Die Blutnacht

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Rütten und Loening, 2013, Titel: 'The Twelve Children of Paris', Originalausgabe

Couch-Wertung:

83
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Carsten Jaehner
Blutiger Rachezug während der blutigsten Nacht der Geschichte

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2013

August 1572. Mattias Tannhäuser, Ritter des Johanniterordens, macht sich auf den Weg nach Paris, um seine Frau Carla zu suchen. Sie ist hochschwanger und wollte mit einer Freundin zusammen bei der Hochzeit des Protestanten Heinrich von Navarra mit der Katholikin Margarete de Valois, Tochter von Katharina de Medici, mit ihrer Gambe musizieren. Doch es liegt etwas in der Luft, und Tannhäuser will schnell zu ihr, die jeden Moment gebären kann.

Doch sie ist schwer zu finden, und auf dem Weg zu ihr gabelt Tannhäuser einige Kinder auf, die ihn auf dem weiteren Weg begleiten. Neben seinem neuen Knappen Grégoire, der einen Sprachfehler hat, sind dies zwei Mädchen, die Zwillinge Pascale und Flore, der junge Juste, dessen drei ältere Brüder Tannhäuser im Duell getötet hat, und zwei weitere kleine Mädchen, genannt die Mäuse. Währenddessen wird das Haus, in dem Carla bei ihrer Freundin residiert, im Zuge der Bartholomäusnacht überfallen, doch sie wird, weil sie hochschwanger ist, entführt und mit nach in das Viertel Cockaigne genommen, einem der Höfe von Paris, wo das Gesindel organisiert lauert.

Tannhäuser glaubt Carla tot und sinnt auf Rache. Während die Katholiken die Hugenotten niedermetzeln, sucht Tannhäuser die Schuldigen am Drama an seiner Frau und macht dabei reichlich von seinen Waffen Gebrauch. Doch als sich das Missverständnis auflöst, hat Clara inzwischen eine Tochter geboren, und man findet sich wieder. Bleibt nur die Frage der Flucht aus der blutüberströmten Stadt&

Treffender Titel

Tim Willocks hat sich sieben Jahre Zeit gelassen, um mit Die Blutnacht den Nachfolger von Das Sakrament vorzulegen. Immerhin spielt der Roman auch sieben Jahre später, ob das Absicht war, weiß man nicht, es bleibt Spekulation. Dennoch lässt sich bereits am Anfang feststellen: Wer die blutigen Gemetzel im Sakrament mochte, der wird Die Blutnacht lieben, denn der Titel kommt nicht von ungefähr.

Mattias Tannhäuser reitet nach Paris, wo er seine Frau Carla suchen will, wenngleich er nicht genau weiß, wo sie ist. Dabei gerät er genau in die blutigste Nacht der Geschichte, denn der katholische König Karl IX. hat befohlen, alle Hugenotten zu töten. Praktischerweise waren viele Hugenotten nach Paris gereist, um der vermeintlichen Versöhnungshochzeit zwischen Heinrich von Navarra und Margarete de Valois beizuwohnen, und das liess sich der König nicht entgehen. Carla war, selbst hochschwanger und kurz vor der Entbindung, bereits Wochen zuvor angereist, da sie gemeinsam mit einer Freundin auf der Hochzeitsfeier musizieren sollte, sie als Katholikin ebenfalls mit einer Hugenottin, eigentlich eine weitere versöhnliche Geste, aber somit auch Ziel von Anschlägen und Verschwörungen.

Tannhäuser, dieses ahnend, sucht seinen Weg und kommt zu spät in dem Haus, wo sie sein sollte, sind alle Anwesenden getötet worden. Man schreibt den 23. August 1572, und Tannhäuser hat sich bereits an diesem Tag mit einigen Duellen Respekt verschafft, wobei sein Ruf als Tempelritter ihm bereits vorausgeeilt ist. Tannhäuser hat zu Beginn der Geschichte einen Jungen, Grégoire, vor den Schlägen seines Herrn gerettet. Grégoire hat eine Hasenscharte und ist nicht leicht zu verstehen, daher hat sein Herr auch wiederholt die Geduld verloren. Tannhäuser tötet ihn und nimmt Grégoire als Knappen mit, was sich als sehr geschickt erweist, denn Grégoire kennt sich in Paris aus und wird so auch zum Führer durch die Stadt. Als Tannhäuser sich nicht traut, das Stockwerk zu betreten, in dem er seine tote Frau Carla vermutet, schickt er den Jungen hoch, der ihm das Gemetzel beschreibt, und so denkt er, die oben liegende Frau sei Carla, die es jedoch nicht ist.

Detailliertes Abschlachten

Doch Tannhäuser schwört auf Rache und beginnt seinerseits ein gnadenloses Gemetzel, während er nebenher noch weitere Kinder aufgabelt, zu deren Schutz er sich verpflichtet fühlt. Doch da zeitgleich die Katholiken flächendeckend in Paris die Häuser stürmen und alle Hugenotten töten, fällt Tannhäusers Amoklauf nicht weiter auf wer im Weg steht, wird niedergemacht, die Waffen kann man immer brauchen, und so ist es wahrlich nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass es im Schnitt pro Seite des knapp 800 Seiten starken Buches wenigstens eine Leiche gibt.

Tim Willocks erspart seinen Lesern nichts, im Gegenteil, er scheint sich in der Darstellung der Gewalt regelrecht zu ergehen und beschreibt zum Teil recht detailliert, wie er den nächsten Speer, Dolche oder Pfeil im Gegner platziert, diesen wieder herauszieht und dabei direkt auf der nächsten Seite im nächsten Gegenüber niedersenkt. Das ist nicht jedermanns Geschmack, und selbst für Leser, die nichts gegen eine ordentliche Schlacht haben, wird dies auf Dauer zu viel, denn das Blutvergiessen ist letztlich völlig ohne Sinn und Verstand, aber das ist ja auch das, was Tannhäuser aufgrund des vermeintlichen Verlustes seiner Frau empfindet. Nur ist dies nie so krass dargestellt worden, vor allem vor einem derart blutigen Hintergrund, dass es tatsächlich in der Stadt nicht weiter auffällt.

Ruhige Gegenpole

Doch gibt es auch Momente, in denen kein Blut fliesst (was dann auf anderen Seiten später ordentlich nachgeholt wird), vor allem, wenn der Weg Carlas beschrieben wird. Sie und Tannhäuser hatten bereits den Verlust eines Neugeborenen zu beklagen, und daher ist sie nun besonders vorsichtig. Sie wird von gedungenen Verbrechern entführt, wohl weil sie hochschwanger ist, auch am Leben gelassen. Der Hauptanführer der Bande ist Grymonde, der Prinz von Cockaigne, einem der Höfe von Paris und somit unanfechtbarer Hochverbrecher und Bandenchef. Begleitet wird er von mehrere Schergen und dem Mädchen Estelle, mit der sich Carla anfreundet. Carla wird zu Grymondes Mutter Alice gebracht, und beide führen eine lange und teils auch sehr philosophische Unterhaltung, immer wieder durch Wehen unterbrochen, und hier nimmt sich Willocks viel Zeit, um einen Gegenpol zu Tannhäuser zu schaffen. Schließlich bringt Carla eine Tochter zur Welt, die sie Amparo nennt, nach der verstorbenen Dienerin im Vorgängerbuch. Doch selbst Cockaigne ist irgendwann nicht mehr sicher, und so muss auch sie mit der Neugeborenen aufbrechen. So nah liegen Tod und Leben, Geburt und Mord, beieinander. Ob der Blutverlust durch Mord oder durch Geburt geschieht, ist in diesem Roman einerlei.

Kinder

800 Seiten umfasst das Buch und beschreibt letztlich nur zwei Tage und zwei Nächte, so dass man die Geschichte quasi in Echtzeit lesen kann, wenn man die Zeit dazu hat. Willocks beschreibt saftige Charaktere, die Ecken und Kanten haben und, wenn man sie nicht schon aus dem Vorgängerroman kennt, lebendig vor dem Auge des Lesers erscheinen. Wer zu diesem Buch greift, sollte sich darüber im Klaren sein, dass der Buchtitel tatsächlich Programm ist, auch wenn der Originaltitel The Twelve Children of Paris dies nicht suggeriert. Von der ersten Seite an sitzt Tannhäusers Schwert sehr locker, und nicht immer sind seine Taten für den Leser nachvollziehbar. Willocks beschreibt es so, wie er vielleicht selbst reagieren würde, auf der Suche nach seiner hochgeliebten, hochschwangeren Frau, gnadenlos und ohne Verstand agierend, halb dem Wahnsinn verfallen und doch einen klaren Kopf behaltend, um seine kindlichen Begleiter heil aus der Stadt zu bringen. Dass nicht jedes der Kinder das sprichwörtlich rettende Ufer lebendig erreicht, ist letztlich konsequent und schon aus dem Sakrament bekannt. Und gerade vermeintlich unschuldige Kinder als Gegenpol zu den schuldigen Erwachsenen zu nehmen, ist konsequent, wenn man auch diese zu Gewalt verführt.

Neben ruhigen Momenten, die doch gerade im Gespräch mit Alice und Carla sehr langatmig geraten sind, und blutigen Momenten, die im Roman überwiegen, gibt es auch weitere verstörende Momente wie die, wo Tannhäuser dem zwölfjährigen Mädchen Pascale beibringt, wie man am besten und kürzesten einen Menschen tötet, und dies an einem entsprechenden Opfer demonstriert und sie dann machen lässt. Ob solche Anleitungen zum Töten nötig sind, isst Geschmackssache, aber wenn der Wahnsinn einmal um sich greift, macht man wohl vor nichts halt. Generell ist der Roman ein Spiel zwischen Schuld und Unschuld, auf mehreren Ebenen, und Willocks lotet dies so tief aus, wie es ihm nur irgend möglich ist.

Große Erzählkunst

Der Rütten & Loening Verlag hätte mit Die Blutnacht einen treffenderen Titel nicht wählen können, dies sei eine Warnung an jeden Leser, der nicht auf blutige Gemetzel steht. Gerne hätte der Verlag auch, wie beim Sakrament, eine Hardcoverausgabe wählen können, so liegt das Taschenbuch im Überformat beim Lesen nicht gut in der Hand, und schwer ist es zudem. Der Roman hat keinerlei Extras, wobei ein historische Einordnung der Bartholomäusnacht in einem Nachwort durchaus Sinn gemacht hätte, doch hier lassen Autor und Verlag den Leser ebenso im Regen stehen wie mit dem Roman selbst, nach dessen Lektüre man nicht einfach in den Alltag übergehen kann. Willocks kann formulieren und erzählen, keine Frage, Charaktere entwickeln und beschreiben, dass es eine Freude ist, und sich in der Sprache ergehen, wie man es selten erlebt. Doch ob es so blutig hätte sein müssen, steht auf einem anderen Blatt. Ein Stadtplan von Paris wäre zur Übersicht für den Leser treffend gewesen, doch da Tannhäuser auch keinen hatte, ist das Fehlen letztlich konsequent. Die Lektüre von Das Sakrament ist für das Verständnis der Blutnacht nicht notwendig, erklärt aber die eine oder andere auftauchende Person eher und kann auch an sich empfohlen werden. Die Blutnacht ist nichts für schwache Nerven und für zart besaitete Leser nicht zu empfehlen. Und auch allen anderen könnte es zu blutig werden. Das aber gekonnt beschreiben und formuliert. Bleibt abzuwarten, ob ein angedachter dritter Roman weniger blutig wird.

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