Mord im Tiergarten

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Emons, 2013, Titel: 'Mord im Tiergarten', Originalausgabe

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Carsten Jaehner
Auf der Jagd nach dem Serienmörder

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2013

1896. Im Berliner Tiergarten wird im Affenkäfig eine Leiche gefunden, die grausam zugerichtet wurde und aufgrund dessen geht die Polizei von einem Ritualmord aus. Um dem Täter auf die Spur zu kommen, bittet die Polizei den Kriminologen Dr. Otto Sanftleben, ihnen zu helfen.

Gemeinsam mit seinem Freund und Ziehsohn, dem Schwarzen Moses, macht er sich auf, um Informationen einzuholen und gerät schnell an Professor von Trittin, der ihn auch gleich zu einem Segelduell herausfordert, das Sanftleben annimmt, obwohl er noch nie in einem Segelboot gesessen hat. Trittin taucht auch immer wieder auf, als Sanftleben in ein Netz aus Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus eintaucht.

Über die Deutsche Kolonialausstellung treffen sie auf einen Herero-Prinzen und auf Igraine, eine alte Bekannte von Sanftleben, der nach seiner letzten Episode wieder Single ist. Verliebt er sich wieder in eine Zeugin? Da wird ein zweites Opfer eines Ritualmordes gefunden, und plötzlich ist Eile geboten, wenn man verhindern will, das weitere Morde geschehen.

Spannender zweiter Fall

Nach Mord unter den Linden schickt Tim Pieper seinen Kriminologen Dr. Otto Sanftleben sechs Jahre später ein zweites Mal im Berlin der Kaiserzeit auf Ermittlungstour. Angefragt durch die Berliner Polizei in Form von Kommissar Funke, gerät Sanftleben schnell in Kreise, die den Antisemitismus mit Leib und Seele leben. 

Tim Pieper verschont den Leser nicht und lässt Herren mit Parolen um sich werfen, bei denen man heute bestenfalls nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Auch in den eigenen Reihen der Polizei finden sich Antisemiten, und da deren Anhänger aus dem Boden wachsen wie die Pilze, ist es schwer, ihrer Herr zu werden. Sanftleben weiß letztlich nicht, wo er genau ansetzen soll, doch dann beleidigt Professor von Trittin seinen Freund Moses, und nachdem ein Wort das andere gegeben hat und Sanftleben nicht aufgibt, sieht er sich unverhofft zu einem Segelduell eingeladen, obwohl er selber noch nie gesegelt ist. Fortan werden seine Gehversuche im Segeln seine Untersuchungen begleiten.

Wechsel in der Erzählperspektive

Immer im Wechsel zu den Ermittlungen von Sanftleben oder auch Kommissar Funke gibt es Kapitel, die aus der Sicht des Täters erzählt werden. Man merkt schnell, dass dieser in einer anderen Welt lebt und seinen Wahnvorstellungen folgen muss. Allerdings wird nicht aufgelöst, wer er ist. Geschickt stellt Pieper dem Leser die eine oder andere Falle und präsentiert eine handvoll Verdächtiger, wobei man bei jedem überlegt, ob er denn der Mann aus der anderen Erzählperspektive sein kann. Doch sollte man sich seines Urteils nie zu sicher sein.

Kommt der Mordfall, der sich bald zu einer Mordserie ausweitet, schon recht spannend und aufreibend daher, so versteht es der Autor vor allem auch, den Leser in die Zeit des Endes des 19. Jahrhunderts zu holen. Pieper malt ein authentisches und hervorragendes Bild der Zeit, in die man sich gut hineinversetzen kann, ob man will oder nicht. Allein die Kolonialausstellung, die heutzutage mehr Kopfschütteln als Anerkennung hervorruft, ist ein interessantes Detail.

Otto und die Frauen

Otto Sanftleben hat aber nicht nur einen Fall zu lösen und ein Segelduell auszusegeln, sondern auch noch ein Privatleben auszufüllen. Er trifft mit Igraine Raab eine alte Bekannte wieder, die auch scheinbar irgendwie in den Fall verstrickt zu sein scheint, oder auch nicht, das bleibt sich herauszufinden. Hatte sich Otto bereits im Vorgänger in eine Zeugin verliebt, mit der er dann zunächst liiert war, zu Beginn des Romans aber wieder getrennt ist, besteht hier erneut die Gefahr, dass er sich verbotenerweise in eine Zeugin verliebt. Er hat auch das Fahrradfahren aufgegeben oder betreibt es nicht mehr mit der Energie, die ihn noch im ersten Roman ausgezeichnet hat. Nun, man wird älter und reifer, und man hat dazugelernt. Doch hilft ihm das auch bei den Ermittlungen?

Tim Pieper hat mit Mord im Tiergarten erneut einen spannenden und kurzweiligen Kriminalroman vorgelegt, der den Leser in das Berlin der Kaiserzeit holt und der ein diffiziles Sujet zum Thema hat. Pieper fasst ein heisses Eisen an, aber er präsentiert es dem Leser gekonnt und lässt die "Bösen” auch entsprechend dafür büßen - wenngleich die Geschichte gezeigt hat, dass das Ende der Fahnenstange leider noch lange nicht erreicht war. Aufgrund der "nur” 250 Seiten legt Pieper ein hohes Tempo vor und kann dies auch durch den gesamten Roman halten, Spannung inklusive. Dabei muss man den ersten Fall nicht gelesen haben, aber dessen Wissen erhöht die Gelegenheit auf einige Wiedererkennungswerte.

Mehr davon!

Allerdings wären ein paar historische Anmerkungen für den Leser interessant gewesen, um das eine oder andere Thema etwas mehr beleuchten zu können. Die wenigen Anmerkungen im Anhang sind zwar aller Ehren wert, aber in keinem Fall ausreichend. 

Bleibt zu hoffen, dass Tim Pieper sein Ermittlergespann um Dr. Otto Sanftleben noch einige weitere Male ins Feld schicken darf. Historische Krimis aus der Kaiserzeit und aus der Zeit der Weltkriege sind derzeit "in”, und das Sujet bietet noch eine Fülle von Möglichkeiten. Hier darf der Emons-Verlag gerne nachlegen. Lobenswert auch die zeitgenössische Abbildung auf dem Cover, die dem Leser gleich zeigt, in welchem Rahmen hier ermittelt wird. Hervorragend, spannend, mehr davon!

Mord im Tiergarten

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Letzte Kommentare:
28.02.2015 15:37:53
tassieteufel

6 Jahre nach seinem ersten Fall wird Dr. Otto Sanftleben erneut in einen verzwickten Kriminalfall verwickelt. Der jüdische Zeitungsunternehmer Salomon Hirsch wird im Zoologischen Garten Opfer eines Ritualmordes. Als Commissarius Funke, der mit dem Fall betraut ist, Otto um Hilfe bittet, gerät dieser in einen wahren Sumpf aus Antisemitismus, Rassismus und Nationalstolz. Doch er trifft auch auf die faszinierende Künstlerin Igraine Raab, die er noch aus Jugendtagen kennt und die ihn mit ihrer unkonventionellen Art in ihren Bann zieht.

Auch mit seinem 2. Fall für Dr. Sanftleben und den schrägen Commissarius Funke, ist es Tim Pieper gelungen, neben einem spannenden Krimifall ein stimmiges und detailgetreues Bild vom Berlin Ende des 19. Jahrhunderts zu zeichnen und einen Einblick in eine Gesellschaft im Umbruch zu geben.
Otto Sanftleben hat sich in den 6 Jahren seit seinem letzten Fall doch etwas verändert, er hat den Radsport an den Nagel gehängt und seine Vorliebe für gutes Essen spiegelt sich in seinem etwas füllig gewordenem Leibesumfang wieder. Während er beruflich weiterhin gut voran kommt, ist er im Privaten immer noch allein und so wird die Begegnung mit der unkonventionellen Malerin Igraine Raab zu einem Wendepunkt. Da sein Freund und Leibdiener Moses auf Grund seiner Hautfarbe nicht zum Medizinstudium zu gelassen wird, läßt er sich auf einen Segelwettstreit mit Professor Trittin ein, einem ebenso bornierten wie von Vorurteilen geleitetem Mann, der offen seinen Rassismus zur Schau trägt und schon bald auch in Ottos Ermittlungen einen Platz einnimmt.
Schon im Vorgänger war Commissarius Funke ja meine Lieblingsfigur um so mehr hat mich gefreut, dass er auch diesmal wieder mit dabei war. Der Commissarius ist arg gebeutelt, wird er doch Opfer einer Erpressung und hat auch so ein paar private Probleme, die er mit dem Konsum von Alkohol in den Griff zu kriegen versucht. Gerade diese "alkoholgetränkten" Szenen haben bei mir für viel Heiterkeit gesorgt und ich hab mich hier bestens amüsiert!
Neben den privaten Episoden der Hauptfiguren ist aber gerade der Krimifall wieder sehr undurchsichtig und raffiniert in Szene gesetzt. Zwar ist hier der Aufbau wie im Vorgänger, in einem Prolog der 7 Jahre früher spielt, lernt man bereits den späteren Mörder kennen ohne natürlich seine Identität lüften zu können. Dann startet die Geschichte im aktuellen Geschehen durch und hier wechseln wieder die Perspektiven zwischen Sanftlebens und Funkes Ermittlungen und Einblicken in die Psyche des Täters. So bleibt das Buch spannend und abwechslungsreich und liest sich ruck zuck weg. Diesmal nimmt auch Ottos berufliches Gebiet, die Erforschung der Körpersprache von Kriminellen etwas mehr Raum ein, was mir sehr gut gefallen hat.
Obwohl die Thematik um Antisemitismus und Rassenhass natürlich ein ernstes Thema ist, ist es dem Autor gelungen, seine Geschichte mit leichter Feder flott und eingängig zu erzählen und auch wieder einige launige Szenen einzubauen. Dass der Antisemitismus bereits zu dieser Zeit so stark ausgeprägt war und die Gemüter der damaligen Gesellschaft beschäftigte, war mir gar nicht so bewußt und hier ist es dem Autor gelungen, Motive und Beweggründe der Anhänger und die Ursachen dazu immerhin so weit anzuschneiden, dass man einen guten Einblick in diese Zeit erhält.

FaziT: Interessantes, humorvolles und spannendes Sittengemälde, das wie der Vorgänger viel Lokalkolorit und Einblick in eine Zeit im Umbruch bietet. In den historischen Hintergrund ist der Krimifall stimmig eingebettet und bietet unterhaltsames Lesevergnügen. Schade dass es bisher keine weitere Fortsetzung gibt!

17.09.2014 09:35:18
Igelmanu66

„Meistens erkenne ich die Kriminellen durch den Widerspruch zwischen Aussagen und Körpersprache.“

Berlin im Jahre 1896. Dr. Otto Sanftleben ist Kriminologe und wenn er nicht gerade Bücher schreibt, ist er als Berater bei der Polizei tätig. Seit er vor einigen Jahren geholfen hat, einen Serienmörder zu überführen, wurde er schon häufig zur Unterstützung gerufen. Und auch diesmal scheint der Rat eines Spezialisten nötig zu sein, denn der Tote, der ermordet im Tiergarten aufgefunden wurde, war ein jüdischer Zeitungsunternehmer. Und er wurde nicht einfach „nur“ ermordet, sondern das Opfer einer rituellen und ausgesprochen blutigen Tötung. Vor dem Hintergrund eines sich ausbreitenden Antisemitismus in Berlin beginnt Otto mit der Suche nach dem Täter.

Ein tolles Buch, ein großes Lesevergnügen! Ich konnte es nach „Mord unter den Linden“ kaum abwarten, Neues von Otto zu lesen und ich wurde nicht enttäuscht. Die Kombination aus einem spannenden Krimi mit vielen historischen Hintergründen macht richtig viel Spaß.

Besonders schön finde ich Ottos Gedanken, sobald er auf irgendeinen Menschen – egal ob Freund oder Verdächtiger – trifft. Denn geradezu automatisch setzt bei ihm ein Analyseprozess ein, der das Auftreten und Benehmen seines Gegenübers auswertet.

„Die Reaktion des Professors war hochinteressant. Anstatt Ottos Hand zu ergreifen, legte er den Arm eng an den Körper, winkelte den Unterarm ab und streckte seinerseits die Hand aus. Wollte Otto einen Körperkontakt herbeiführen, musste er einen Schritt auf Trittin zugehen, was er auch tat. Dadurch kam er ihm nicht nur in räumlicher Hinsicht entgegen, sondern gestand dem Wissenschaftler auch die Entscheidung über den Ablauf der Begrüßung zu. Nachdem er den Kontakt hergestellt hatte, griff der Professor sofort fest zu und kippte Ottos Hand zur Seite und nach unten, sodass er im wahrsten Sinne des Wortes „die Oberhand“ gewann.“

Neben Otto sind glücklicherweise auch wieder der Commissarius Funke und Ottos Ziehsohn und „Leibdiener“ Moses dabei. Funke hat außer dem Mordfall – der sich übrigens erneut zur Serie entwickelt – noch ganz eigene Probleme, denn ein Unbekannter erpresst ihn und droht bekanntzumachen, dass Funke dem „Dritten Geschlecht“ angehört. Und Moses, gebürtiger Herero, leidet unter den Vorurteilen, die ihm aufgrund seiner Hautfarbe entgegengebracht werden.

Otto selbst hat neben dem Fall erneut alle Hände voll zu tun. Er – der noch nie gesegelt ist – hat sich zu der Teilnahme an einer Regatta überreden lassen. Und eine wichtige Zeugin im aktuellen Mordfall entpuppt sich als sehr gute alte Bekannte… Nur, dass sie damals ein Mädchen war und heute eine äußerst attraktive Frau geworden ist.

Der Fall selber ist spannend bis zum Schluss. Immer wieder gab es neue Verdächtige, mehrfach glaubte ich, den Täter entdeckt zu haben. Was soll ich sagen? Zum Glück war das nicht so! Und am Ende bleibt mir nur zu hoffen, dass uns Tim Pieper nicht zu lange auf den dritten Band warten lässt.

29.03.2014 13:01:49
Uwe Rennicke

Der Roman von Tom Pieper gehört zu den besten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Nun hoffe ich, dass Otto von Sanftleben uns noch mehr hinsichtlich der Kriminologie vor 100 Jahren zu bieten hat.
Es ist eine ganz andere Art, Berlin kennen zu lernen. Außerdem kann man sehr schön "weiter lernen", denn viel Unbekanntes wartet auf einen.
Dies war schon bei MORD UNTER DEN LINDEN so.

04.01.2014 16:54:12
wampy

„Mord im Tiergarten“ ist ein historischer Roman von Tim Pieper, der 2013 im Emons Verlag als Taschenbuch erschienen ist. Auf 250 Seiten wird der zweite Fall des Ermittlerduos Commissarius Funke und der eigentlichen Hauptfigur, des Kriminologen Dr. Otto Sanftleben geschildert.

Berlin im Sommer 1896:
Während der Deutschen Kolonialausstellung wird ein brutaler Ritualmord an einem jüdischen Zeitungsunternehmer begangen. Das Opfer wird titelgebend im Tiergarten zur Schau gestellt. Zur Überprüfung des ersten Verdächtigen, eines Herero-Prinzen, wird Dr. Sanftleben hinzugezogen. Er hat sich auf die Entschlüsselung der Körpersprache spezialisiert und früher selbst einige Zeit in Afrika verbracht.
Ein wesentlicher Bestandteil des Buches sind Episoden, in denen die Dinge aus der Sicht des wahnsinnigen Täters beschrieben werden. Ohne die Identität preiszugeben, werden seine Beweggründe und seine Gefühle beschrieben.
Neben der Entwicklung des Kriminalfalles kämpft der Kriminologe um einen Studienplatz für seinen dunkelhäutigen Diener und Assistenten, der ihm vom zuständigen Professor unbegründet verweigert wird. Dieser Abschnitt gipfelt in einer Regatta um den Studienplatz. Zusätzlich begegnet Dr. Sanftleben einer sehr selbstbewussten jungen Künstlerin, die die üblichen Verhaltensnormen mit Füssen tritt.
Der Autor zeichnet in seinem Roman ein düsteres Bild der damaligen Gesellschaft, die durch viele Vorurteile, Fremdenhass und durch ein auf den eigenen Vorteil bedachtes Verhalten bestimmt wird. Diese düstere Stimmung wird durch das forsche Verhalten des Protagonisten und die skurrilen Details der Nebenhandlung aufgelockert. Die humorvollen Teile wirken nicht deplatziert und fügen sich sehr schön in die flüssig zu lesende Geschichte ein.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen und die sehr impulsive Hauptfigur ist ein wahrer Sympathieträger.

30.11.2013 04:05:32
Minz

Es beginnt im Kopf des zukünftigen Täters in der Kolonie Neu-Germanien, Paraguay, es folgt der blutiger Mord an einem jüdischen Zeitungsunternehmer in Berlin – weitere Morde werden sich bald anschließen. Ein junger, unzugänglicher Herero-Prinz als erster Verdächtiger für das wie ein Ritualmord wirkende Verbrechen führt dazu, dass der Hauptermittler des Falles, Commissarius Funke, den Kriminologen Dr. Otto Sanftleben als Berater hinzuzieht, da dieser sich auf die Entschlüsselung der Körpersprache von Verdächtigen spezialisiert hat.

Neben den Ermittlungen, die die beiden rasch auf die Spur von antisemitischen Kreisen bringen, wird eine Reihe von Nebenhandlungen eingeführt, deren Charaktere durchweg glaubwürdig und interessant wirken. Dass man den Täter nicht vergisst, dafür sorgen eingeschobene Abschnitte aus seiner Sicht, die in ihrer Schrecklichkeit ausnehmend gut gelungen sind und Einblicke in die Gedankenwelt eines Geisteskranken geben, bei dem Wahnvorstellungen und Angst – sodass man zu Beginn stellenweise fast etwas wie Mitleid mit ihm empfindet - mit seinem Weltbild gemischt zu diesen grausamen Morden führen. Die Auflösung des Falles und die eigentliche Identität des oder der Verantwortlichen bleiben dabei spannend bis zu den letzten Kapiteln.

Trotz der grausamen Morde und der Tatsache, dass es sich bei den Haupthandelnden um einen Kriminologen und einen Commissarius handelt, liest sich das Buch weniger wie ein Kriminalroman als viel mehr wie eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts. Es zeichnet ein beklemmendes Bild, das von offenem Hass zu versteckten Vorteilen reicht, es geht um Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, um die Behandlung von Menschen, die auf irgendeine Weise nicht dem, was als „Norm“ galt, entsprechen, und deren Reaktionen auf ihre Situation. Dabei erweckt die Erzählweise eine gewisse Distanz zum Geschehen, als beobachte man die Ereignisse von außen durch ein Fenster.

„Mord im Tiergarten“, der zweite Fall von Dr. Otto Sanftleben, ist eine interessante Geschichte, die einem - zusätzlich zum Kriminalfall - die gesellschaftlichen Hintergründe dieser Zeit auf sehr eindringliche Weise nahe bringt und trotzdem nicht düster wirkt. Sprachlich sehr schön und flüssig zu lesen, hat mir das Buch wirklich gut gefallen und lässt sich auch ohne Kenntnis des Vorgängerbuches gut verstehen.

17.11.2013 20:24:44
Larna

Tim Pieper ist mit „Mord im Tiergarten“ mehr als „nur“ ein historischer Krimi gelungen – das Buch ist zugleich ein Sittengemälde des Berlins im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Als 1896 während der Kolonialaustellung in Berlin ein jüdischer Zeitungsunternehmer ermordet wird, sieht es zunächst nach einem Ritualmord aus und ein möglicher Täter findet sich auch schnell: Wilhelm Maharero, ein junger Herero-Prinz, der anlässlich der Kolonialaustellung in der Stadt ist. Comissarius Funke zieht Dr. Otto Sanftleben hinzu, der sich mit der Körpersprache Verdächtiger beschäftigt und bereits vor sechs Jahren half, einen Täter zu überführen. Schnell gerät Otto in einen Sumpf aus antisemitischen und rassistischen Gedanken und Motiven und versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen, denn der erste Mord bleibt nicht der letzte.

Wie bereits beim ersten Band, „Mord unter den Linden“ gibt es durch den Prolog einen fulminanten Einstieg in die Geschichte und man lernt bereits den Täter kennen (natürlich ohne zu erfahren, wer er nun ist) und es wird Spannung aufgebaut. Diese hält der Autor auch konsequent bis zum Ende durch und schafft es mithilfe verschiedener Handlungsstränge und Wendungen, den Leser bei der Stange zu halten.
Sehr gelungen sind die Kapitel, die aus Sicht des Täters erzählt werden. Hier erfährt man einiges über die Vorstellungs- und Geisteswelt dieses Mannes und seine Wahnvorstellungen. Sie lassen einen fasziniert und entsetzt zurück und manchmal mischt sich sogar etwas Mitleid mit dem Täter hinein. Diese glaubhafte und fesselnde Darstellung des Täters ist eine der herausragenden Stärken dieses Romans!

Neben dem eigentlichen Kriminalfall gibt es noch einige Nebenschauplätze: Commissarius Funke hat ein delikates Problem privater Natur, Ottos junger, farbiger Ziehsohn Moses möchte studieren, wird jedoch von seinem Professor mehr als einmal aufgrund seiner Hautfarbe beleidigt, was Otto auf die Palme bringt und schließlich in einem amüsant geschilderten Wettkampf endet. Mit der jungen Malerin Igraine Raab stellt Tim Pieper seinem Protagonisten erneut eine spannende, starke Frauenfigur an die Seite, die Otto ziemlich fasziniert.

Auch sprachlich überzeugt das Werk: Das Flair und der Zeitgeist wird gut angefangen und durch die Sprache gelungen transportiert, dabei lässt sich die Geschichte durchgehend flüssig lesen. Trotz des sehr ernsten Hintergrundthemas kommt auch der Humor nicht zu kurz, der glücklicherweise nie deplatziert macht, sondern das Ganze hervorragend abrundet.

Insgesamt ein wunderbares Buch, mit dem man genussvoll in die damalige Zeit abtauchen und einem spannenden Kriminalfall folgen kann!

Meine Wertung: 90°

30.10.2013 23:00:16
Sagota

Der zweite Fall von Dr. Otto Sanftleben, "Mord im Tiergarten" ist ein gut recherchierter, stilistisch klarer und präziser, flüssig zu lesender und zuweilen humorvoller historischer Kriminalroman, der mir spannende, lehrreiche und vor allem auch - trotz der sehr ernsten Thematik um Rassismus und Antisemitismus am Ausgang des vorletzten Jahrhunderts - vergnügliche und unterhaltsame Lesestunden beschert hat.
Ich hatte das Glück, in einer gemeinsamen Leserunde Tim Piepers Roman zu lesen und danke dem Autor und den Mitlesern für diese Bereicherung.
Der Autor versteht es, seine Leser zu fesseln, sie in die Geschichte "hineinzuziehen" und hält den Spannungsbogen der Handlung bis zum Schluss; ja kann ihn vor dem "finale grande" noch steigern. Er zeichnet sympathische Charaktere und Protagonisten, die man so schnell nicht vergisst.
Ein Roman, der bildungspolitisch interessierte Leser motiviert, selbst über die Hintergründe weiter zu recherchieren, Spielräume dazu lässt und fördert. Der flüssige und dennoch niveauvolle Schreibstil haben mir - zusammen mit einer gehörigen Portion Humor - sehr gut gefallen! Das "Ermittlerduo" Sanftleben/Funke ergänzt sich ganz hervorragend und ich hoffe, es wird noch weitere "acte criminale" zu lösen geben!

29.10.2013 22:07:53
maimonides

Radau-Antisemitismus in Verbindung mit dem Haß eines Wahnsinnigen

Im Prolog entführt uns der Autor in den Urwald Paragays und macht uns kurz mit der Siedlung Bernhard Försters bekannt. Nachdem Förster sich umgebracht hatte, versucht ein treuer Anhänger seiner Lehre zu retten was zu retten ist und geht verbal auf die Siedlungsbewohner los. Der "Schuß" geht allerdings nach hinten los und er wird von einer Horde Männer festgesetzt und diese lassen ihn von einer einheimischen "minderwertigen Frau" (so die Lehre Försters) vergewaltigt.

Die Vergewaltigung bleibt nicht Folgenlos und dem Leser wird schnell klar, das der Prolog-Mann sich mit Syphillis angesteckt hat und dem Wahnsinn verfällt. Dieser Wahnsinn in Verbindung mit seinen schon vorher propagierten Rassenthesen führen zu den abstrusesten Behauptungen und Vorstellungen in seinem Kopf. Der Leser weiß nicht wer der Mann ist, nur es ist schnell klar das er der Mörder ist. Das tut der Spannung allerdings keinen Abbruch, denn der Leser wird auch noch mit einem Erpressungsversuch vom ermittelnden Commissarius Funke konfrontiert und man darf gespannt sein wie sich der Fall entwickelt. Bei einer Seitenzahl von 250, den Mordfällen und einem Erpressungsversuch sowie ständig wechselnden Handlungsorten bleibt das Tempo im Buch stets hoch und vor allem bleibt es spannend.

Ausgehend von der geschichtlichen Situation in Berlin kurz vor der Jahrhundertwende und rund um die Gewerbeausstellung entfaltet der Autor ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Otto Sanftleben wird auf Grund seiner Beobachtungsgabe zu den Mordermittlungen hinzugezogen - sehr amüsante Szenen gibt es durch ihn wenn er an Hand des Händedrucks die verschiedenen Menschen klassifiziert. Er beobachtet und reagiert idR sehr besonnen. Aber ab und an gehen die Pferde dann auch mit ihm durch. Sein Leibdiener Moses (ein Schwarzer) wir von einem antisemitischen Professor beleidigt, Otto stürmt auf diesen zu und läßt sich zu einer sehr riskanten Segler-Wette verleiten.

Die Mordermittlungen zum Fall des Juden Hirsch nehmen schnell Fahrt auf und Otto trifft eine alte Bekannte wieder - Igraine, mittlerweile eine sehr selbständige junge Malerin. Sie steht kurz vor der ersten Ausstellung ihrer Zeichnungen. Durch geschickte Bemerkungen verleitet sie Otto dazu, daß er abnehmen will und auch wieder fitter werden möchte. Aus diesem Grund holt er auch sein Fahrrad wieder hervor - auch dazu erfährt man einige interessante Details.

Der Leser geht mit Otto zur Gewerbeausstellung und besucht den Herero-Prinzen (den ersten Tatverdächtigen), man begleitet Otto bei einem nächtlichen Fahradausflug sowie zum Bayreuther Eck und wird Zeuge einer üblen antisemitischen Veranstaltung. Zwischendurch unternehmen Otto und Moses immer mal wieder Trainingseinheiten auf der Havel - schließlich wollen sie ja den Professor schlagen, damit Moses seinen Studienplatz bekommt. Ottos Verhältnis zu seinem Leibdiener Moses ist nicht immer so ganz einfach und mal ist Otto sehr nett und zuvorkommend ihm gegenüber - beim nächsten Mal möchte man Otto zusammenstauchen. Und doch ist es gerade dieser Unterschied, der das Verhältnis autentisch wirken läßt. Otto mag Moses, aber er lebte auch in der damaligen Zeit und da ist ein "Schwarzer" eben ein "Schwarzer" und kein Gleichberechtigter.

Sehr gut gelungen sind dem Autor die Darstellung der unterschiedlichen Charaktere, jeder hat so sein eigenes Profil/seine eigene Sprache. Auch wenn der Commissarius Funke gerne mal ins Glas "schaut" kommt er doch mit seinen Ermittlungen voran und wird sehr facettenreich dargestellt. Es gibt ein paar undurchsichtige Personen, mal benimmt der sich verdächtig, mal jener und doch bleibt es spannend bis zum Schluß. Denn es ist alles nicht so ganz einfach wie man es sich denkt.

Drei erklärende längere Dialoge fand ich etwas aufgesetzt/belehrend, aber sie schildern die Situation im damaligen Berlin sehr gut und vermitteln dem Leser ein relativ komplexes Bild zur damaligen Zeit. Alles in allem ist es erstaunlich welche Informationsfülle der Autor uns auf 250 Seiten präsentiert, schon dafür gebührt ihm Anerkennung.

Ich hatte den ersten Teil vorher nicht gelesen - werde das aber bald nachholen. Auf Grund des Verhältnisses von Otto zu Moses und auch zu Funke würde ich allerdings empfehlen den ersten Teil vorher zu lesen. Ich könnte mir vorstellen, daß dann manches im Umgang zwischen den Personen noch schlüssiger wird.

26.10.2013 23:03:54
parden

Tim Piepers zweiter Roman um den Kriminologen Dr. Otto Sanftleben führt uns wieder ins Berlin zur Kaiserzeit, genauer: ins Jahr 1896.

Es ist die Zeit der Berliner Gewerbeausstellung, zu der Tausende von Menschen in die Stadt strömen. In diesem Tumult beginnt eine Reihe von Ritualmorden, die auf einen deutlichen antisemitischen Hintergrund hinweisen. Dr. Otto Sanftleben wird erneut von Commissarius Funke gebeten, bei den polizeilichen Ermittlungen behilflich zu sein. Mit seiner Methode, während des Verhörs auf die Körpersprache des Verdächtigen zu achten und entsprechend darauf zu reagieren, erhofft sich die Polizei eine erfolgversprechende Unterstützung bei der Jagd nach dem Mörder.
Und schon gerät Otto in einen Sumpf aus Antisemitismus, Wahnsinn und Vorurteilen. Ritualopfer zu Gunsten Odins, des Gottes der nordischen Mythologie, begangen von einem Täter, der, befallen von Syphilis im fortgeschrittenen Stadium, nichts mehr zu verlieren hat. Doch alle Spuren scheinen in die Irre zu führen...

Der zweite Band der Reihe um Dr. Otto Sanftleben konnte mich noch mehr überzeugen als sein Vorgänger. War ich beim letzten Mal noch eher der Meinung, der Kriminologe habe den Fall mehr mit Glück als mit Verstand gelöst, erschließt sich hier nun alles logisch und nachvollziehbar. Dabei zeigt sich wieder Tim Piepers akribische Recherchearbeit, durch die sich der Hintergrund der damaligen Zeit wie ein Bilderreigen vor den Augen des Lesers eröffnet. Dies bezieht sich zum einen auf die antisemitische Haltung, die sich bereits damals in der Bevölkerung breitgemacht hatte und in manchen Gruppierungen erschreckende Ausmaße annahm, zum anderen aber auch auf liebevoll eingestreute Details, die ein sehr authentisches Bild der damaligen Zeit entstehen lassen.
Die wechselnden Szenen in Ort und Personen greifen passend ineinander, und neben dem Fall an sich sind es gerade die "Nebengeschichten", die Spaß machen zu lesen. Sei es Ottos Privatleben, in das sich womöglich doch noch eine Frau schleicht, sei es sein Leibdiener und Ziehsohn Moses, der es als Herero nicht leicht hat, in der Gesellschaft Fuß zu fassen oder sei es auch Commissarius Funke, der bunte Vogel des "dritten Geschlechts", der wegen seiner natürlich versteckt gehaltenen homoerotischen Neigungen nun gar erpresst wird...

Ich mag Historische Romane, wenn sie wie nebenher wissenswerte geschichtliche Hintergründe wohldosiert vermitteln und dabei in eine spannende und lesenswerte Geschichte eingebettet sind. Wenn sie dabei erkennen lassen, wie sorgfältig recherchiert wurde und die Personen einem anfangen ans Herz zu wachsen, dann bin sogar ich von einem Historischen Roman sehr angetan...
Tim Pieper hat hier also alles richtig gemacht, und ich freue mich schon auf den dritten Fall des Kriminologen Dr. Otto Sanftleben!

Vielen Dank dafür, dass ich das Buch lesen durfte - und ebenfalls ein herzliches Dankeschön für die lebendige Leserunde, die angenehm durch den Autor begleitet wurde!