Friedhof der Unschuldigen

  • Zsolnay
  • Erschienen: Januar 2013
  • Zsolnay, 2011, Titel: 'Pure', Originalausgabe
Friedhof der Unschuldigen
Friedhof der Unschuldigen
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Jörg Kijanski
85

Histo-Couch Rezension vonAug 2013

Von der Beseitigung eines Friedhofs

Kurzgefasst:

Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts: Im Schloss von Versailles wird dem jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte von höchster Stelle ein Auftrag erteilt. Er soll den Friedhof der Unschuldigen demolieren, der, mitten in Paris gelegen, Hunderttausende von Toten beherbergt und dessen Ausdünstungen die Stadt langsam vergiften, so dass der Wein in den Kellern zu Essig wird, Fleisch binnen Minuten verfault. Aber es soll möglichst unauffällig geschehen, der Pöbel ist abergläubisch und will die Totenruhe nicht gestört sehen.

 

Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts. Der 28-jährige Ingenieur Jean-Baptiste Baratte aus der Normandie möchte endlich beruflich erfolgreich sein und sehnt sich nach einem großen Auftrag. Diesen erhält er im Schloss von Versailles vom Minister persönlich, denn seit Jahren gibt es Beschwerden über den Friedhof der Unschuldigen neben der Kirche Les Innocents in Paris. Früher wurden dort unzählige Leichen in den Gräbern und vor allem den Armengräbern verscharrt, und obwohl Kirche wie Friedhof bereits seit fünf Jahren geschlossen und sich selbst überlassen sind, belasten starke Gerüche die Menschen. Der jahrhundertealte Friedhof soll beseitigt, die Leichen an einen anderen Ort verlegt und die Kirche abgerissen werden. In unmittelbarer Nähe des Friedhofes kommt Baratte bei der Familie Monnard unter, deren Atem einem leichten Verwesungsgeruch ähnelt. Auch das Essen ist alles andere als genießbar, so dass Baratte schnell erkennt, warum der Auftrag eine gewisse Eile hat. Zunächst jedoch schließt Baratte eine Freundschaft zu dem Organisten der verlassenen Kirche, Armand de Saint-Méard, und lässt sich von der 14-jährigen Jeanne, der Enkelin des Küsters, mehr über den Friedhof sowie die Anordnung der Gräber erzählen.

 

"Man kann den Friedhof schließlich nicht sich selbst überlassen, oder?"

"O nein, ganz gewiss nicht."

"Und du weißt, wie sich die Leute darüber beschweren."

"Großvater sagt, früher sind die Leute stolz darauf gewesen, an einem so berühmten Ort zu wohnen. Sie haben damit geprahlt."

"Die Nasen der Leute sind eben empfindlicher geworden."

Nachdem Baratte sich ein Konzept gemacht hat, wie die Beseitigung der Anlagen erfolgen kann, wendet er sich an seinen alten Weggefährten Lecoeur, mit dem er zwei Jahre in den Bergwerken von Valenciennes unter schlechtesten Bedingungen gearbeitet hat. Lecoeur ist folglich erfreut, Baratte helfen zu können und reist zu Beginn des Jahres 1776 mit dreißig auserwählten Bergarbeitern an. Diese eher ungehobelten Männer nehmen ihre Arbeit auf, jedoch nicht zur Freude aller Bürger. Insbesondere Ziguette, die Tochter der Monnards, kann sich mit der Beseitigung des Friedhofes nicht abfinden. Baratte gibt sich unbeeindruckt und entdeckt, dass sein neuer Freund Armand politische Ziele verfolgt, da er der "Partei der Zukunft" angehört. Doch mit an Mauern geschmierten Parolen, wonach ein gewisser "Beche" dem König droht, will er nichts zu tun haben. Die Abrissarbeiten gehen voran, wobei es immer wieder zu Problemen kommt. Währenddessen muss Baratte erstmals sein Privatleben ordnen, denn Jeanne findet den doppelt so alten Mann offenbar interessant, während sich Baratte zu "der Österreicherin", einer Prostituierten hingezogen fühlt...

 

"Honorius von Autun nennt den Friedhof ein geheiligtes Dormitorium, den Schoß der Kirche, ecclesiae gremium. Was meinen Sie, wann haben sie begonnen, uns an Zahl zu übertreffen?"

"Wer, Exzellenz?"

"Die Toten."

"Ich weiß nicht, Exzellenz."

"Schon früh, denke ich. Schon früh."

Andrew Millers Friedhof der Unschuldigen ist zunächst einmal ein wunderbares sprachliches Erlebnis. Eloquent und anmutend führt er seine Leserinnen und Leser in die damalige Zeit und lässt sie unmittelbar in das Paris der Jahre 1785/1786 eintauchen. Detailliert beschreibt er die Zustände der Stadt und des Friedhofsviertels, bevor er sich anschließend ausführlich der Beseitigung des Friedhofes widmet.

"Wir werden die Vergangenheit beseitigen. Die Geschichte hat uns lange genug behindert." Es sind solche Sätze, wie dieser von Armand, die gelegentlich in die Handlung einfließen und ein Beleg für den nahenden Umbruch in der Gesellschaft sind. Man möchte nicht mehr für Leute arbeiten, die einen nicht respektieren und die man selber nicht respektiert. So begehrt ein Teil des Volkes auf, in dem es Sprüche an Hausmauern und Gebäude pinselt und dabei nicht nur dem König droht. Der Abriss der Kirche Les Innocents sowie des Friedhofes ist dabei ein geglücktes Sinnbild für die Niederschlagung von gesellschaftlichen Beschränkungen durch die Obrigkeit. Wenige Jahre später wird ganz Frankreich einen bis dahin einmaligen Umbruch, die Französische Revolution, erleben.

 

"Ich habe geglaubt, ich sterbe, verstehen Sie. Ich habe mir etwas gewünscht, was dem Augenblick einen Sinn verleiht."

"Und was haben Sie gefunden?"

"Nichts. Absolut nichts."

Der Friedhof der Unschuldigen ist kein herkömmlicher historischer Roman, sondern beeindruckt vor allem - wie eingangs erwähnt - durch die Sprachgewalt des Autors. Die Handlung selbst ist überschaubar, hingegen legt der Autor Wert auf Details. Man möchte fast sagen, er lullt die Menschen ein um dann - stichnadelartig - wieder zuzuschlagen mit feinen Hinweisen auf das Brodeln unter der Oberfläche. Selbstmord, Vergewaltigung und Tod, ebenso Liebe, Freundschaft und Begierde kommen vor. Allerdings, wenig verwunderlich, selbst diese wohldosiert und gut pointiert.

 

"Sie halten sich für einen Menschen von erhabenen Gedanken, von liberalem Empfinden, dabei ist Ihr einzig wahres Ideal nur Ihr eigener Ehrgeiz. [...] Ich kann hinter meine Ambitionen blicken. Ich werde nicht von ihnen eingeschränkt. Das ist der Unterschied."

Friedhof der Unschuldigen

, Zsolnay

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