Die verlorene Zeit

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2013, Titel: 'Die verlorene Zeit', Originalausgabe

Couch-Wertung:

74
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Rita Dell'Agnese
Gute Unterhaltung mit ein paar Stolpersteinen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2013

Romane, die auf mehrere Zeitebenen spielen und bei denen eine Protagonistin aus der Gegenwart ein Familiengeheimnis aufdeckt, das lange zurück in der der Vergangenheit liegt, liegen momentan im Trend. Hier ist auch Die verlorene Zeit von Michelle Ross nicht ausgenommen. Der Roman reiht sich gut in den Reigen ein und bietet solide Unterhaltung. Michelle Ross baut ihren Roman auf einer amerikanischen Politikerfamilie auf. Der wohlhabende Vater hat sich soeben einen Senatorenposten gesichert und will nun aus San Francisco wegziehen. Seine erwachsene Tochter Dinah kann sich mit diesem Gedanken gar nicht anfreunden. Die verwöhnte junge Frau stöbert missmutig auf dem Dachboden. Dabei geraten ihr Dokumente in die Hand, die darauf hinweisen, dass 1904 eine Hinrichtung in England eine Rolle für die Familie gespielt hatte. Um der Konfrontation mit ihrer Familie auszuweichen und dem Umzug zu entgehen, macht sich Dinah auf den Weg nach England, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Die hingerichtete Frau sieht ihrer Großmutter Ellen verblüffend ähnlich. Je tiefer Dinah in England in der Vergangenheit gräbt, desto seltsamer muten sie die Ereignisse an. Es scheint tatsächlich, als ob die junge Frau, die wenige Wochen später in den USA geheiratet und eine Familie gegründet hat, in England am Strick endete.

Klare Zuordnung

Michelle Ross verzichtet darauf, mit ihren Figuren zu spielen. Sie charakterisiert die einzelnen Figuren sehr eindeutig und bleibt dieser einmaligen Ausgestaltung nahezu bis zum Ende der Geschichte treu. Zwar wandelt sich die verwöhnte Tochter aus reichem Hause nach und nach, je länger sie für sich selber einstehen muss. Doch bleibt sie letztlich eine eher egoistische und unreife Persönlichkeit, die sich darin gefällt, die Rebellin hervor zu kehren. Ihre demonstrativ zur Schau gestellte Rüpelhaftigkeit, mit der sie sich gegen ihre Eltern und deren politische Ambitionen wendet, macht es schwer, Dinah als Protagonistin richtig ins Herz zu schließen. Denn sie wirkt nicht als eine Frau, die sich gegen Establishment wehrt, sondern eher wie eine trotzige Göre. Ganz anders die Vorfahrin Ellen. Sie ist in ihrer einzigartigen Liebenswürdigkeit und Reinheit eine Person, der man durchaus ein paar Ecken und Kanten wünschen würde. Denn so sehr Michelle Ross bei Dinah auf die Rebellin setzt, so bleibt sie bei Ellen bei der Sanftmut. Dafür setzt sie Ellen die verwöhnte, reiche Belinda gegenüber, die der jungen Frau zwar wie aus dem Gesicht geschnitten ist, aber einen ganz anderen – und keineswegs angenehmen – Charakter hat.

Die klare Zuordnung der Figuren macht es dem Leser leicht, den Roman regelrecht in sich hinein zu saugen. Doch leider verhindert es auch, dass beim Leser das Bedürfnis aufkommt, sich intensiver mit der einen oder anderen Figur zu beschäftigen. Erst recht, da sich hier einige Klischees abzeichnen: Je wohlhabender, desto schlechter der Charakter. Diese Schlussfolgerung ist jedoch zu einfach – und sie wird dem Roman letztlich denn doch nicht ganz gerecht, wenn auch die Tendenz dazu klar vorhanden ist.

Auf einem guten Weg

Michelle Ross hat alle Zutaten gemixt, die es braucht, um einen spannenden Roman präsentieren zu können. Allerdings stimmt die Rezeptur noch nicht ganz so einwandfrei. Es dauert verhältnismäßig lange, bis die Leser sich mit Dinah überhaupt auf die Suche nach der Vergangenheit machen können und auch dann ist immer mal wieder Geduld gefragt, weil sich die Geschichte leicht schleppend entwickelt. Zwar ahnt man recht schnell, wohin die Reise gehen könnte und was es mit dieser seltsamen Reihenfolge – zuerst der Tod am Strang, dann die Heirat im fernen Amerika – auf sich hat. Doch davon wird die Spannung nicht beeinträchtigt. Vielmehr sind es einzelne Szenen, die auch ohne großen Verlust hätten fallen gelassen werden können, die das Erzähltempo etwas drosseln.

Trotz allem zeigt sich, dass Michelle Ross durchaus das Zeug dazu hat, einen Roman zu bieten, der hinter den großen Vorbildern nicht stark zurücksteht. Arbeitet die Autorin an den wenigen Schönheitsfehlern, dürfte ein weiteres Werk von ihr mühelos in eine vordere Liga vorstoßen.

Die verlorene Zeit

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