Die Gabe der Zeichnerin

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Pendo, 2013, Titel: 'Die Gabe der Zeichnerin', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80
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Rita Dell'Agnese
Ein Hosenrollen-Roman mit besonderer Note

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2013

Martina Kempff nimmt ihre Leser im Roman Die Gabe der Zeichnerin mit ins ausgehende achte Jahrhundert. Im Zentrum steht dabei der Bau des Doms in Aachen. Ein oströmischer Bauherr soll Kaiser Karl dem Großen helfen, ein außergewöhnliches Bauwerk zu errichten. Doch einige Unwägbarkeiten auf der langen Reise verhindern, dass der Baumeister Iosephus rechtzeitig in Aachen ankommt. Karl der Große hat bereits den Handwerker Odo von Metz mit dem Bau des Doms beauftragt. Nur dass ihm dessen Vorschläge bisher nicht so richtig gefallen wollten. Da trifft der große Kaiser nach einer schlaflosen Nacht auf einen geheimnisvollen jungen Sarazenen, der eine Konstruktion in den Sand malt. Es ist genau das, was sich Karl der Große für seinen Dom gewünscht hat. Er ahnt nicht, dass in der Gestalt des Sarazenen Iosephos Tochter Theresa steckt - von ihm seit Geburt in der Öffentlichkeit als Sohn Ezra ausgegeben. Nur Dienerin Dunja, seit jeher Ziehmutter Ezras und der findige jüdische Kaufmann Isaak, der den Baumeister und seine Gefährten im Auftrag des Kalifen ins Frankenreich bringen musste, wissen um das wahre Geschlecht von Ezra. Je länger Ezra im Umfeld der Menschen bleibt, die den Dom bauen, desto grösser wird die Gefahr für sie, entdeckt zu werden . Erst recht, da sie ihr Herz ausgerechnet an Lucas, den Sohn des Baumeisters Odo verliert, sich aber in ihrer Rolle nicht offenbaren darf.

Spannende Historie

Martina Kempff hat mit der Figur der Muslima Ezra eine gute Ausgangslage geschaffen, zu erklären, wie die Kuppel des Doms von Aachen damals gewölbt werden konnte. Das bis heute ungeklärte Geheimnis eignet sich ideal dafür, Fakten und Fiktion zu verweben. Tatsächlich könnte es sich so zugetragen haben, wie die Autorin schreibt wenn auch Ezra unbestreitbar eine klassische Romanfigur ist, deren Schicksal sich ganz und gar nach dem Strickmuster richtet, das für dramatische Szenen und viel Liebe vorgesehen ist. So gliedert sich Kempffs Roman letztlich in zwei klassische Bereiche: Zum einen sind die Fakten gut aufgearbeitet und spannend erzählt. Zum anderen entsprechen die Figuren den Erwartungen an einen Unterhaltungsroman. Die Epoche, in der der Roman angesiedelt ist, gehört zu jenen, die bis heute in historischen Romanen nicht überstrapaziert sind und schon alleine deshalb auf Interesse stoßen dürfte. Das achte Jahrhundert ist zudem eine höchst turbulente Phase, die genügend Stoff für eine temporeiche Geschichte liefert.

Es fehlt an Konturen

Ist die Frage rund um den Dombau unbestreitbar ein Highlight, sind es die gewählten Protagonisten nur zum kleinen Teil. Es fehlt ihnen durchs Band weg an Konturen, selbst Ezra wirkt zu glatt und zu fügsam, um wirklich überzeugen zu können. Denn die ihr von ihrem Vater auferlegte Rolle als Mann hätte selbst bei einer gehorsamen Tochter zu mehr Konflikten führen müssen - zumindest hätte sich die junge Frau anders mit der Situation auseinandergesetzt. Leider verschenkt hier Martina Kempff viel Potenzial. Ezra hätte sich mühelos tiefgründiger gestalten lassen, ohne dass dadurch der Verlauf des Romans im Wesentlichen beeinträchtigt worden wäre. Auch bei den anderen Charakteren scheint sich die Autorin nicht immer ganz sicher gewesen zu sein. Dunja bewegt sich zeitweise sehr selbstsicher und geschickt auf dem glitschigen Parkett, wird aber gleichzeitig als verzweifelte und von der Last der Jahre gebrochene Frau gezeigt. So gibt es einige Situationen mit verschiedenen Figuren, die den Leser unter Umständen leicht irritieren könnten. Leider bemüht Martina Kempff immer wieder auch den Zufall, so dass es mit der Zeit etwas konstruiert wirkt. 

Mit viel Umsicht gestaltet

Trotz der weniger überzeugenden Charaktere ist Die Gabe der Zeichnerin ein Roman mit besonderer Note. Der Dombau bietet eine ideale Grundlage für einen historischen Roman, die präsentierten Fakten sind ausgezeichnet aufgearbeitet und präsentiert und die dazu erzählten Fiktionen runden das Ganze ab. Eine hervorragende Ergänzung dazu bietet die mit viel Umsicht gewählte Präsentation des Romans. Der Verlag hat die Buch-Innenseiten mit einem Bild des diskutierten Kuppelbaus versehen, ein fundiertes Nachwort, ein gut bestücktes Glossar und eine übersichtliche Zeittafel sind Beigaben, die dem gesamten Werk gut bekommen. 

Die Gabe der Zeichnerin

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