Das Mädchen aus Bernau

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2013, Titel: 'Das Mädchen aus Bernau', Originalausgabe

Couch-Wertung:

91
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Daniela Loisl
Ein Mädchen und ihre Brüder – Kampf ums Überleben

Buch-Rezension von Daniela Loisl Nov 2013

Berlin-Cölln im frühen 14. Jahrhundert. Die junge Magda führt im engen Kreis ihrer Familie ein beschauliches, aber hartes Leben. Sie sind Bierbrauer, die Mutter schon lange tot und der Vater kam bei einem brutalen Überfall ums Leben. So sind nur noch Magda, ihr Brüder, ein Ziehsohn ihres Vaters und der alte Großvater übrig. Die Brüder sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber letztendlich halten sie doch immer zusammen. Als es zu einem dramatischen Ereignis kommt, beschließt die Familie, von Bernau nach Berlin zu gehen, um sich dort etwas Neues aufzubauen und um endlich aus dem Elend herauszukommen. Doch statt des erwarteten leichteren Lebens, werden sie betrogen und stehen plötzlich vor dem Nichts. Aber Magda gibt nicht auf. Sie setzt all ihr Können als Brauerin ein, damit die Familie ernährt werden kann. Und obwohl sie so hart schuftet und sie auf Hilfe angewiesen wäre, lassen ihre Brüder sie im Stich, wenngleich jeder auf eine andere Weise…

Authentisches, finsteres Mittelalter

Wer Charlotte Lynes Bücher kennt, weiß, wie atmosphärisch dicht sie die Vergangenheit darzustellen vermag. Das "finstere Mittelalter" (dessen "Dunkelheit" mittlerweile ja erforscht ist) stellt sich auch mit seiner sämtlichen Düsternis dar, was beim Leser mitunter ein etwas beklemmendes Gefühl weckt. In dieser greif- und spürbar gemalten Welt, erweckt die Autorin ihre Darsteller zum Leben, sodass nicht nur die schwere körperliche Arbeit absolut fühlbar wird, sondern auch noch der tägliche Kampf um Nahrungsbeschaffung und die Sorgen, auch im Winter genug zum Essen und zum Heizen zu haben.

Lynes Bücher wählt man nicht, um kurzweilige und leichte Unterhaltung zu bekommen, sondern um einzutauchen in die Vergangenheit, die so dargestellt wird, wie sie höchstwahrscheinlich war. Ohne unglaubwürdige, starke Emanzen, ohne übertriebene Schönheiten, ohne heldenhafte Retter, sondern mit Figuren, die aus dem wahren Leben gegriffen sind.

Auch wenn man die Orte, in denen die Erzählung spielt, noch nie gesehen hat, so entsteht vor dem geistigen Auge ein regelrechter Film in der Detailgenauigkeit eines Quentin Tarantinos. Die schmutzigen Gassen und Straßen des damaligen Berlins, die beschwerliche und anstrengende Arbeit am Braukessel, die Arme müde werden lässt und den Körper schwitzen vor Anstrengung und Hitze. Und dies Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr um Jahr. Der Leser kann der drückenden Last nicht entfliehen, den er trägt sie die ganze Geschichte über mit und sogar nach Beenden des Buches schafft er es nicht, die Last auf einmal abzuwerfen, zu lange hallt die Geschichte nach.

Lynes typische Figuren

Wer Charlotte Lynes Bücher wie Das Haus Gottes oder auch Glencoe gelesen hat, weiß, dass die Autorin gerne Protagonisten schafft, die ein psychotisches Problem mit ihren Gefühlen haben. So sind es in diesem Fall zwar nicht beide Protagonisten, sondern nur der männliche Darsteller, aber man ist dennoch oft geneigt, dieser Figur den berühmten "Tritt in den Allerwertesten" zu geben, um ihn endlich aufzuwecken und so zu handeln, wie wohl der Großteil der Menschen in derselben Situation handeln würde.

Bei Lyne ist nichts einfach, nichts löst sich mal ebenso auf und wundersame Zufälle kommen auch nicht vor (man ertappt sich dabei, dass man sich dies in der einen oder anderen Situation aber wünscht). Alles ist aufgebaut nach dem Prinzip "so könnte es gewesen sein", weshalb alles absolut glaubhaft wirkt, weshalb man die schlimmen Geschehnisse mit den Figuren auch mitträgt. Aber der Leser wird nicht nur mit einbezogen, um die Last mit den Darstellern zu tragen, sondern auch um mit ihnen zu empfinden, zu fühlen und zu spüren und nicht selten packt einen die Lust, der einen oder anderen Figur mit Genuss den Hals umzudrehen. Charlotte Lyne weckt beim Leser eben sehr selten zu Tage tretende Gefühle und nicht selten möchte man das Buch in eine Ecke feuern, weil eine Figur so irrational handelt und man sich in seiner Rolle als stiller Beobachter so machtlos fühlt.

Lynes Roman bietet also alles was der anspruchsvolle Leser sich wünscht. Eine gewohnt niveauvolle Sprache, dichte Atmosphäre und eine nicht vorhersehbare Geschichte. Ein Buch, das einen nicht so schnell wieder loslässt und mit dessen Inhalt man sich wunderbar identifizieren kann, wenngleich oft auch die Emotionen mit einem durchzugehen scheinen.

Das Mädchen aus Bernau

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