Die Herrin der Kathedrale

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2013, Titel: 'Die Herrin der Kathedrale', Originalausgabe

Couch-Wertung:

87
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Annette Gloser
Von Burgen und Kathedralen

Buch-Rezension von Annette Gloser Okt 2013

Uta von Ballenstedt ist gerade zwölf Jahre alt, als sie im 11. Jahrhundert die heimatliche Burg verlassen muß. Um das Mädchen vor dem Zorn des Vaters zu schützen, lässt Utas Mutter das junge Mädchen in das Damenstift Gernrode bringen. Aber schon wenig später erfährt Uta, daß die Mutter tot ist. Zunächst glaubt sie an eine Krankheit, aber bald ist klar, daß Hidda von Lausitz ermordet wurde. Von nun an kennt Uta nur ein Ziel: Sie will der Mutter Genugtuung verschaffen und ihren Vater als Mörder vor Gericht bringen. Sehr schnell aber stellt sie fest, daß sie als Frau gar keine Möglichkeit hat, Klage zu erheben - jedenfalls nicht, solange sie unter der Muntgewalt des Vaters steht.

So scheint es ein großes Glück für Uta, daß Gisela von Schwaben sie als Schreiberin auswählt. Fortan zieht sie mit dem Hof Konrads von Schwaben durch die Lande, erlebt dessen Erhebung zum König und letztendlich auch die Kaiserkrönung in Rom. Aber noch immer hat sie keine Möglichkeit gefunden, den Mörder ihrer Mutter vor Gericht zu stellen. Und auch Utas Bruder Esiko unterstützt sie nicht, sondern verhöhnt sie und wirft ihr Ungehorsam vor.

Sie ist gerne am Hof des Kaisers und wenig erfreut, als sie mit Markgraf Ekkehard II. verheiratet wird. Sein Bruder Hermann dagegen hat ihr Herz berührt, allerdings nicht um sie gefreit. Ekkehard nimmt Uta mit nach Naumburg, auf die Stammburg der Ekkehardiner. Hier wollen Hermann und Ekkehard eine Kathedrale bauen lassen. Uta ist ganz begeistert von diesem Projekt, wird von ihrem Ehemann jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt: Ein Weib hat auf der Baustelle nichts zu suchen. Als jedoch Ekkehard und Hermann in den Krieg gegen das aufständische Polen ziehen müssen, erhält Uta ihre Chance. Sie darf den Dombau zunächst organisatorisch unterstützen und wird später aktiv an den Bauzeichnungen beteiligt.

Und sie verfolgt dabei ein großes Ziel: Die neue Kathedrale soll den Kämpfern Mut machen, welche die Ostgrenze des Reiches gegen die Polen schützen. Und diese Kathedrale soll auch ein Gerichtssaal sein, in dem Uta vor dem Kaiser den Mörder ihrer Mutter anklagen kann.

Realität und Fiktion

Die Autorinnen Claudia und Nadja Beinert haben die berühmte Uta zur Heldin ihres Buches auserkoren. Berühmt ist Uta vor allem durch jene Skulptur, die im Naumburger Dom im Kreise der Stifterfiguren steht. Von den Nazis zur germanischen Idealfrau erklärt, in Kreuzworträtseln immer wieder abgefragt, gelegentlich zur schönsten Frau des Mittelalters gekürt. Allerdings zeigt diese Stifterfigur ganz sicher kein reales Bild der Uta von Ballenstedt/ Naumburg, denn die Skulptur entstand rund zweihundert Jahre nach ihrem Tod. Und auch von jener romanischen Kathedrale, deren Bau im Roman beschrieben wird, sind heute nur noch die Fundamente vorhanden auf denen z.T. auch der frühgotische Nachfolgebau ruht.

Trotzdem dürfte die Gattin Ekkehards II. eine interessante Frau gewesen sein und es scheint nur logisch, daß ihr endlich ein Roman gewidmet wurde. Allerdings haben die Autorinnen sich nicht auf reichhaltiges Faktenmaterial stützen können. Über Uta sind nur wenige Daten bekannt und auch ihre Familie ist nicht sonderlich präsent in der Geschichtsschreibung. Und das, obwohl Utas Bruder Esiko doch der Stammvater der Askanier werden sollte! Kein einfaches Unterfangen also, wenn man einen Roman über die Gattin des Naumburger Markgrafen Ekkehard schreiben will. Natürlich, je weniger Fakten bekannt sind, desto mehr Phantasie ist gefordert. Und es sind schon Romane über historische Persönlichkeiten entstanden, über die noch weniger bekannt war als über Uta von Naumburg. Claudia und Nadja Beinert haben sich der Herausforderung gestellt.

Im Nachwort erläutern die beiden Autorinnen, wie sie zu ihrer Geschichte gekommen sind. Darauf sei auch an dieser Stelle verwiesen. Was Claudia und Nadja Beinert da an Fakten zusammen getragen haben und wie sie diese Fakten interpretierten, das erklärt aber durchaus die Geschichte, die daraus von ihnen geschrieben wurde. Allerdings hat man als Leser gelegentlich doch das Gefühl, die Autorinnen könnten hier über das Ziel hinaus geschossen und den Verlockungen der Fiktion erlegen sein. Wenn Daten bekannt sind, dann sollten diese auch das Gerüst des Romans bilden. Das ist leider nicht immer berücksichtigt worden. Allerdings bezieht sich das nur auf die Darstellung einzelner Protagonisten und nicht auf die großen politischen Zusammenhänge, die im Roman geschildert werden.

Enorme Recherchearbeit

Die Herrin der Kathedrale ist mit Engagement erzählt und mit viel Liebe für die Hauptprotagonistin Uta. Dennoch wirkt Uta in ihrer Naivität gelegentlich etwas nervig, zum Beispiel wenn sie ihren Bruder beim Sex stört und – während er noch am werkeln ist - unbedingt mit ihm über die Anklage gegen den Mörder sprechen will. Auch Esiko als psychopathischer Frauenhasser und Wüstling wirkt ein wenig überzogen. Offenbar fällt es den Autorinnen nicht ganz leicht, differenziertere Charaktere entstehen zu lassen. Wer böse ist, ist böse. Wer gut ist, ist gut. Ein wenig mehr grau zwischen dem schwarz und weiß hätte nicht geschadet. Uta lernt lesen und schreiben unter Anleitung der Mutter, von Latein ist jedoch nie die Rede. Auch im Stift Gernrode bekommt Uta keinen Lateinunterricht. Und doch kann sie sofort all jene Bücher lesen und verstehen, die dort aufbewahrt werden, dabei waren die meisten ganz sicher auf Latein geschrieben. Dies löst zumindest ein Stirnrunzeln beim Romanleser aus.

Allerdings zeigt sich im Roman immer wieder, mit welcher Akribie die Autorinnen sich bemüht haben, die Handlung des Romans mit Fakten zu unterfüttern. Vermutlich kennen sich nur wenige Menschen besser mit mittelalterlichen Maßen, Preisen und bautechnischen Details aus wie die Beinert-Schwestern. Beim Lesen wird immer wieder spürbar, daß hier mit viel Sinn für die Realitäten des Lebens geschrieben wurde. Gleichzeitig wird hier auch deutlich, welche enormen Anforderungen Uta von Naumburg als Burgherrin und Beteiligte am Bau zu bewältigen hatte. Und die Achtung des Lesers vor dieser Frau steigt.

Auch die politische Lage in der Zeit zwischen etwa 1020 und 1040 wird von den Autorinnen genau beschrieben, spannend und interessant. Historische Ereignisse werden eingeordnet und ihre Bedeutung für Naumburg und die Ostgrenze des deutschen Reiches dargestellt. So ist es den Autorinnen gelungen, das Erleben ihrer Protagonisten mit dem Zeitgeschehen zu verweben.

Für lange Winterabende

Die Herrin der Kathedrale ist ein Roman, der seine Leser in den Bann zu schlagen vermag. Hier wird man in das Mittelalter entführt und kann sich von der Geschichte verführen lassen. Das Richtige für lange Winterabende im Lesesessel. Knaur hat das Taschenbuch mit einer Covergestaltung versehen, die den Händen schmeichelt: ein wunderschönes Muster im Prägedruck vermittelt mittelalterliches Flair. An dieser Stelle sei auch noch einmal das Nachwort der Autorinnen zur Lektüre empfohlen, es lohnt sich.

Alles in allem ist der Roman ein gelungener Versuch, das Leben einer der bekanntesten Frauen ihrer Zeit zu beschreiben. Man muß als Leser dabei nur im Kopf haben, daß dies keine Romanbiographie ist, sondern eben der Versuch, mit wenigen Fakten und viel Phantasie eine Lebensgeschichte zu schreiben, die möglicherweise aber ganz anders verlaufen ist. So, wie jene Stifterfigur im Naumburger Dom auch kein reales Abbild der Uta von Naumburg ist.

Die Herrin der Kathedrale

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