Abschied von Sansibar

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Diogenes, 2013, Titel: 'Abschied von Sansibar', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Die Zerrissenheit zwischen den Kulturen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2013

Kurzgefasst:

Nach einer wahren Geschichte: Eine Prinzessin von Sansibar, die mit einem Hamburger Kaufmann durchbrennt. Mit dieser verbotenen Liebe beginnt Ende des 19. Jahrhunderts die spannende Saga einer west-östlichen Familie zwischen Europa und der arabischen Welt. Im Schicksal der Familie Ruete werden wie in einem Brennglas die großen Themen des 19. und 20. Jahrhunderts sichtbar.

 

Lukas Hartmann lädt seine Leser ins ausgehende 19. Jahrhundert ein. Salme, Prinzessin von Sansibar, schwört ihrem Glauben ab und folgt dem deutschen Kaufmann Heinrich Ruete in dessen Heimat. Für sie bedeutet das, in eine völlig neue Identität zu schlüpfen. Denn in Deutschland lebt Salme als Emily Ruete ein bescheidenes Leben. Der frühe Tod ihres Mannes lässt ihr nur wenig Spielraum, die drei Kinder Antonie, Said und Rosalie aufzuziehen. Es ist jedoch nicht die verlorene Liebe, die Salme zusetzt: Sie leidet unter dem Verlust ihrer Heimat und verkümmert in der fremden Kultur. Ihre Sehnsucht nach Sansibar können die drei Kinder nur zum Teil nachvollziehen. Zwar erleben auch sie die Zerrissenheit zwischen den beiden unterschiedlichen Kulturen, doch sind sie eher involvierte Zuschauer denn Betroffene. Dennoch ist es vornehmlich Said - der sich später Rudolph nennen wird - der die Geschichte der unglücklichen Prinzessin und ihrer Nachkommen erzählt. Er tut dies als alter Mann, der Rückschau über sein Leben hält - und auch mit sich selber hart ins Gericht geht. Das Schicksal der Nachkommen Salmes wird von der niemals gestillten Sehnsucht der Mutter geprägt. Zudem brechen politisch unruhige Zeiten an - die beiden Weltkriege fordern ihren Tribut und reißen die Geschwister endgültig auseinander.

Ungewöhnlicher Zugang

Der Schweizer Autor wählt einen ungewöhnlichen Zugang zu seinem neuen Roman. Er setzt den Protagonisten Rudolph dafür ein, dicht an die einstige Prinzessin heran zu kommen, die in einem Wechselbad von Schwermut und Hoffnung auf eine Versöhnung mi t ihrer Familie in Sansibar lebt, als Frau ohne richtigen Boden unter den Füssen, denn mit ihrer Heimat hat Salme einst auch die Religion ihrer Kindheit aufgeben müssen und ist vom Islam zum Christentum konvertiert. Durch die Nähe, die der Autor schafft, wird dieses Spannungsfeld, in dem sich Salme bewegt, sehr gut erfahrbar. Die Auszüge aus den Briefen, die Salme an ihren Bruder schrieb, belegen, wie sehr die exotische Prinzessin unter der Distanz zu ihrer farbenprächtigen Heimat und den Menschen dort litt und wie intensiv sie eine Versöhnung herbei sehnte. Eine Versöhnung, die ihr, der Abtrünnigen unter keinen Umständen gewährt werden konnte, denn sie hatte mit ihrer Heirat alle Werte verraten, die das Herrscherhaus ausmachte. Sehr eindrücklich zeigen Salmes Briefe aber auch auf, dass sie durchaus in der Lage war, die politische Situation und die Stellung von Sansibar im Machtgefüge der Europäer einzuschätzen. So bekommt der Leser - eingebettet in die Geschichte der Familie - auch einen umfangreichen Eindruck von der politischen Entwicklung jener Zeit.

Starke Charaktere

Hartmann hat ein Faible für starke Persönlichkeiten. Das kommt auch in Abschied von Sansibar zum Ausdruck. Er schafft es, seine Charaktere so auszuarbeiten, dass sie als faszinierende Persönlichkeiten wahrgenommen werden und ihre Denk- wie auch Handlungsweise zu faszinieren vermag. Allerdings gibt Lukas Hartmann seinen Lesern mit der Geschichte nicht nur - er verlangt auch einiges von ihnen ab. Denn, nur wer sich ganz auf den Roman einlässt und konzentriert, wird die volle Kraft der Geschichte spüren. Die Sprünge zwischen Zeiten und Personen wollen verkraftet werden und es braucht immer mal wieder ein kurzes Innehalten und sich Sammeln, um sich auf die neue Situation einzulassen. Wüsste man es nicht besser, könnte leicht der Eindruck entstehen, dass Lukas Hartmann sich bei der Konzeption des Romans über dessen Aufbau nicht ganz klar geworden ist. Versteht man es jedoch als Stilmittel des Autors, birgt diese differente Erzählweise sehr viel Potenzial.

Eine ganze Epoche sichtbar gemacht

Mit Abschied von Sansibar macht Lukas Hartmann eine ganze Epoche sichtbar. Er erklärt Zusammenhänge, zeigt Entwicklungen auf, spricht Themen an, die nichts an Aktualität verloren haben und berührt bei allem immer wieder die Seele der Leser. Dies, obwohl die Erzählung in einer nüchternen Distanz gehalten wird - oder vielleicht gerade deshalb. Der Autor hat schon mit seinen früheren Werken bewiesen, dass er aus nahezu in Vergessenheit geratenen geschichtlichen Ereignissen Großes machen kann. Diesem Anspruch wird er auch jetzt wieder gerecht. Er legt einen ausgereiften, ungewöhnlichen historischen Roman vor, der demjenigen, der sich damit auseinander setzen mag, viel vermittelt. Es ist allerdings kein Roman, den man sich mal eben als leichte Strandlektüre oder einen Schmökerabend auf dem Sofa gönnt.

Abschied von Sansibar

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Letzte Kommentare:
29.12.2015 19:04:11
Ute v. R.

Der Roman fasziniert mich. Zeigt er doch einen geschichtlichen Abriss der letzten 100 Jahre. Und er macht uns bewusst, was Menschen aufgeben, die ihre Heimat verlassen.
Wie schwer wird es denen, die heute wegen des Krieges auf der Flucht sind. Wir Leser haben hier auch die Möglichkeit in die innere Welt dieser Flüchtlinge zu schlüpfen und können so vielleicht ein wenig nachempfinden, wie es denen heute geht.
Sicher, Salme/Emily hat aus freien Stücken und ohne Not gehandelt. Es war Liebe - war sie es? Das heraus zu finden, dabei hilft L. Hartmann dem Leser.
Und auch das Beschreiben des 'Inneren der Geschwister' hilft uns Lesern uns mit den Gegebenheiten/Umständen der damaligen Zeit auseinander zu setzen. Wie schrecklich das alles greift. Wie grausam Emily als politischer Spielball 'benutzt' wird. Was Frauen damals zu Beginn des 20. Jahrhunderts aushalten mussten, welche Unfreiheit sie hatten.
Alles in Allem ein sehr nachdenkenswertes Buch für mich.