Hansetochter

  • Lübbe
  • Erschienen: Januar 2014
  • 4
  • Lübbe, 2014, Titel: 'Hansetochter', Originalausgabe
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Eva Schuster
901001

Histo-Couch Rezension vonJan 2014

Faszinierendes Porträt des mittelalterlichen Lübeck

Lübeck 1375: Die sechzehnjährige Henrike Vresdorp führt ein glückliches Leben in dem florierenden Handelszentrum. Der verwitwete Konrad Vresdorp ist ein wohlhabender und angesehener Hansekaufmann, der Henrike und ihren jüngeren Bruder Simon ein liebevoller Vater ist. Der Besuch des Kaisers in der Stadt und der prächtige Ratsherrenball sorgen für Aufregung und für Henrike soll allmählich ein passender Ehemann gefunden werden. In diesen Tagen lernt Henrike auch den jungen, charmanten Kaufmann Adrian Vanderen aus Brügge kennen, der mit ihrem Vater Geschäfte betreibt.

Doch die Welt der jungen Frau bricht urplötzlich zusammen, als ihr Vater nach dem Ball völlig unerwartet verstirbt. Als ihr Vormund wird ihr Onkel eingesetzt, der Bruder ihres Vaters, der Nichte und Neffe mit Abneigung und Strenge begegnet. Henrike und Simon sind zwar die Alleinerben des Vermögens, doch bis zu ihrer Volljährigkeit übernimmt Onkel Hartwig die Geschäfte.

Henrike und Simon werden schlecht behandelt, Henrike muss sich überdies gegen Nachstellungen ihres Cousins Nikolas wehren, die Hochzeitspläne des verstorbenen Vaters für sie werden ignoriert. Die junge Frau verschafft sich heimliche Einblicke in die Geschäfte ihres Onkels. Allmählich keimt in ihr der schreckliche Verdacht auf, dass ihr Vater Opfer einer Intrige wurde. In ihrer Not wendet sie sich an Adrian Vanderen ...

Bewegendes Schicksal in der Hansestadt

Nachdem Sabine Weiß bisher über historische Persönlichkeiten wie Madame Tussaud schrieb, erfüllte sie sich mit der Hansetochter den Wunsch, sich diesmal einer fiktiven Protagonistin zu widmen. Die Autorin taucht in ihre eigene norddeutsche Herkunftsgeschichte ein und nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Mittelalter. Den Leser erwartet ein facettenreiches Porträt Lübecks im 14. Jahrhundert, dem man die ausgiebige Recherche anmerkt. Der Handlungsweg führt durch zahlreiche Straßen und Gassen, an bekannte Plätze, an den Hafen und sowohl in prächtige Häuser als auch in Armenviertel.

Ganz nebenbei werden Einblicke in das damalige Alltagsleben geboten: Kleidung, Stoffe, Architektur, Schönheitspflege, Essensgewohnheiten und Rechtspflege werden ebenso ausführlich beleuchtet wie der Kaufmannsberuf und das Seemannsleben. Die Schilderungen bleiben nicht an der Oberfläche, sondern verraten eine intensive Auseinandersetzung mit den historischen Gegebenheiten - so wird man etwa Zeuge der berüchtigten Bergener Spiele, der oft drastischen Aufnahmeprüfungen für neu ankommende Kontorlehrlinge, der sich auch Henrikes kleiner Bruder Simon unterziehen muss. Die Sprache richtet sich an alle Sinne des Rezipienten: Wohlduftende Gerüche, weiche Stoffe, eindrucksvolle Bauten werden imaginiert, aber auch dreckige Gassen, körperliche Verletzungen und ekelerregender Gestank finden ihren Platz. Der politische Hintergrund um den sterbenden dänischen König Waldemar und seine beiden potentiellen Nachfolger wird in verständlicher Form aufbereitet und fließt unaufdringlich ins Handlungsgeschehen ein - Henrikes Mutter gehört zu den vielen Opfern des Überfalls König Waldemars auf Gotland, und wenn Konrad Vresdorp seiner Tochter davon erzählt, erhält auch der Leser einen kleinen geschichtlichen Abriss.

Mit dem plötzlichen Tod Konrad Vresdorps setzt die Spannung ein. Henrike und Simon werden zum Spielball ihres Onkels, müssen immer wieder neue Schikanen erdulden. Schließlich werden sie auseinandergerissen - während Henrike zu ihrer Tante bei Travemünde kommt, wird Simon auf eine Schiffsreise nach Norwegen geschickt. Der Fokus liegt auf Henrikes Schicksal, doch auch Simons Leben und Leiden vermögen zu fesseln. Viele Hindernisse und Rückschläge warten auf die Geschwister, die zudem kaum wissen, wem sie noch trauen dürfen.

Gelungene Charaktere

Die Figuren sind fast ausnahmslos überzeugend gestaltet. Protagonistin Henrike ist eine sympathische junge Dame, mit der der Leser gerne mitfiebert. Sie ist intelligent und wissbegierig, manchmal aber auch naiv und unsicher und präsentiert sich als eine Heldin, die zwar mutig und bewundernswert, aber auch realistisch gezeichnet ist. Sie versucht durchaus, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, weiß aber auch, wann sie sich zurücknehmen muss. Zudem ist sie sehr behütet aufgewachsen und muss erkennen, dass sie mit vielen Situationen zunächst überfordert ist und ihr die rechte Einschätzung fehlt. Bei aller Tapferkeit erscheint Henrike daher nicht unglaubwürdig und verhält sich nicht zu modern. Gelungen ist auch die Darstellung des jungen, aufstrebenden Kaufmanns Adrian Vanderen. Von Beginn an ist es gut nachvollziehbar, dass sich Henrike zu dem attraktiven Adrian hingezogen fühlt, doch wird kein zu verklärtes Bild von ihm gezeichnet.

Besonders erfreulich ist die dezente Gestaltung der aufkeimenden Gefühle zwischen den beiden: Sowohl Hendrike als auch Adrian finden einander sehr ansprechend, doch es sind keine kitschigen oder übertriebenen Schilderungen. Beide bleiben realistisch und halten ihre Gefühle zunächst im Zaum - Henrike hat schlimme Gerüchte über Adrian gehört, zudem kann sie ihm nicht ganz verzeihen, dass er in der Todesnacht ihres Vaters bei ihm war und doch nichts verhindern konnte. Umgekehrt kann sich Adrian Henrike sehr gut als zukünftige Ehefrau vorstellen. Allerdings erscheint dies nach dem Tod ihres Vaters aussichtslos und für Adrian drängt die Zeit - er ist auf eine großzügige Mitgift und eine lohnenswerte Heirat angewiesen, um seine Schwestern gut verheiraten zu können. So ist das Werk nicht in erster Linie ein Liebesroman, sondern erzählt hauptsächlich ein dramatisches Schicksal vor historischem Hintergrund.

Auch unter den Nebenfiguren finden sich viele liebenswerte Gestalten, die der Leser rasch ins Herz schließt, angefangen bei Henrikes Tante Asta, einer starken Frau mit viel Charisma, bis hin zu Henrikes alter Amme Margarete, die ihrem Schützling treu verbunden ist. Zu den differenziert gezeichneten Charakteren gehört auch Henrikes Cousine Telse. Die beiden jungen Frauen stehen einander nicht besonders nah, doch es entwickelt sich eine gewisse Vertrautheit, als Henrike notgedrungen bei der Familie ihres Onkels lebt. Auch Telse hat kein leichtes Leben - ihr fehlt der Liebreiz ihrer Cousine, ihr Bruder kommentiert ihr Aussehen gerne höhnisch, zudem droht ihr eine Hochzeit mit dem unansehnlichen Vicus Dierksen. Die Notsituationen beider Frauen schweißen sie phasenweise zusammen, aber es bleibt Distanz - Telse erscheint als facettenreiche Figur, die mal sympathisch und mal durchtrieben agiert. Sieht man von den ausschließlich negativ gezeichneten Charakteren Hartwig, Ilsebe und Nikolas Vresdorp ab, machen die meisten Figuren im Handlungsverlauf eine gewisse Entwicklung durch. Das gilt nicht nur für die erwachsen werdende Henrike, sondern vor allem für ihren Bruder Simon. Aus dem zarten kleinen Jungen wird ein entschlossener Kaufmannslehrling, der sich in der norwegischen Fremde behauptet.

Raum für Fortsetzung

Henrikes Onkel, Tante und Cousin sind alle drei ein Ausbund an Bösartigkeit - hier hätte es nicht geschadet, zumindest einen von ihnen etwas differenzierter zu gestalten, wie es etwa mit Telse gelungen ist. Ihre Gemeinheiten und Intrigen nutzen sich dementsprechend mit der Zeit etwas ab, da sie so berechenbar sind. Das Ende lässt Raum für eine Fortsetzung - für ein komplett abgeschlossenes Werk bleiben etwas zu viele Fragen offen und man darf gespannt sein, ob Henrikes Geschichte eines Tages weitererzählt wird.

Als Fazit bleibt ein sehr empfehlenswerter Roman über das mittelalterliche Lübeck, das vor allem durch die sympathische Hauptfigur und die zahlreichen Details zum damaligen Leben besticht. 

Hansetochter

Sabine Weiß, Lübbe

Hansetochter

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