Das Kastanienhaus

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Blanvalet, 2013, Titel: 'The Last Telegram', Originalausgabe

Couch-Wertung:

88
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Rita Dell'Agnese
Ein Weltkriegs-Roman mit bemerkenswertem Blickwinkel

Rezension von Rita Dell'Agnese Jul 2013

Die achtzigjährige Lily ist vor kurzem Witwe geworden. Nun will sie den Familienstammsitz räumen: Das große Kastanienhaus, das direkt neben der Seidenweberei der Familie steht. Zusammen mit ihrer Enkelin geht Lily ihre Habseligkeiten durch, um zu entscheiden, was sie noch behalten möchte. Dabei stößt sie auf einen Koffer, der schmerzhafte Erinnerungen in ihr weckt. Während Lily die Unterlagen im Koffer durchgeht, taucht sie gedanklich in die Zeit von 1938 bis 1945 zurück, als sie plötzlich genötigt ist, die Leitung der Seidenweberei zu übernehmen. Während Lily versucht, die Aufgabe zu bewältigen, kämpft sie auch um ihre Liebe zu einem jungen deutschen Juden. Dieser wurde vor dem Krieg von seiner Familie nach England geschickt, um dort eine Grundlage zu schaffen, um der Familie eine neue Existenz zu bieten. Stefan findet in der Seidenweberei eine Arbeit, die ihn fasziniert und in der Tochter des Fabrikanten eine Liebe. Doch je näher der Krieg mit Deutschland rückt, desto stärker werden Stefan und seine Freunde angefeindet. Als Deutsche gelten sie vielen als Feind. Lily muss machtlos zusehen, wie sich der anfängliche Gute Wille ihrer Gesellschaft in blanken Hass verwandelt. Die als Gäste aufgenommenen jungen Juden werden interniert.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Bemerkenswert ist der Roman nicht wegen der Liebesgeschichte von Lily die allerdings gut konzipiert ist -, sondern aufgrund der sehr schön aufgezeigten Probleme mit dem Verschicken von jüdischen Kindern aus Deutschland nach England. Die Autorin Liz Trenow  schildert auf eingängige Art, warum es zu diesem Verschicken gekommen ist und welche Hoffnungen damit verknüpft waren. Die Kinder und Jugendlichen wurden aus dem Einflussbereich von Nazi-Deutschland gebracht, um die Chance auf ein besseres Leben zu erhalten. Anhand des Schicksals der drei Jugendlichen Stefan, Kurt und Walter zeigt die Autorin, wie schwierig es für jene Kinder war, auf die keine Gastfamilie wartete und die zunächst in ein Ferienlager gesteckt wurden, um eine Lösung für sie zu finden. Ob gewollt oder ungewollt: Beim Lesen taucht unvermittelt die Verbindung zu den in vielen europäischen Ländern gängigen Asylzentren auf. Sehr schön dargestellt hat Liz Trenow zudem die zunehmende Ablehnung, mit denen die zuerst wohlgelittenen jungen Leute konfrontiert werden. Dass dabei das Heimweh, das die jungen Juden nach ihrer Familie und ihrem Umfeld in Deutschland hatten, erschwerend hinzukam, kommt gut zum Ausdruck.

Vielschichtige Figuren

Liz Trenow hat ihren Roman auf zwei Zeitebenen angesiedelt. In beiden ist Lily die Ich-Erzählerin. Zum einen als achtzigjährige Frau, die auf die jüngere Vergangenheit zurückblickt und sich ganz alltäglichen Fragen stellt. Zum anderen als junge Frau, die ihr Leben noch vor sich hat und durch die politischen Ereignisse auf dem Festland gezwungen wird, sich von ihren Träumen zu verabschieden und sich einer zunächst nicht vorgesehenen beruflichen Laufbahn zuzuwenden. Mit viel Feingefühl beschreibt die Autorin, wie Lily gegen ihre anfängliche Überzeugung langsam Interesse für die Seide entwickelt und dank einer fachlich versierten Mitarbeiterin in der Weberei einen eigenen Zugang zum Familienbetrieb findet. Hier wirkt nichts aufgesetzt oder mit Gewalt zurecht gebogen. Lilys Gedankengänge sind schlüssig, ebenso wie ihr langsam erwachsendes Interesse. Der Reifeprozess der jungen Frau ist nachvollziehbar und gibt dem Roman eine gute Ausrichtung. Es ist aber nicht nur die Protagonistin Lily, die von der Autorin sehr gut gezeichnet wird. Auch die anderen Figuren wissen zu überzeugen, sind vielschichtig und überzeugend dargestellt, wenn man sich auch bei der einen oder anderen Figur noch etwas mehr Spielraum gewünscht hätte. So etwa bei Gwen, Lilys Lehrmeisterin, die durchaus noch stärker in die Geschichte eingebaut hätte werden können.

Seide und Krieg

Spannend geraten ist der Autorin die Geschichte der Seidenfabrik, die den Krieg dank eines Auftrags der Regierung, Seide für Fallschirme herzustellen, überstand. Es mag sein, dass Liz Trenow die Begründung, weshalb gerade diese Seidenmanufaktur dafür ausgewählt wurde, etwas zu banal dargestellt hat, doch liegt die Entwicklung immerhin im Bereich des Möglichen und der Zufall wurde nicht unnötig bemüht. Alles in Allem legt Liz Trenow einen überzeugenden und sprachlich angenehmen Roman vor, der verschiedene Aspekte aus den Kriegsjahren behandelt und dank eines gut durchdachten Konzepts zu keinem Moment langweilig oder überzogen wirkt.

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