Weisse Nächte, weites Land

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Weltbild, 2012, Titel: 'Weisse Nächte, weites Land', Originalausgabe

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89

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Eva Schuster
Fesselnde Einwandererschicksale im Russland des 18. Jahrhunderts

Buch-Rezension von Eva Schuster Jul 2013

Kurzgefasst:

Deutschland im 18. Jahrhundert. Die beiden Schwestern Christina und Eleonora könnten unterschiedlicher nicht sein. Christina ist temperamentvoll und stets auf ihren Vorteil bedacht - ganz anders als die zurückhaltende junge Witwe Eleonora. Beide folgen dem Ruf der Zarin Katharina, in Russland ein neues Leben zu beginnen. Doch die Wirklichkeit erweist sich als sehr viel rauher und grausamer, als es sich beide in ihren Träumen ausgemalt haben.

 

Das hessische Waidbach, 1765: Zarin Katharina schickt ihre Werber nach Deutschland, die die Bevölkerung dazu aufrufen, ihr Glück in Russland zu machen. Auch die Schwestern Christina, Eleonora und Nesthäkchen Klara Weber führen ein hartes Leben und sehen eine Chance, in Russland ein neues Leben zu beginnen. Während Christina kühl berechnend handelt und vor allem ihre Männerbekanntschaften nach Zweckmäßigkeit aussucht, ist ihre jung verwitwete Schwester Eleonora ein gefühlvoller, sanfter Mensch.

Auch andere Waidbacher ziehen nach Russland wie die entstellte heilkundige Anja, der vernünftige Matthias und sein leichtlebiger Bruder Franz. Besonders beschwerlich wird die Reise für die Familie Röhrich mit der alkoholkranken Mutter Marliese und ihren drei Kindern, darunter der geistig zurückgebliebene Alfons.

Doch nicht nur der Weg nach Russland ist länger und strapaziöser als gedacht - die Waidbacher müssen vor Ort erkennen, dass ihre neue Heimat nicht ihren Träumen entspricht. Statt von behaglichen Häusern empfangen zu werden, müssen sie sich erst mühevoll das Notwendigste beschaffen. Hunger, Kälte, Krankheit und Tod sind die Gefahren, die auf die Einwanderer lauern - und doch versuchen sie alle, ihr Glück in der neuen Kolonie zu finden ...

Von zerplatzten Träumen und zaghaften Hoffnungen

Auch wenn die Örtlichkeiten und Charaktere fiktiv sind, hat sich die Autorin doch an wahren Begebenheiten orientiert. Zwischen den Jahren 1763 und 1772 folgten mehr als 30.000 Deutsche der Einladung der Zarin und hofften auf ein besseres Leben in den Kolonien mit Unabhängigkeit, Landbesitz und Religionsfreiheit. Nach einer beschwerlichen Reise, auf der nicht wenige ihr Leben lassen mussten, erwartete die Deutschen eine große Enttäuschung dank weitaus schlechterer Bedingungen als gedacht. Diese historische Grundlage füllt Martina Sahler mit fiktiven Schicksalen, die Elend, Not und Hoffnungen der Menschen jener Zeit lebendig machen.

 

Sie malten sich ihr neues Leben in schillernden Farben aus und überboten sich gegenseitig in blumigen Ausschmückungen ihrer Träume und Visionen.

Es gelingt Martina Sahler ausgesprochen gut, den einzelnen Figuren und Handlungssträngen den jeweils angemessenen Raum zuzugestehen. Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Christina und Eleonora, die einander lieben und doch unterschiedlicher kaum sein könnten. Eleonora hat ihre große Liebe Andreas im Siebenjährigen Krieg verloren, nur ihre kleine Tochter Sophia ist ihr geblieben. Die junge Witwe ist ein liebenswerter, mitfühlender Mensch, auf Gerechtigkeit bedacht und viel stärker, als es ihre unscheinbare Art erahnen lässt. Christina dagegen ist kess und temperamentvoll. Sie versteht es, ihre äußeren Reize einzusetzen und scheut dabei selbst nicht vor einer Affäre mit ihrem Onkel zurück, der sie für ihre Dienste entlohnt. Eine Zweckehe ermöglicht Christina die Reise nach Russland, wo sie hofft, einen attraktiven und vor allem wohlhabenden Landesmann zu finden, der ihr den Aufstieg in die Gesellschaft ermöglicht.

Ein weiterer Strang dreht sich um Familie Röhrich. Die alkoholkranke Marliese ist Eleonoras, Christinas und Klaras Tante, in den letzten Jahren das Gespött des Dorfes, doch entschlossen, dem Alkohol abzuschwören, um sich und ihren Kindern ein neues Leben in Russland aufzubauen. Ihr erwachsener Sohn Bernhard ist verantwortungsbewusst und tatkräftig, Alfons dagegen geistig behindert und oft schwierig zu händeln. Noch schwieriger ist der Umgang mit der dreizehnjährigen Helmine. Obgleich noch ein Kind, erkennt Helmine die Sucht der Mutter gut und verachtet sie dafür, ebenso wie den zurückgebliebenen Bruder. Schon früh wird dem Leser deutlich, dass Helmine mit zunehmendem Alter noch für einige Intrigen und Probleme sorgen wird. Ergänzt wird das Hauptpersonal von den Brüdern Franz und Matthias Lorenz sowie Anja Eyring - Franz der großmäulige Knecht, sein Bruder Matthias wortkarg und vernünftig und Anja die durch ein Feuermal entstellte Apothekertochter, die die Hoffnung aufgegeben hat, einen liebenden Ehemann zu finden.

Spannende und bewegende Handlung

Das teils deutlich gespannte Verhältnis der Figuren untereinander macht die Handlung besonders reizvoll. Auf der einen Seite bedeutet die gemeinsame Reise vertraute Gesichter um sich herum, auf der anderen Seite stehen immer wieder Konflikte im Raum. Christina gelingt es, Matthias Lorenz für eine Heirat zu gewinnen, die ihnen die Ausreise ermöglicht, da Familien bevorzugt werden - zu diesem Zeitpunkt ahnt sie noch nicht, dass sie von ihrem Onkel ein Kind erwartet. Anja hofft wiederum auf eine Zweckehe, während Eleonora gegen ihren Willen Gefühle für eine Person entwickelt und sich bemühen muss, diese geheimzuhalten. Das Schicksal der Figuren geht dem Leser nah, interessanterweise sogar das von Charakteren wie Christina und Franz, die beileibe keine großen Sympathieträger sind. Schwarz-Weiß-Malerei wird weitgehend vermieden, stattdessen erfahren einige der Charaktere eine gewisse Entwicklung.

Nöte, Sorgen und Wünsche der Charaktere werden anschaulich und realistisch geschildert. Der Leser bangt mit den Figuren und erhält ein detailliertes Bild von den harten Bedingungen jener Zeit. Bei allem Elend ist stets auch ein wenig Raum für romantische und optimistische Szenen. Das Leben der Kolonisten wird nicht beschönigt, doch zugleich ist die Handlung nicht ausschließlich deprimierend, sondern setzt wohltuende Akzente mit glücklichen Momenten. Eine Karte, eine Auflistung der wichtigsten Figuren sowie ein knappes, aber informatives Nachwort helfen zudem, immer einen souveränen Überblick zu behalten.

Zu den geringen Schwächen des Romans zählt das sehr kurz geratene Ende. Auch wenn noch eine Fortsetzung folgen wird, kommen einige Entwicklungen für den Leser im Epilog zu plötzlich und zu überraschend. Des Weiteren könnte der Prolog suggerieren, dass Zarin Katharina eine größere Rolle im Werk einnimmt - tatsächlich erscheint sie von da an nicht als handelnde Person, sondern lediglich in Erwähnungen anderer. Zudem erscheint eine charakterliche Wendung einer Figur ein bisschen überzogen und plötzlich herbeigeführt.

Fazit: Ein ausgesprochen unterhaltsamer und bewegender Roman, der den Leser mit auf eine spannende Reise nimmt und Lust auf die Fortsetzung macht.

Weisse Nächte, weites Land

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Letzte Kommentare:
23.01.2016 17:36:28
Hans-Jürg Müller

H.-J. Müller
Packende Handlung - gepflegte Sprache - schnörkelloser Ausdruck - lebensechte Schilderungen menschlicher Lebensschicksale - hat absolutes Suchtpotenzial!

Frau Martina Sahler ist eine grossartige Romanschriftstellerin! Mag das "Hurenschiff" kaum erwarten! Herzlichen Glückwünsche zu diesem Buch

04.02.2015 09:40:56
miraculum

Spannender Roman über deutsch- russische Geschichte!

Dieser Roman hat mich von der ersten Sekunde an gefesselt. Ich konnte zwischendurch kaum etwas anderes machen und ließ sogar eine Verabredung sausen. Spannender und lebendiger kann man Geschichte, hier deutsch- russische Geschichte, nicht verpacken. Der Roman mit den geschilderten Schicksalen ist an sich fiktiv, allerdings mit wahrem historischen Hintergrund.

Im 18.Jahrhundert ruft Zarin Katharina deutsche Landsleute mit dem Versprechen auf Land und Geld auf, nach Russland zu kommen. Vielen geht es zu dieser zeit in Deutschland schlecht, so dass sie dem Aufruf folgen, um in Russland ihr Glück zu versuchen. Allerdings hatten sich viele Menschen ihr neues Leben, in das sie so hoffnungsvoll starteten etwas anders vorgestellt. Bereits auf der Reise voller Strapazen verloren viele Menschen ihr Leben und auch am Ziel ihrer Reise gab es vorerst nur harte Arbeit, Hunger, kalte Winter und andere Probleme.

In diesem Buch wird das Leben einiger Menschen geschildert, die aus dem Dorf Waidbach in Hessen kommen und in Russland eine Dorfgemeinschaft mit gleichem Namen bilden. Die Einzelschicksale sind so spannend und rührend erzählt, dass ich bei manchen dramatischen Szenen den Tränen nah war.

Mit der Geschichte der Wolga- Deutschen beschäftigte ich mich erstmalig in diesem Buch, bin jetzt aber erst richtig neugierig geworden und will noch mehr erfahren. Dieses Buch erhält von mir eine klare Leseempfehlung. Besser kann man es aus meiner Sicht als Autorin nicht machen!

19.10.2014 23:53:45
Chrisu

Hessen, das Dorf Waidbach,18. Jahrhundert. Es herrscht schwere Not und viele entschließen sich dem Ruf der Zarin Katharina zu folgen und nach Russland auszuwandern. Sie erhoffen sich ein goldenes Land, aber diejenigen, die es schaffen bis zum Bestimmungsort zu kommen, erwartet alles andere als erhofft. Die Autorin schafft es hervorragend, den Leser in die Reise nach Russland hineinzuversetzen, ihn mitzuziehen und mitbangen zu lassen. Man kann sich richtig vorstellen, was die Männer, Frauen und Kinder auf sich nehmen müssen um dort in der Fremde ihr Leben zu bestimmen. Die Protagonisten sind sehr gut beschrieben und dargestellt. Der Schreibstil ist flüssig und man kann nicht aufhören zu lesen. Ein wunderbares Buch, ich konnte es nur schwer aus der Hand legen.

07.11.2013 11:17:36
dg9tm

Im kleinen Dorf Waidbach herrscht Unzufriedenheit. Das Überleben ist kaum möglich und der Kampf ums tägliche Essen wird durch die Folgen des siebenjährigen Krieges immer schwieriger. Auch die Schwestern Christina, Eleonora und Klara Weber kämpfen nach dem Tod der Mutter. Doch dann kommt ein Werber ins Dorf und bringt ihnen Kunde von der Zarin Katharina. Alles soll besser sein in Russland.

Die Weber-Geschwister überlegen nicht lange und brechen mehr oder weniger erwartungsfroh auf. Aber sie sind nicht alleine. Viele aus dem Dorf folgen ebenfalls dem Ruf der deutschen Zarin nach Russland mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Doch schon bei der Ankunft in Russland stellen die Dorfbewohner fest, dass ihnen viel versprochen, aber wenig gehalten wurde. Und so stellen sie sich erneut dem Kampf ums bittere Überleben, diesmal jedoch in der russischen Steppe.

Die Autorin entführt den Leser in die Steppe Russlands. Was zunächst in einem kleinen Ort in Deutschland beginnt, entwickelt sich schon sehr bald zu einem historischen Auswandererroman, der auf wahren Begebenheiten beruht. Zwar sind die handelnden Personen frei erfunden, jedoch gab es Auswanderungen nach Russland als Folge des siebenjährigen Krieges in Deutschland.
Der Klappentext nimmt vor allem Bezug auf die beiden älteren Weber-Schwestern. Jedoch umfasst das Buch nicht nur ihre, sondern auch die Geschichte aller Dorfbewohner von Waidbach, die zusammen mit den Schwestern ausgewandert sind.

Die Autorin hat sehr gut und intensiv recherchiert, was man dem Buch anmerkt. Ein Blick auf ihre Website bestätigt dieses Gefühl. Die Schauplätze, die Umgebung, das Leben der Siedler - alles wurde sehr detailliert und farbig beschrieben. Man sah die trostlose Steppe Russlands direkt vor sich und konnte problemlos eintauchen in eine fremde, harte Welt.

Die Figuren sind so unterschiedlich, wie aus dem Leben gegriffen. Die Autorin schafft es, jeder Figur einen eigenen Charakter zu geben und diesen dem Leser plastisch zu vermitteln. Sei es die alkoholkranke Marliese, die sich in den Alkohol vor ihrem Mann geflüchtet hat, ihre zwielichtige Tochter Helmine, die von Narben im Gesicht entstellte Anja, der schwachsinne Alfons oder die junge Mutter Veronica. Ihnen allen haucht Martina Sahler Leben ein und lässt den Leser im Laufe des Buches Teil der Dorfgemeinschaft werden.

Das Buch beginnt mit einem Prolog, der 1765 n. Chr. spielt. Zunächst noch geheimnisvoll, wird ein Nicolaj vorgestellt. Danach geht es direkt nach Deutschland in das Dorf Waidbach. Die Geschichte ist in drei Bücher unterteilt:
Buch 1: Aufbruch
Buch 2: Der Weg
Buch 3: Weites Land

Die Geschichte erstreckt sich von den Jahren 1765 bis 1797 über 43 Kapitel. Im Epilog erfährt der Leser, wie es mit den Siedlern bis 1797 weitergegangen ist.

Die Neugierde des Lesers wird gleich im Prolog geweckt, der Spannungsbogen setzt zu dem Zeitpunkt an, wo die Dorfbewohner beschließen, nach Russland zu gehen. Ab da nimmt er immer mehr zu, bis er dann rund 100 Seiten vor Schluss langsam anfängt abzubauen. Die Autorin hat der Geschichte ein ruhiges Ende gegeben und es zusätzlich durch den Epilog abgerundet. Das Ende selbst ist zwar offen, doch ist die Geschichte in sich abgeschlossen.

Die Geschichte bietet viele Überraschungen und Wendungen und ist in den Handlungen stimmig und nachvollziehbar. Auch die Probleme, mit denen die Siedler zu kämpfen und Hindernisse die sie meistern mussten, wurden glaubhaft, detailliert und überzeugend geschildert. Die Angst, die Entbehrungen, jede Emotion kann der Leser direkt nachempfinden und wird quasi Teil der Geschichte. Begibt man sich auf die Reise mit Martina Sahler, so gerät man unmerklich in einen Lesesog, der den Leser erst am Ende des Buches wieder freigibt. Aber auch Tage nach Beenden des Buches dachte ich immer mal an die Dorfbewohner und wie ihre Geschichte wohl weiter gegangen ist.

Gleich zu Beginn des Buches findet man eine Landkarte mit den wichtigsten Stationen der Siedler. Danach folgt eine Auflistung aller wichtigen Figuren inkl. ihrer Zugehörigkeit, Alter und eine kurze Beschreibung. Dies hilft dem Leser gleich zu Anfang, die einzelnen Figuren zu unterscheiden und zu sortieren zu können. Im Laufe des Buches jedoch, benötigt man die Liste nicht mehr. Mit einem ausführlichen Nachwort der Autorin endet das Buch und die Reise nach Russland.

Fazit:
Marina Sahler beschreibt lebendig, einfühlsam und mitreisend ein wichtiges Kapitel der deutsch-russischen Geschichte