen. Er gewährt einen tiefen Einblick in die Entwicklung eines verhältnismäßig einfachen Hausmittels, das zur damaligen Zeit nahezu das einzige Medikament darstellte, das sich die ärmere Bevölkerungsschickt leisten konnte. Interessant ist auch die Darstellung des gespaltenen Kölns. Während die einen mit dem Einzug der Preußischen Truppen leben können, sind sie den anderen so verhasst, dass gar Kinder Spottlieder auf die ungeliebten Besatzer verfassen und keine Gelegenheit auslassen, ihren Mut im passiven Widerstand gegen die Truppen unter Beweis zu stellen. Hier zeigt sich die umfassende Recherche, die die Autorin betrieben hat. Sie bleibt nicht beim Hauptthema stehen, sie verknüpft es mit vielen anderen Aspekten und lässt dadurch ein verhältnismäßig lebendiges Bild von den damaligen Gepflogenheiten entstehen.

Eine Gratwanderung

Der biographische Roman umfasst inklusive Nachwort nur gerade gegen 235 Seiten, müsste also recht schnell gelesen sein. Doch die komplexe Sprache und das große Fachwissen, welche in die Geschichte eingearbeitet worden sind, bremsen den Leser verhältnismäßig stark aus. Die Autorin hat sich auf eine Gratwanderung begeben, eine alte Geschichte zum Leben zu erwecken und die bekannten Fakten möglichst umfangreichreich darzustellen. Etwas weniger wäre hier in diesem Falle ein Gewinn gewesen. So muss man sich bereits intensiv mit der Nonne und ihrem Melissenwasser beschäftigen wollen, um das Buch nicht gelegentlich beiseite zu legen.

Schwester Melisse

Tanja Schurkus, Brunnen

Schwester Melisse

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