Verführung

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2013, Titel: 'Verführung', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94
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Rita Dell'Agnese
Eine faszinierende Kombination

Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2013

Kurzgefasst:

Als kleines Mädchen erlebt Angiola Calori eine Sängerin auf der Bühne und will fortan nur eines: selbst dort stehen und singen. Doch die große Musik wird damals nicht für Frauen geschrieben, sondern für Kastraten. Einer der größten wird ihr Lehrer und Geliebter. Um ihn zu begleiten, schlüpft sie selbst in die Haut eines Kastraten. Noch als solcher verkleidet, begegnet sie 1744 Giacomo Casanova. Zwei begnadete Verführer prallen aufeinander.

 

Tanja Kinkel läuft in ihrem neuen Roman Verführung zur Höchstform auf. Die Autorin siedelt die Geschichte im 18. Jahrhundert an und lässt zwei starke und spannende Persönlichkeiten aufeinander treffen. Zum einen ist dies der begnadete Verführer Giacomo Casanova, zum anderen ist es die Sängerin Angiola Calori, die als Kastrat verkleidet auf der Bühne steht. Die beiden erkennen sich nicht nur als gleichwertige Persönlichkeiten, sie finden auch Gefallen aneinander. Doch obwohl Casanova um Angiola wirbt und sie in einer tiefen Liebe zu ihm entbrennt, weist Angiola ihn ab. Die beiden Verführer kommen jedoch nicht voneinander los. Sie leben eine besondere Freundschaft, die einem stetigen Tanz gleichkommt.

Wunderbare Figurenzeichnung

Wer zunächst befürchten mag, die Autorin könne es sich etwas gar leicht gemacht haben, indem sie eine solch schillernde Persönlichkeit wie Giacomo Casanova in den Mittelpunkt ihres Romans stellt, sieht sich schnell getäuscht. Tanja Kinkel beherrscht es meisterhaft, die andere Seite des Verführers zu beleuchten. Die Leser entdecken einen völlig neuen Casanova, erleben das unglückliche Kind, das sich nach der Liebe der Mutter verzehrt und dem alleine aufgrund seiner Geburt einige Wege verschlossen bleiben. Es ist Casanovas Geschick zu verdanken, die Gefühle der Menschen zu erspüren, das ihm eine rasante Entwicklung möglich macht. Der schüchterne Junge entwickelt sich zu einem unwiderstehlichen Mann, dem die Frauenherzen zufliegen. Erst als Casanova auf einen jungen Kastraten trifft, findet er eine ihm ebenbürtige Persönlichkeit. Mit seinem Spürsinn erkennt Casanova sofort, dass sich hinter der Maske des vermeintlichen Kastraten eine Frau verbirgt. Fasziniert von Angiolas Persönlichkeit wahrt Casanova deren Geheimnis - und zeigt sich dadurch als facettenreicher Mensch mit einem starken Charakter.

Genau wie bei Casanova baut Tanja Kinkel auch bei Angiola den Charakter geschickt auf. Es ist nicht die bei diesem Thema oft bemühte Hosen-Rolle, die sie dem jungen Mädchen auf den Leib schneidert. Wohl muss sich die Sängerin als Kastrat ausgeben, um an die großen Bühnen zugelassen zu werden, doch geht es Angiola gleich um mehrere Dinge: Sie will sich dem Einfluss ihrer Mutter entziehen, die ihre Tochter in eine Ehe mit ihrem eigenen Liebhaber zwingen wollte. Aber auch der Traum des Mädchens, zu singen, spielt eine nicht unerhebliche Rolle. So erlebt der Leser Angiola als Persönlichkeit, die durch die schützende Rolle reift und schnell versteht, dass sie nicht nur ihre Stimme sondern auch ihre vermeintliche Andersartigkeit einsetzen muss, um Erfolg zu haben.

Gut eingebettet

Es ist letztlich nicht nur die Figurenzeichnung, die Verführung zu einem Lesegenuss machen. Der Roman ist hervorragend in die Zeit um 1744 eingebettet und überzeugt durch eine optimal bemessene Schilderung des geschichtlichen Hintergrunds. Die Leser sind in der Lage, sich ein Bild von den gesellschaftlichen Entwicklungen zu machen, ohne dass sie das Gefühl bekämen, hier eine Art von Geschichtslektion serviert zu bekommen. Durch die kleinen Nuancen ihrer Schilderungen erzählt Tanja Kinkel von der üppigen Zeit des Rokoko und macht Zusammenhänge deutlich, die die Handlungsweise der beiden Protagonisten logisch erscheinen lassen. Obwohl die Geschichte abenteuerlich und intensiv ist, steht immer das Gefühl im Raum: So könnte es gewesen sein. Die Abläufe sind stimmig, das Zusammenspiel der Charaktere perfekt.

Poetische Sprache

Auf ihre Kosten kommen auch jene Leser, die viel Gewicht auf eine schöne Sprache legen. Poetisch und voller Lebensfreude erzählt die Autorin ihre Geschichte und lässt dadurch die verschiedensten Szenen zu wahrem Genuss werden. Nicht an einer Stelle des Romans kommt das Gefühl von Länge auf, wo es Hintergrund zu erklären gibt, tut Tanja Kinkel dies lebendig und überzeugend. So kommt Verführung als reifer historischer Roman daher, der selbst bei den erotischen Szenen - ohne diese kommt kein Roman über Giacomo Casanova aus - niemals ins Plumpe abgleitet oder Langeweile auslöst.

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