Friesisch Blau

  • Leda
  • Erschienen: Januar 2013
  • Leda, 2013, Titel: 'Friesisch Blau', Originalausgabe
Friesisch Blau
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Carsten Jaehner
84

Histo-Couch Rezension vonOkt 2013

Ostfrieslands Aufbruch als Wirtschaftsregion

Wibolt Flaskoper ist Tuchhändler in Emden in Ostfriesland und hat sein Einkommen mit seinen Geschäften. Er ist zudem Mitglied des Rates der Stadt und gewillt, eines Tages Bürgermeister zu werden. Er ist Anfang zwanzig, doch eines Sommertages im Jahr 1198 erreicht ihn die Nachricht, dass in seiner Schafherde eine Krankheit umgeht und er somit den Verlust von Geld und Wolle verkraften muss, was seine Aufstiegsmöglichkeiten, vor allem aus finanziellen Gründen, bremst, wenn nicht gar unmöglich macht, denn schließlich ist er nicht der einzige Kandidat auf das höchste Amt der Stadt.

Doch über den Kontakt zu Fernhändlern ergibt sich die Möglichkeit, binnen zwei Jahren nicht nur wieder solvent zu werden, sondern auch zukunftsträchtige Händel abzuschliessen und somit ausgesorgt zu haben. Der Lübecker Händler Johann Kampen steckt in der Klemme und soll bis Ostern 1201 fünfhundert Ballen blauen Ostfriesentuches an den Bischof liefern, um sein Heer für einen Kreuzzug auszustatten. Mit dem Gewinn wäre Wibolt nicht nur saniert, sondern könnte auch weitere Investitionen tätigen und vor allem auch in Emden aufsteigen.

In Emden erzählt er niemandem davon und wird somit auch schief beäugt. Freunde wie Feinde wundern sich, vor allem auch deshalb, weil er als einfacher Ratsherr Kontakte knüpft und es wagt, den Vorschlag zu machen, dass Emden in einen Städtebund eintreten soll, der allen Händlern mehr Wohlstand bringen soll. Doch Ostfriesen sind stur, und nur allmählich und wiederwillig geben sie nach. Als sich alles zum Guten zu wenden scheint, soll Wibolt mit seinen neuen Handelspartnern mit auf Geschäftsreise nach Livland, ohne eine solche er wohl als überregionale Händler nicht angesehen und geachtet wäre. Also geht es mit dem Bischof auf Kreuzzug ins Baltikum, wo auch nicht alles Silber ist, was glänzt&

Ostfriesland im Mittelalter

Lothar Englert hat mit Friesisch Blau bereits seinen dritten historischen Roman vorgelegt, der in Ostfriesland spielt und erweist sich somit zum wiederholten Mal als Chronist seiner Heimatregion. Doch nimmt erstmals eine ein Jahr dauernde Reise nach Livland breiteren Raum ein, sodass er Ostfriesland verlässt, was aber der Geschichte keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, man wartet gespannt darauf, was während dieser Zeit wohl in der Heimat passiert sein mag, denn Möglichkeiten gibt es genügend. Dabei beschreibt Friesisch Blau nicht das weit bekannte Porzellan, sondern das blaue Tuch, aus dem Kleider für Kreuzfahrer hergestellt werden.

Im Mittelpunkt steht der Tuchhändler Wibolt Flaskoper, der neben seinem Tuchhandel immerhin einen Anteil an einer Schafherde hat und somit sein Einkommen aufbessert. Er ist Anfang zwanzig und hat Ambitionen, wodurch er in dem kleinen Küstenort Emden schon schief angesehen wird. Doch die Not zwingt ihn, seine Situation zu überdenken, und in Lübeck lernt er den Händler Johann Kampen kennen, der auf den Handel mit Rosinen schwört, weil die gerade sehr gefragt sind und viel Silber bringen. Er geht mit ihm einen Handel ein, der ihm viel Silber bringt, wenn er in eineinhalb Jahren fünfhundert Ballen blauen ostfriesischen Stoff liefern kann. Wibolt geht den Handel ein, eher aus Not denn aus Überzeugung und lernt dabei die rassige, schwarzhaarige Mieke kennen, selber Händlerin und Wibolt ebenso zugetan wie er ihr.

Erweiterte Handelswege

Sie verstehen sich auf Anhieb, doch die neue häusliche Harmonie wird getrübt durch die berufliche, denn der Rat der Stadt, allen voran der schwächelnde und amtsmüde Bürgermeister Johann Wynsen, sind träge und stehen Wibolts Vorschlag nach Eintritt in den Städtebund skeptisch gegenüber, vor allem deshalb, weil sie ihre alten ausgetretenen Pfade dafür verlassen müssten und aktiv werden müssten. Gerade in Jakob Moerman und dem sowieso nicht gut gelittenen Focke Uffen hat Wibolt zwei Gegner, die sich aber letztlich fügen und gemeinsam mit dem Rat nach Lübeck reisen, um zumindest Gespräche aufzunehmen zunächst jedenfalls.

Lothar Englert beschreibt in seinem Roman nicht nur den Beginn eines Vorläufers der Hanse und somit den Versuch, während den zeitgleich stattfindenden Kreuzzügen wirtschaftlich von ihnen zu profitieren, sondern auch das Leben und leicht rückständige Denken der Ostfriesen, wenn es darum geht, selber in Aktion zu treten. Wer mit neuen Ideen kommt, wird zunächst einmal beschimpft und wenig gelitten, ehe er Unterstützung erhält und so allmählich ein Umdenken ins Rollen kommt. Diese Unterstützerfunktion übernimmt in diesem Fall der Bierbrauer Hompo Hayen, einer der wenigen Freunde Wibolts. Die üblichen Schiebereien und Einflussnahmen in Dörfern sind nicht ostfrieslandspezifisch, aber sie werden von Englert treffend geschildert und auch hier wäscht eine Hand die andere.

Kreuzzug ins Baltikum

Die Wirtschaftsreise ins Baltikum nach Semgallien, vom mitgereisten Bischof Albert mehr als Kreuzzug definiert, ist für Wibolt unerlässlich, und als er losfährt, hinterlässt er eine schwangere Ehefrau Mieke und ein Emden, dessen Ratsmitglieder ihm grösstenteils immer noch nicht wohlgelitten sind, obwohl er ihnen durch Kontakte nach auswärts gute Möglichkeiten zum Handeln beschert hat. Auf der Reise selber kann er einige Kontakte knüpfen, muss aber auch miterleben, wie mit Waffengewalt eine Region eingenommen werden soll, die eigentlich als Handelspartner vorgesehen war und bei der man mit Handelsprivilegien aus des Bischofs Hand und Gnaden gerechnet werden sollte. Dass das Ganze im Grunde ein Mißerfolg wird, da viele Dörfer verlassen sind, verschweigt man nachher natürlich. Doch Englert versteht es auch, die Ereignisse während der Reise spannungsreich zu schildern und den Leser an die Lektüre zu fesseln.

Insgesamt ist Englert wieder ein Roman gelungen, der das Denken und Handeln der ostfriesischen Seele beschreibt und dabei den Versuch, daraus auszubrechen. Er hat seine geschichtlichen Hausaufgaben gemacht und beschreibt bisweilen spannend Ereignisse, wie sich vielleicht nicht gewesen sind, aber durchaus hätten sein können. Seine Charaktere sind bunt gemischt und haben auch zum Teil sympathische Ecken und Kanten.

Dem Roman angefügt sind ein interessantes Nachwort, ein Glossar, ein Personenregister und eine Liste mit Orten und Landschaften sowie zwei viel zu klein geratenen Landkarten, auf denen man fast nichts erkennen kann, weil beide auf eine Seite gequetscht wurden. Doch das mindert die Freude an der Lektüre nicht, die jedem Leser gerne und bedenkenlos an Herz gelegt werden kann.

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