Brandbücher

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2013, Titel: 'Brandbücher', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80
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Carsten Jaehner
Die Bücherverbrennung in Münster

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jul 2013

Kurzgefasst:

Die junge Karina findet im Haus ihrer verstorbenen Großtante geheimnisvolle Postkarten. Die Suche nach deren Ursprung führt sie 70 Jahre zurück, in das Jahr 1933, als ihre Großtante Haushälterin bei einem jüdischen Buchhändler war. Hautnah musste ihre Großtante miterleben, wie der Einfluss der Hitler-Getreuen wuchs und in Münster die Bücherverbrennung vorbereitet wurde. Karina taucht tief in die damaligen Geschehnisse ein und gerät schließlich in Lebensgefahr. Denn sie stößt auf Machenschaften, die bis heute unentdeckt blieben.

 

Die 24jährige Karina erbt von ihrer verstorbenen Großtante eine Sammlung von Postkarten, auf denen seltsame Zahlenkombinationen stehen und manche Buchstaben unterstrichen sind. Gemeinsam mit dem Pfarrer Martin und ihrer Freundin Jenny findet sie heraus, in welcher Reihenfolge die Karten zu lesen sind und stellt fest, dass mehrere Karten immer die Ereignisse eines Tages aus dem Jahr 1933 erzählen.

Sie forscht weiter und entdeckt Ereignisse aus dem Jahr 1933 in Münster, als ihr Großtante dort bei einem jüdischen Buchhändler arbeitete und die Bücherverbrennung vorbereitet wurde. Doch ihre Nachforschungen bleiben nicht unentdeckt, und so gerät sie auch jetzt in Lebensgefahr.

Drei Erzählebenen

Birgit Ebbert hat als Thema für ihren ersten Roman für Erwachsene ein brisantes Thema gewählt. Die Bücherverbrennungen im Jahr 1933 bilden den Hintergrund für einen Roman, der sich in drei Erzählebenen entwickelt und langsam zur Katastrophe führt.

Jeweils im Wechsel erzählen die drei Erzählebenen die Geschichte. Jeder Abschnitt beginnt mit einem Tag, der auf den Postkarten der Großtante zusammengefasst wird. Die zweite Erzählung ist die von Karina, die sich auf die Nachforschungen macht. Die dritte Erzählebene ist die von Karinas Großtante im Jahr 1933, als sie beim jüdischen Buchhändler Jakob Weizmann gearbeitet hat und mit dessen Sohn Samuel befreundet war. Samuel verliert seinen besten Freund Bruno Schulze-Möllering an die Nazis und erkennt ihn nicht mehr wieder, geht die ehemalige Freundschaft von Bruno doch in regelrechten Hass über. Da diese drei Erzählebenen nie die Reihenfolge verlieren, baut sich so geschickt die Handlung auf.

Ein Hauch von Liebe

Die Erzählung Karinas spielt in einem nicht genannten Dorf im Westfälischen, wo sie nicht nur ihre Freundin Jenny hat, sondern sich auch noch in den Dorfpfarrer Martin verliebt, der ihr bei den Nachforschungen hilft und der sich auch für sie interessiert. Neben ihren Nachforschungen gibt dieser zarte Flirt dem Roman die Möglichkeit, aus der Handlung auszubrechen und allem eine bunte, menschliche Note zu verleihen. Karina selbst ist eine mutige Studentin, die sich durchbeisst und ihrer Familiengeschichte auf den Grund geht. Sie ist sympathisch und mutig und als Hauptfigur für diesen Roman bestens geeignet.

Die Erzählung 1933 ist sehr intensiv und teilweise sehr erschreckend und authentisch. Der Leser erlebt, wie nach und nach die Juden beschimpft und gemobbt werden. Die Freundschaft zwischen Samuel und Bruno zerbricht jäh, als Bruno den Nazis beitritt und in dem jüdischen Buchladen direkt ein Objekt des Hasses hat. Er stört mit seinen Leuten die Vorlesungen an der Uni, wo jüdische Professoren unterrichten und wird mit jedem Tag gemeiner, sieht er darin doch ein legales Mittel zum Aufstieg in der Partei.

Die Ereignisse entwickeln sich rasant, und Karinas Großtante befindet sich mittendrin und kann eigentlich nur mehr oder weniger tatenlos zuschauen und ihren Freunden beistehen.

Gute Strukturierung

Birgit Ebbert hat mit Brandbücher einen klar strukturierten Roman geschaffen, der allerdings das Prädikat "Kriminalroman" im Sinne von "Mord - Aufklärung" nicht verdient. Die Die Erzählteile, gerade der von 1933, steigern sich in ihrer Intensität und gerade der historische Teil macht Eindruck und bietet Einblicke in die Bücherverbrennung und vor allem auch darin, welche Bücher überhaupt verbrannt wurden. Dies aus der Sicht eines Buchhändlers ist natürlich besonders brisant und nahegehend. Doch auch der Karina-Teil ist spannend und entwickelt sich in eine sehr unerwartete Richtung, die hier allerdings nicht verraten werden soll.

Ein Nachwort, eine Entschlüsselung der Daten des jüdischen Kalenders und Literaturhinweise ergänzen einen gelungenen Roman, der gut aufgebaut ist und sich mit seinen gut 280 Seiten auch schnell weglesen lässt. Mit der Auswahl des Covers hat der Gmeiner-Verlag einen guten Griff gemacht, ist doch gerade der Ausspruch "Nur für Arier", der darauf groß zu lesen ist, prägend für den Roman.

Die Thematik der Bücherverbrennung hat noch selten Eingang in Romane gefunden, aber Brandbücher zeigt, dass in diese Richtung noch Potenzial da ist und Platz für viele weitere Geschichten vorhanden ist. Die Aufteilung in verschiedene Zeitebenen ist gut gelöst und bringt den Leser nie durcheinander. Es bleibt ein intensiver Roman, der überzeugt und für Interessierte am Dritten Reich eine interessante Ergänzung ist.

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