Die Hurenkönigin und der Venusorden

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Ullstein, 2013, Titel: 'Die Hurenkönigin und der Venusorden', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Eva Schuster
Ein neuer unterhaltsamer Fall für die sympathische Hurenkönigin

Rezension von Eva Schuster Aug 2013

Frankfurt am Main 1512: Anlässlich der Frühjahrsmesse kommen zwei auswärtige Huren in Ursel Zimmers Frauenhaus am Dempelbrunnen - die Ulmener Alma Deckinger und ihre Tochter Irene. Alma ist eine sehr charismatische Frau, ihre Tochter Irene ausgesprochen schön. Auch die Frankfurter Männer sind von den beiden Neulingen sehr angetan und vor allem Irene kann sich vor Freiern kaum retten. 

Wegen des Platzmangels teilt sich Ursel ein Zimmer mit Alma. Die beiden Frauen kommen sich rasch näher. Ursel ist fasziniert von der charmanten und selbstbewussten Frau und sieht sie als Seelenverwandte. Mehr noch - sie fühlt sich auch körperlich zu ihr hingezogen und schließlich kommt es wegen Alma sogar zum Bruch mit Ursels langjährigem Geliebten, dem Gelehrten Bernhard von Wanebach. 

Kurz darauf trifft der reiche Augsburger Kaufmann Jakob Fugger in Frankfurt ein und amüsiert sich mit seinem Gefolge und anderen hohen Herren im Freudenhaus. Dabei ergibt sich ein Eklat, als einer der Ratsherren Irene bedrängt und daraufhin von Alma bedroht wird. Am nächsten Morgen wird die Leiche des Mannes gefunden - grausam mit Messerstichen zugerichtet und kastriert. Sofort gerät Alma in Verdacht. Ursel ist von Almas Unschuld überzeugt und findet heraus, dass der Tote noch weitere Feinde hatte. Auf ihrer Suche nach der Wahrheit gerät die Hurenkönigin in große Gefahr ... 

Spannende Mördersuche im Mittelalter

Im ersten Band um die Hurenkönigin ermittelte Ursel Zimmer anlässlich der Hurenmorde, die ihr Freudenhaus in Angst und Schrecken versetzten - nun bekommt sie es erneut mit mörderischen Konflikten zu tun und betätigt sich abermals als ungewöhnliche, aber hartnäckige Amateurdetektivin. Wie in ihrem früheren Fall sind es persönliche Motive, die sie in diese Rolle bringen: Waren es damals ihre Freundinnen, die einem Mörder zum Opfer fielen, will sie diesmal im Gegenzug eine Freundin vor der Mordanklage bewahren. 

Gewiss gibt Alma Deckinger eine gute Verdächtige ab: Sie verteidigte ihre Tochter Irene mit wilden Worten vor dem übergriffigen Senator und drohte ihm mit der Kastration - wenige Stunden später ereilt den Unglücklichen tatsächlich dieses Schicksal. Ein richtiges Alibi kann Alma überdies nicht vorweisen - sie verbrachte zwar die Nacht in Ursels Zimmer, doch diese kann nicht beschwören, dass Alma sich nicht zwischenzeitlich davongestohlen hat. 

Die Suche nach dem Täter beschert Ursel rasch ein paar weitere Verdächtige. Der ermordete Uffsteiner schlug regelmäßig seine Frau und drangsalierte seine Tochter, beide Frauen hatten gute Motive, ihn zu töten. Obendrein schuldete der Bruder der Witwe ihm hohe Geldsummen und profitiert nun ebenso von seinem Ableben. Zudem haben in der Schankstube viele Zeugen Almas Drohung gehört und könnten die Chance genutzt haben, ihr die Tat anzuhängen. Ursel kommt aber nicht umhin, sich ihre Gedanken um ihre neue Freundin zu machen: Alma ist nicht nur verführerisch und charmant, sondern gehört auch dem geheimnisvollen Venusorden an, der die Göttin der Liebe verehrt. Von der Kirche wird dieser heidnische Bund geächtet und Bernhard von Wanebach ist misstrauisch, als er nähere Informationen zu ihm erhält: Die Venuspriesterinnen führten rituelle Kastrationen an Männern durch und Almas Männerhass ist ohnehin offensichtlich. Die Suche nach dem Mörder gestaltet sich abwechslungsreich und spannend - für den Leser ist auch Alma nicht als Täterin auszuschließen und man wartet gebannt auf jede neue Wendung und auf die Gefahrensituationen, in die Ursel Zimmer unweigerlich bei ihren Nachforschungen gerät. 

Der flüssige Stil tut sein Übriges zum Lesegenuss hinzu. Auch die mittelalterlichen Alltagsgewohnheiten und insbesondere das Leben der Huren im Freudenhaus werden vielschichtig und detailfreudig dargestellt. Es ist für das Verständnis nicht unbedingt notwendig, auch den ersten Band gelesen zu haben - es empfiehlt sich allerdings nicht, den ersten Band nach dem zweiten zu lesen, da im Nachfolger einige wichtige Informationen zum Erstling vorweggenommen werden und den Lesespaß verderben. 

Interessante Charaktere 

Mit Alma wurde eine reizvolle Figur geschaffen, die die Handlung bereichert und das nicht nur als Tatverdächtige. Ursel ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Faszination für Alma und ihrer Liebe zu Bernhard. Ein paar Missverständnisse sowie Almas Abneigung gegen ihn sorgen für eine vorläufige Entzweiung, doch die Liebe zwischen den beiden lässt sich nicht so leicht auslöschen. Alma präsentiert sich auch für den Leser als charmante Frau und doch weiß man lange Zeit nicht, inwieweit man ihr trauen darf und ob sie Ursel nicht doch einmal gefährlich wird. 

Irene wiederum löst in Bernhard ungeahnte Gefühle aus und neben der Kriminalhandlung sorgt so auch die Frage für Spannung, ob Ursel und Bernhard wieder zusammenfinden. Wie schon im ersten Band ist die Beziehung der beiden anrührend und komplex zugleich - die ehemalige Hure und den gelehrten Adligen verbindet seit vielen Jahren eine tiefe Liebe, die hier auf dem Prüfstand steht. 

Ebenfalls eine gelungene Figur ist Gertrude Uffsteiner, die Tochter des Ermordeten - eine burschikose Jungfer, die sich und ihre verzagte Mutter energisch verteidigt und der die Tat gut zuzutrauen ist. Die kleinen Einblicke, die der Leser in das Familienleben der Uffsteiners gewinnt, sind nicht unbedingt immer eindeutig und lassen Raum für Spekulationen. Nur ganz am Rande spielt der berühmte Jakob Fugger eine Rolle, doch dieser kleine Auftritt ist gelungen. Amüsant ist vor allem die Erwähnung, dass er vor über zwanzig Jahren ein Stelldichein mit Ursel genoss und die Reize der ehemaligen Hure offenbar noch in sehr guter Erinnerung hat. 

Nur kleine Schwächen 

Die Mankos des Romans fallen insgesamt sehr gering aus. Ein bisschen zu schnell verläuft leider die Anbahnung zwischen Ursel und Alma: Die rasche Faszination ist zwar gut nachvollziehbar, doch der Bruch mit Bernhard kommt sehr früh in der Handlung. Er und Alma begegnen sich sofort abweisend bis feindselig, unmittelbar danach kommt es zum heftigen Streit zwischen Ursel und ihrem Geliebten. Gewiss hätte eine etwas langsamere, ausgefeiltere Entwicklung dieser Dinge der Handlung nicht geschadet. Etwas mehr Raffinesse hätte auch die Aufklärung der Morde vertragen. Ursel stellt zwar Ermittlungen an, letztlich ergeben sich die Hintergründe aber eher von selbst und durch kleine Zufälle, als dass die Hurenkönigin intensive Detektivarbeit leisten muss. 

Alles in allem ein sehr lesenswerter Nachfolgeband um die sympathische Ursel Zimmer, der durch eine kurzweilige Handlung und gelungene Charaktere überzeugt und Lust auf das nächste Abenteuer der Hurenkönigin macht. 

Die Hurenkönigin und der Venusorden

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