Der verbotene Fluss

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2014, Titel: 'Der verbotene FLuss', Originalausgabe

Couch-Wertung:

84
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Eva Schuster
Spannende Mischung aus Mystery und Historie im London des 19. Jahrhunderts

Buch-Rezension von Eva Schuster Jan 2014

England 1890: Die junge Berlinerin Charlotte Pauly will nach einer Enttäuschung einen neuen Lebensabschnitt beschreiten und nimmt eine Stelle als Hauslehrerin in dem herrschaftlichen Chalk Hill bei London an. Ihr neuer Schützling ist die achtjährige Emily, die erst vor wenigen Monaten ihre Mutter, Lady Ellen, verlor. Emily entpuppt sich als liebes, lernwilliges, aber auch unsicheres Mädchen, zu dem sich Charlotte schnell hingezogen fühlt.

Emilys Vater dagegen ist recht streng und duldet wenig Schwächen. Rasch fällt Charlotte die bedrückende Stimmung im Haus auf: Die Bediensteten begegnen ihr teilweise mit Misstrauen; zudem ist es tabu, nach der verstorbenen Lady Ellen zu fragen. Emily allerdings leidet offenbar darunter und kann den Tod ihrer Mutter nicht verarbeiten. Das Mädchen hat Albträume und schlafwandelt.

Aus Sorge um Emily zieht Charlotte Erkundigungen über den Tod der verstorbenen Hausherrin ein. Sie erfährt einige traurige und auch beunruhigende Details und trotzdem bleiben für sie offene Fragen. Auf der Suche nach Antworten trifft sie den Journalisten Tom Ashdown, der sich mit übersinnlichen Phänomenen befasst. Gemeinsam kommen sie dem Geheimnis von Chalk Hill auf die Spur ...

Geheimnisse eines viktorianischen Herrenhauses

Eine junge Frau kommt in ein eindrucksvolles Anwesen und hat mit Strenge, Misstrauen und mysteriösen Vorkommnissen zu kämpfen - bei dieser Ausgangslage kommen unweigerlich Assoziationen zu Charlotte Brontës Jane Eyre, Daphne du Mauriers Rebecca und Henry James´ Das Geheimnis von Bly in den Sinn. Freilich bleibt es bei diesen oberflächlichen Parallelen, doch wem genannte Werke gefallen, der dürfte auch an Susanne Gogas Roman Gefallen finden.

Gelungene Figuren

Zu den Stärken des Romans gehören neben dem flüssigen, leicht zu konsumierenden Stil vor allem die interessanten Charaktere. Mit der Berlinerin Charlotte Pauly präsentiert sich dem Leser eine Protagonistin, die sympathisch und realistisch zugleich erscheint. Gewiss ist Charlotte eine für ihre Zeit besonders fortschrittliche junge Frau, doch bei der Darstellung wurde nicht übertrieben. Charlotte lässt sich von dem ersten abweisenden Verhalten der Haushälterin und des Hausherren nicht einschüchtern. Nicht aus Neugier, sondern aus Sorge um ihren liebgewonnenen Schützling Emily beweist sie Mut und stellt unangenehme Fragen, auch wenn ihr dies Misstrauen und Schelte einbringt. Zugleich aber kennt Charlotte durchaus ihren Platz in der Hierarchie des Hauses. Sie weiß etwa um ihre Überlegenheit gegenüber Kindermädchen Nora, hält sich aber umgekehrt zurück, wenn sie ihre Grenzen allzu weit zu überschreiten droht. Charlotte erscheint daher trotz ihrer recht forschen Art nicht als zu moderne Persönlichkeit - oft besteht bei der Zeichnung solcher weiblichen Charaktere in historischen Werken die Gefahr, sie zu sehr wie eine Gestalt aus dem 20. oder 21. Jahrhundert wirken zu lassen. Susanne Goga ist hingegen diese Gratwanderung geglückt; Charlotte Pauly fügt sich glaubwürdig in die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein.

Eine reizvolle Gestalt ist der Journalist Tom Ashdown, der mit fortschreitender Handlung an Bedeutung gewinnt. Parallel zu Charlottes Erlebnissen in Chalk Hill werden Rückblicke zu Toms ersten Annäherungen an übersinnliche Erfahrungen eingeflochten. Aus persönlichen Motiven kommt der skeptische Tom in Kontakt mit der (bis heute aktiven) Society of Psychical Research, in der Wissenschaftler angebliche übernatürliche Phänomene erforschen. Als Emily den Anschein weckt, Visionen ihrer toten Mutter zu empfangen, zieht ihr Vater diese Vereinigung zu Rate und Tom Ashdown wird als ihr Vertreter auf Chalk Hill geschickt. Tom präsentiert sich als intelligenter, charmanter und einfühlsamer Mann, der Charlotte schon vor ihrer ersten Begegnung durch seine scharfzüngigen Theaterkritiken zu gefallen weiß - und erst recht, als sie sich persönlich kennen lernen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine reizvolle Annäherung, die angenehmerweise nie die Oberhand in der Handlung gewinnt. Kitschige Szenen gibt es zwischen den beiden nicht, es bleibt bei zarten romantischen Andeutungen, die eine nette Abwechslung ins Geschehen bringen. Grundsätzlich interessant ist auch die Figur Sir Andrews. Einerseits erscheint er als strenger Vater und Hausherr, andererseits liegt ihm offenbar doch etwas am Wohl seiner Tochter. Seine Rolle ist anfangs etwas undurchsichtig; es ist nicht offensichtlich, inwieweit ihm zu trauen ist und was er vielleicht zu verbergen hat.

Atmosphärische Handlung trotz kleiner Schwächen

Das Setting ist natürlich von vornherein ein Gewinn für den Roman: Ein abgelegenes Herrenhaus im späten 19. Jahrhundert, eine auf mysteriöse Weise verstorbene Ehefrau, ein undurchsichtiger Hausherr - die Gegebenheiten, die Charlotte empfangen, lassen schnell Spannung aufkommen. Es herrscht eine unheimliche, bedrohliche Atmosphäre und es bleibt für eine ganze Weile unklar, welches Geheimnis das Anwesen birgt. Charlotte erlebt mehrfach bedrohliche Situationen und die aufgeworfene Frage nach der Existenz von Geistern wird zufriedenstellend und geschickt gelöst. Zugleich gewährt der Roman gute Einblicke in das Leben im ausgehenden 19. Jahrhundert. Es ist offenkundig, dass sich die Autorin gut in dieser Zeit auskennt, sodass ein detailliertes Bild vom damaligen Leben der Gouvernanten sowie der Londoner Oberschicht entsteht. Dezent werden historische Personen wie der Präsident der Society of Psychical Research Henry Sidgwick sowie seine Frau Eleanor eingeflochten; amüsant sind zudem Toms Schwärmereien für die beiden Kriminalromane "Eine Studie in Scharlachrot" und "Das Zeichen der Vier", in der sich ein gewisser Sherlock Holmes als Meisterdetektiv bewährt, der leider bislang von der Leserschaft noch keine große Aufmerksamkeit geerntet hat.

Zu den geringen Schwächen des Romans zählt die späte Aufklärung des Lesers, weshalb genau Charlotte überhaupt Berlin verlassen hat und warum ihr so sehr daran gelegen ist, einen neuen Lebensabschnitt einzugehen. Bis auf sehr vage Andeutungen wird lange Zeit nicht davon gesprochen, was eher irritiert als Spannung erzeugt. An anderer Stelle wird mit Andeutungen etwas zu sehr übertrieben: Im Gegensatz zu Charlotte ahnt der Leser schnell, was es mit bestimmten Verhaltensweisen der Dienerschaft auf sich hat, weshalb etwa Wilkins so gescholten wurde. Die Naivität der ansonsten doch cleveren Charlotte wirkt hier etwas gekünstelt und aufgesetzt; kaum vorstellbar, dass sie nicht eins und eins zusammenzählt. Ebenso kann der Leser zumindest einen Punkt aus Lady Ellens Vergangenheit, der erst sehr spät enthüllt wird, schon früher vermuten und wird nicht wirklich von der Offenbarung überrascht. Nicht ganz ausgeschöpft wurde das Potential von Sir Andrews Rolle - gerne hätte diese Unsicherheit, wie er einzuschätzen ist, noch länger bestehen, sein Charakter noch etwas uneindeutiger angelegt sein dürfen. Zweifelhaft ist die Angabe von Lady Ellens Geburtsjahr auf dem Grabstein: Demnach wäre sie erst vierzehn Jahre alt bei ihrer Hochzeit gewesen und es ist anzunehmen, dass dies im Buch thematisiert worden wäre und es sich hier eher um einen Fehler handeln dürfte.

Unterm Strich erwartet den Leser ein atmosphärischer Roman aus dem späten 19. Jahrhundert mit gelungenen Hauptfiguren, der durchweg fesselt und vergnügliche Lesestunden beschert.

Der verbotene Fluss

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