Ragtime

Erschienen: Januar 1976

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 1975, Titel: 'Ragtime', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
1 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
1 x 1-10
B:44
V:1
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":1,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":1,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Carsten Jaehner
Packendes Panorama New Yorks

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Dez 2013

Im Jahr 1902 lebt in New Rochelle, New York, eine kleine Familie, bestehend aus Vater und Mutter, die schwanger ist und einen Jungen zur Welt bringt. Sie haben ein schwarzes Hausmädchen, Sarah. Vater ist Mitarbeiter in einer Fabrik für Feuerwerk und Sprengkörper. Bei der Familie lebt zudem derzeit noch der jüngere Bruder der Mutter.

Zur gleichen Zeit lebt auch der Entfesselungs- und Zauberkünstler Harry Houdini in New York und wir, angespornt durch die Leistungen anderer Künstler, immer waghalsiger und wagemutiger in seinen Vorführungen. Aus einfachen Tricks werden grosse Events, aber wirklich zufrieden ist er mit sich und seiner Leistung nicht. Auch Alternativen in der Fliegerei und im aufkommenden Filmbusiness machen ihn nicht glücklich.

Eines Tages kommt der Schwarze Coalhouse Walker zu der Familie mit dem Hausmädchen Sarah, um um sie zu werben. Schließlich willigt sie ein, und sie bekommt einen Sohn von ihm. Als Coalhouse, Jazzpianist und Fahrer eines Autos und daher recht wohlhabend, vom Hauptmann der Feuerwache angehalten wird, wird er diskriminiert. Er geht zu seinem Termin, und als er wiederkommt, ist das Autodach aufgeschlitzt und ein Kothaufen auf der Rückbank. Er verlangt sein Recht gegenüber dem Feuerwehrhauptmann, und alles schaukelt sich hoch, bis sogar seine Frau Sarah stirbt. Coalhouse geht als Gentleman in den Untergrund, wobei er von der Bevölkerung unterstützt wird, und fordert die Verhaftung des Hauptmanns und sein Auto im ursprünglichen Zustand. Doch die Situation gerät aus der Bahn, und schließlich besorgt er sich mit seinen Helfern Sprengstoff, wobei ihm der jüngere Bruder aus der oben genannten Familie hilft. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Ein Roman aus mehreren Geschichten

E. L. Doctorows Roman nur auf die Geschichte mit Coalhouse Walker zu reduzieren, wie es auf dem Cover des Romans zu finden ist, wird dem Roman nicht gerecht, zumal Coalhouse erst in der zweiten Hälfte des Romans auftaucht. Bis dahin werden mehrere Geschichten ineinander und miteinander verwoben, die vermeintlich erst einmal nichts miteinander zu tun haben, sich aber doch irgendwie kreuzen.

E. L. Doctorow vermischt geschickt fiktive und reale Charaktere und Geschichten miteinander und schafft so ein stimmungsvolles Panorama New Yorks aus den Jahren 1902 bis 1914, als Prinz Franz Ferdinand erschossen wird und somit der Erste Weltkrieg ausgelöst wird. Leider fehlen außer im allerersten Satz jegliche Jahresangaben, so dass die zeitlichen Perspektiven nicht immer klar sind, das ändert aber nichts an der hohen Intensität der Erzählung.

Die Forderung nach Gerechtigkeit

In insgesamt vierzig Kapiteln in vier Teilen baut Doctorow seinen Roman auf. Die oben erwähnte Familie bleibt namenlos und wird so zu einer amerikanischen Musterfamilie, wie es sie überall zu finden gibt. Eine weisse Familie mit gesichertem Einkommen und schwarzen Dienern ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts nichts besonderes, und auch die Verheiratung Sarahs mit Coalhouse ist stimmig. Nach Sarahs Tod und Coalhouses Demission als Terrorist kümmert sich die Familie um den kleinen schwarzen Sohn, der erst am Ende einen Namen bekommt.

Weitere Handlungsstränge erzählen vom Großindustriellen John Pierpont Morgan und sein Verhältnis zum Autobauer Henry Ford, von der Schauspielerin Evelyn Nesbit und dem Mordverdacht an ihrem Geliebten, der Anarchistin Emma Goldman und zusätzlich weiteren fiktiven Charakteren, wobei die Anzahl der Erzählstränge hier den Rahmen sprengen würde. All diese Geschichten ergeben ein Bild der Zeit, in der der Film den Weg auf die Leinwand fand, das Automobil erstmals am Band gefertigt wurde und der Ragtime die bekannteste amerikanische Musikform war. Hier geschah täglich der amerikanische Traum, und der Fantasie und den Möglichkeiten schienen keine Grenzen gesetzt.

Eine Stadt im Rhythmus

Bemüht man die Online-Enzyklopädie Wikipedia zur Begriffserklärung des musikalischen Terminus "Ragtime", steht dort: "Kennzeichen des Ragtime sind zum einen eine freizügige Synkopierung in der Melodie, die oft gegen eine einfache rhythmische Basslinie im Zweiviertel- oder Vierviertel-Takt verläuft, zum anderen ein Satz verwandter Themen, die innerhalb eines Stücks durch Modulationen miteinander verbunden waren." Und genauso schreibt Doctorow auch seinen Roman, dessen einer Hauptcharakter Coalhouse Walker treffenderweise auch Jazzpianist ist: Der Roman hat mit New York ein Grundthema, auf dem sich verschiedene Geschichten entfalten, die sich schließlich alle mehr oder weniger miteinander verknüpfen und sich in ihrer Intensität bis zu einem dramatischen Höhepunkt steigern.

Doctorow hat hier also ganze Arbeit geleistet und die musikalische Form in eine beeindruckende Romanform gebracht, wobei der Auslöser der Steigerung, Walker, ein Ragtimespieler ist. Allerdings ist der Roman nicht verklopft, sondern durchweg flüssig und teilweise auch amüsant zu lesen. Stellenweise gleicht der Roman einer Aneinanderreihung von bisweilen historisch verbürgten Anekdoten, gerade wenn es um Houdini, Morgan und Ford geht. Hier wird geschichtliches Wissen in angenehmer Weise vermittelt, woran sich viele Romane die eine oder andere Scheibe abschneiden können.

E. L. Doctorows Roman erschien 1975 und wurde 1981 von Milos Forman verfilmt. Empfehlenswert ist der Roman in jeglicher Hinsicht. Auf 334 Seiten schildert der Autor ein packendes, spannendes und lehrreiches Panaroma der Zeit und tut dies, ohne den Zeigefinger zu heben. Er bedient sich äußerlich der Form des musikalischen Ragtimes und bringt dem Leser die Stimmung der Zeit auf unterhaltsame Weise nah. Der Roman hat keine zusätzlichen Ergänzungen, die aber auch nicht nötig sind. Ragtime ist ein Roman, der vorbehaltlos zu empfehlen ist und der vom Time Magazine zu einem der 100 besten englischsprachigen Romanen zwischen 1923 und 2005 gewählt wurde. Wenn man so will, ein moderner Klassiker, der den Namen mehr als verdient. Eine unbedingte Leseempfehlung.

Ragtime

Ragtime

Deine Meinung zu »Ragtime«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
23.03.2015 12:21:02
Literaturmäkler

Die erste Hälfte des Buches ist ein praller Kosmos literarischer Geistesblitze. Detailverliebt lässt der Autor das frühe 20. Jahrhundert lebendig werden, scheut sich nicht, Prominenz wie Harry Houdini und andere als Protagonisten zu gebrauchen und pinselt mit leichter Feder ein gewaltiges Gemälde der Zeit. Dann, ab etwa der Hälfte, wird alles anders. Doctorow scheint sich mit seinem Agenten beraten zu haben, und der forderte - so jedenfalls stelle ich es mir vor: Mehr bunte Unterhaltung. Der oberflächliche Leser will eine spannende Geschichte. Von da an gehts bergab. Der Ragtime des Titels, bis zu jener Stelle perfekt in Literatur komponiert, ist vergessen. Was bleibt ist eine Nullachtfuffzehn Geschichte aus den Schubladen eines Hollywood-Produzenten, mit Helden voller Hybris und dem Kampf gegen Ungerechtigkeit - kein Wunder also, dass das Werk zumindest in diesem Teil verfilmt ist.

23.02.2014 21:44:11
Stefan83

Wenn von den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern der USA die Rede ist, fällt sein Name unweigerlich: Edgar Lawrence Doctorow. Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, welcher seine Jugend in der Bronx verbrachte, unterrichtet seit 1982 auf einem eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für englische und amerikanische Literatur an der New Yorker University. Und auch für viele moderne Autorenkollegen gilt der Faulkner-Award-Preisträger bis heute als stilistisches Vorbild. Im Vergleich zu Philip Roth, John Updike oder Jonathan Franzen ist Doctorows Bekanntheitsgrad hierzulande jedoch eher gering, obgleich er in Besprechungen und Rezensionen des Feuilletons fast durchgehend gepriesen wird. Alles gute Gründe für mich, meinerseits einen Blick auf den Amerikaner und seinen ersten größeren Erfolg „Ragtime“ zu werfen, der im Big Apple des anbrechenden 20. Jahrhunderts spielt und gleich mehrere Handlungsebenen miteinander verwebt. Und soviel sei vorab schon verraten: Das war sicher nicht mein letzter Doctorow.

Die übliche „Im-Mittelpunkt-der-Geschichte-steht“-Zusammenfassung entfällt an dieser Stelle, da es eigentlich eine kaleidoskopisch angeordnete Handvoll Geschichten sind, zwischen denen sich wiederum mehrere Verbindungen entwickeln. Wenn es überhaupt so etwas wie eine Hauptfigur gibt, dann ist es der afro-amerikanische Ragtime-Pianist Coalhouse Walker, dessen nagelneues Ford Model T von rassistischen Feuerwehrleuten zerstört wird. (Die Ähnlichkeit zu der Erzählung „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist, in welcher der Protagonist im Streben um soziale Gerechtigkeit ebenfalls scheitert, ist augenscheinlich gewollt) In seinem Versuch den ursprünglichen Status Quo wiederherzustellen und sein Recht, die Reparatur des Wagens, durchzusetzen, ruiniert sich Walker schließlich nach und nach selbst. Aus dem Protest wird ein hoffnungsloser Amoklauf, dem sich bald weitere schwarze Mitbürger anschließen.

Desweiteren erzählt Doctorow von einer weißen Familie der Mittelschicht, von zwei jüdischen Einwanderern, vom Entfesselungskünstler Houdini, vom Wirken der Anarchistin Emma Goldman, von den Ideen des Automobilherstellers Henry Ford, von der Schauspielerin und Amerikas erster Sexgöttin Evelyn Nesbit und der Dienstreise der Psychoanalytiker Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Sándor Ferenczi. Und das alles auf knapp 340 Seiten …

Als ob dem Autor diese Fülle an Personen nicht schon genügen würde, um seine Leser zu überrollen, erstreckt sich gleich der erste Absatz des Romans über mehr als zwei Seiten – und die Sätze kommen wie ein Sturzbach daher. Fast scheint es, als hätte hier Doctorow vergessen Luft zu holen, derart schnell und komprimiert folgen die knappen Aussagen, welche uns, einem Schlaggewitter gleich, um die Ohren gehauen werden. Ein atemlos schwingendes Stakkato von Eindrücken, im farbigen Verschnitt zusammengefügt, so dass nicht nur ein Bild vom Leben in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts Gestalt annimmt, sondern dieses, wie auch oft von dieser Epoche der Geschichte behauptet, laufen lernt. Tempo ist das Schlagwort. Und selbst wenn die Handlung noch ein paar Jahre von den „Roaring Twenties“ trennt, deutet doch vieles in dieser Vor-Gatsby-Welt an, dass sich gesellschaftliche Veränderungen von nun an radikal und vor allem viel schneller vollziehen.

Es ist gerade dieser „Wochenschau“-Charakter, dieser quirlige Jazz in Doctorows Prosa, welcher sofort und über das Ende hinaus beeindruckt, da er mit auf den ersten Blick einfachsten Mitteln ein großes Panorama zeichnet – und gleichzeitig einen Abgesang auf den „American Way of Life“ darstellt, den Sigmund Freud im Buch gar als „gigantischen Irrtum“ bezeichnet. Der Autor schlendert dabei stilsicher vom lakonischen über das ironische bis hin zum melancholischen, ohne sich künstlicher Effekte bedienen zu müssen. Stattdessen sprechen die Taten oder halt ihr Unterbleiben für die verschiedenen Protagonisten seines Romans. Dennoch muss dieser Berg von Episoden erst einmal vom Leser bestiegen werden, der sicherlich seine Zeit brauchen wird, um das Konstrukt von „Ragtime“ zu durchschauen und in Folge dessen die Suche nach einem roten Faden in der Handlung aufzugeben. Inwieweit auch die deutsche Übersetzung diese Ragtime-Rhythmen gestutzt hat, kann mangels Kenntnis des Originals nicht beurteilt werden. Es wäre jedenfalls eine Erklärung, warum sich die amerikanische Begeisterung für dieses Buch in Deutschland nie so in diesem Maße wiederholt hat.

Nach Beendigung der Lektüre steckte ich jedenfalls in einem Dilemma. Wirklich gemocht habe ich „Ragtime“ nicht, von lieben ganz zu schweigen. Und doch ist da diese unterschwellige Begeisterung, dieses nachhaltige Wirken des Romans, der mich wohl in Bälde zu weiteren Doctorow-Werken greifen lässt. Denn egal wie amerikanisch das Werk letztlich auch ist: Für raffiniert ausbalancierte Nostalgie und derb-grinsende Gesellschaftskritik bin ich immer zu haben. Vor allem wenn es gegen Schluss hin derart spannend kredenzt wird wie hier.