Europe Central

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Suhrkamp, 2005, Titel: 'Europe Central', Originalausgabe

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Almut Oetjen
Krieg und Totalitarismus im 20. Jahrhundert

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2013

Kurzgefasst:

Europe Central ist ein historischer Roman mit Abweichungen, ein Krieg und Frieden für das 21. Jahrhundert, ein postmodernes Epos aus 37 teils umfangreichen Geschichten, die, paarweise zusammengespannt, den Zweiten Weltkrieg auf sowjetischer und deutscher Seite heraufbeschwören, indem sie das Leben von Künstlern (wie Käthe Kollwitz und Dmitiri Schostakowitsch) und Militärs (wie Wlassow und Paulus, dem Verlierer von Stalingrad) und vielen anderen erzählen. Europe Central, eine Bezeichnung für Mitteleuropa, ist hier vor allem eine riesige, unsichtbar bleibende Schaltstelle und Telefonzentrale, ein Kommunikationskrake, dessen schwarze Bakelittentakeln sich jeden jederzeit und überall "greifen".

 

William Vollmann ist unter den anspruchsvollen US-Schriftstellern der mit dem vermutlich umfangreichsten Werk und der eigenwilligsten Vorstellung von Literatur. Sein mehr als tausend Seiten umfassender Roman Europe Central hat "Das Zeitalter der Extreme", wie Eric Hobsbawm seine Geschichte des 20. Jahrhunderts betitelte, zum Thema, den Fanatismus und Opportunismus in den und den Widerstand gegen die totalitären Regimes Hitlers und Stalins, am Rande auch Lenins. Einen Plot gibt es nicht, dafür 37 Storys mit mehreren Erzählstimmen, unter ihnen Stalinisten und Nationalsozialisten als Ich-Erzähler.

Achtzehn historische Paarungen

Die Handlungszeit erstreckt sich über die Jahre von 1914 bis 1975. Das Buch ist in seinem Hauptteil "Zangenangriffe" organisiert als eine Abfolge von 18 Erzählungspaaren, in denen sich überwiegend jeweils eine sowjetische und eine deutsche Person in einer vergleichbaren Situation befinden.

Ein Erzählpaar thematisiert die Gefahren der Verfolgung idealistischer Ziele unter Anwendung von Gewalt: Revolutionärin Fanny Kaplan und ihr misslungenes Attentat auf Lenin 1918, in dessen Folge eine Exekutionswelle losbricht, und ein namenloser Deutscher, dessen Patriotismus dazu führt, trotz friedensfreundlicher Haltung den Beginn des Ersten Weltkrieges durch Kaiser Wilhelm II. zu bejubeln. Neben ihm steht ein blasser Mann, dessen Skizzierung ihn als Hitler erkennbar macht.

Eine andere Paarbildung vereint den Sowjetgeneral Andrei Wlassow und Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Wlassow wird 1942 gefangen genommen. Aus seiner Haltung gegen Stalin heraus kollaboriert er mit den Nazis und baut mit Hilfe der Wehrmacht eine russische Befreiungsarmee auf. Paulus, Hoffnungsträger Hitlers als Oberbefehlshaber der 6. Armee, wird in sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 Mitglied des 1943 von Stalin gegründeten Nationalkomitees Freies Deutschland.

Die Geschichte über die russische Partisanin Soja Kosmodemjanskaja ist verknüpft mit der über den deutschen SS-Obersturmführer und bekennenden Christen Kurt Gerstein. Kosmodemjanskaja gerät 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft, wird gefoltert, ohne Informationen preiszugeben, und am 29. November 1941 hingerichtet. Gerstein versucht das neutrale Ausland über die Judenvernichtung zu informieren.

Am Beispiel der beiden Künstlerinnen Käthe Kollwitz und Anna Achmatowa schreibt Vollmann über Versuche, unter totalitären Regimes Kunst hervorzubringen. Beide sind Regimegegnerinnen und mit Ausstellungsverbot (Kollwitz) beziehungsweise Schreibverbot (Achmatowa) belegt. Der Regisseur Roman Karmen macht im Gegensatz Filme, die der Sowjetpropaganda dienlich sind, darunter eine Dokumentation über die Kapitulation in Stalingrad.

Im Zentrum von "Europe Central" steht ein fiktionales Beziehungsdreieck historischer Personen: der russische Komponist Dimitri Schostakowitsch, Roman Karmen und deren Geliebte, die Übersetzerin Elena Konstantinowskaja. Schostakowitsch, der während seiner Karriere sich im ständigen Widerstreit mit staatlichen Autoritäten befindet, den Großteil seines Lebens kein Parteimitglied ist und sich nur vordergründig der Kritik beugt, scheint die wichtigste Figur Vollmanns zu sein. Die bisweilen melodramatische und mäandernde Liebesgeschichte, ebenso eingestreute erotische Szenen, bilden einen starken Kontrast zu den beschriebenen Brutalitäten.

Wahlhandlungen mit starken Folgen

Vollmanns Charaktere müssen Wahlentscheidungen treffen, die nicht nur aufgrund ihrer politischen Konnotation immer auch eine moralische Dimension aufweisen. Sie entscheiden sich in einem komplexen Gewebe aus gesellschaftlicher, politischer und kultureller Sozialisierung (Konditionierung), mitbestimmt durch persönliche Vorstellungen vom Leben und der Gesellschaft, Mut, Angst, den so genannten sieben Todsünden und weiteren Parametern. Wie man sich auch verhält, es kann nur falsch sein und damit vielleicht auch wieder richtig, weil es nicht anders geht. Welchen Weg man auch an einer Gabelung wählt, er hält fast nur Schuld bereit.

Vollmanns Buch ist ein postmodernes Historienstück, bestehend aus kleinen und größeren Erzählungen, in denen historische Personen mit fiktivem Personal interagieren und Fakten mit Spekulationen verbunden sind. Manche Ich-Erzähler weisen sich direkt aus als Stalinisten oder Nationalsozialisten. Unklar bleibt, wie sie sich an Ereignisse aus den Schlafzimmern von Schostakowitsch, Karmen und Paulus erinnern können, woher sie den Wortlaut vertraulicher Gespräche, beispielsweise zwischen Paulus und Hitler, haben, oder woher der nationalsozialistische Ich-Erzähler weiß, was Feldmarschall von Manstein Paulus ins Ohr geflüstert hat. In Momenten wirkt "Europe Central" überkonstruiert, wenn Elena zur Metapher für Europa wird, oder wenn Soja zur "russischen Landschaft" wird:

 

Ihre Arme und Beine waren Hügelketten... ihre tausend Lippen Panzerabwehrgräben... ihr vom Glitzern der Schützengräben weißgoldener Schoß war ein Bunker, der neue Divisionen, Flugzeuge und T-34-Panzer ohne Zahl gebären würde... ihre Brüste [waren] die Punkte strategischer Konzentration... und zwischen den Brüsten lag das herrlich weiße und weiche Tal.

Passagen wie diese mögen Leser und Leserinnen für poetisch gelungen halten, für sexistisch, für glänzende Stilmittel oder für abschreckend.

Vollmann dokumentiert sein Vorgehen an der Schnittstelle von historischem Roman und Sachbuch in einem sehr umfangreichen Anhang mit beinahe 800 Fußnoten und etlichen Einschüben, die Fußnoten im Erzähltext nicht mitgerechnet. Dort erklärt der Autor auch, warum er wo seiner Phantasie freien Lauf ließ. Vielleicht sind irgendwann Romane normal, die vom Verfasser selbst kommentiert werden.

Europe Central ist ein dichtes Werk über Menschen, die in privaten und politischen Grenzsituationen des zwanzigsten Jahrhunderts moralische Entscheidungen treffen müssen. Die thematische Abgrenzung und die paarweise Organisation der Geschichten halten das ambitionierte und komplexe Buch dieses Schriftstellers zusammen.

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