Die Schwestern von Sherwood

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2013, Titel: 'Die Schwestern von Sherwood', Originalausgabe

Couch-Wertung:

89
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Rita Dell'Agnese
Für den gesellschaftlichen Aufstieg über Leichen gehen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Apr 2013

Kurzgefasst:

1948: Die angehende Journalistin Melinda kämpft im Nachkriegsberlin ums tägliche Überleben, als sie von einem anonymen Absender ein rätselhaftes Paket erhält. Die Bilder einer mystischen Moorlandschaft und eine ungewöhnliche Schachfigur führen die junge Frau nach England, zu einem geheimnisvollen alten Herrenhaus. Dort stößt Melinda auf die dramatische Liebesgeschichte zweier Schwestern im letzten Jahrhundert, die sehr viel mehr mit ihrem eigenen Leben zu tun hat, als sie zunächst ahnt ...

England 1881: Nach vielen entbehrungsreichen Jahren hat es Elisabeth Sherwood zusammen mit ihrem Mann John zu Geld und einem wunderbaren Anwesen in Devon gebracht. Nun sollen ihre Töchter Cathleen und Amalia ihr die Türen zur besseren englischen Gesellschaft öffnen. Als Amalia nach einer schweren Scharlacherkrankung taub wird, richtet die Mutter all ihren Ehrgeiz auf Cathleen und arrangiert eine Heirat mit Lord Edward Hampton, Sohn einer verarmten Aristokratenfamilie. Auch Amalia kennt den jungen Lord. Sie begegnet ihm häufig im einsamen Dartmoor, wo sie ausgedehnte Spaziergänge unternimmt und stundenlang malt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Dann verschwindet Amalia plötzlich. Sie sei im Moor tödlich verunglückt, heißt es. Edward und Cathleen heiraten, doch ihre Familien sind gezeichnet von dem Unglück, das mit dem Verlust Amalias über sie hereingebrochen ist, und von der Schuld, die ein jeder von ihnen auf sich geladen hat ...

 

Was ist mit den beiden Schwestern der Familie Sherwood geschehen? Beide fanden gemäß den Recherchen der jungen Journalistin Melinda in kurzen Abständen im Dartmoor den Tod. Die Geschichte der englischen Schwestern aus dem 19. Jahrhundert fasziniert die junge Deutsche so sehr, dass sie ihre Nachforschungen auch nicht einstellt, als sie unmissverständliche Drohungen erhält. Für Melinda ist es keine einfache Zeit: Als Deutsche ist sie - kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs - im Jahr 1948 in England ein argwöhnisch beäugter Gast und kann nicht auf die Hilfe der örtlichen Bevölkerung zählen. Doch es ist nicht nur das ungewöhnliche Schicksal der beiden Schwestern, das den Ehrgeiz der jungen Journalistin anstachelt: Sie hat auch ein ganz persönliches Interesse daran, das Geheimnis aufzudecken. Denn in Berlin wurde ihr ein geheimnisvolles Paket überreicht, das in einem Zusammenhang mit den Sherwood-Schwestern zu stehen scheint. Je mehr Melinda herausfindet, desto verwirrender scheint die Geschichte - ganz besonders, da sich auch die Rolle des charmanten Anwalts George bei der ganzen Sache nicht einschätzen lässt. Als Melinda entdeckt, dass Georg wesentlich mehr von ihr weiß, als er ihr offenbart hatte, drängt sich ihr die Frage auf, in welcher Form er an den Anschlägen auf sie beteiligt gewesen ist.

Kampf um Anerkennung

Sehr geschickt knüpft die Autorin Claire Winter ihre beiden Handlungsstränge. Das Grundthema beider Stränge ist das Bedürfnis um Anerkennung. Doch während es bei Elizabeth Sherwood um den Aufstieg in die bessere Gesellschaft geht, steht bei der jungen Melinda die Anerkennung ihrer journalistischen Leistung im Vordergrund. Gut getan hat Claire Winter auch mit der Wahl der jeweiligen Zeitspanne, in der die beiden Geschichten spielen. Die zeitliche Ansiedelung der Nachforschungen von Melinda in den direkten Nachkriegsjahren ist ausgezeichnet gelungen und verleiht dem Roman zusätzliche Spannung. Die Rolle der Frau ist in einem Wechsel begriffen - sollte sie während der Kriegsjahre die als Soldaten an der Front kämpfenden Männer ersetzen, möchte ein Teil der Gesellschaft die alte Ordnung wieder herstellen und die Frau zurück an den Herd verbannen. Melinda steht zudem ihre Herkunft im Wege: Als Kind einer englischen Mutter und eines deutschen Vaters ist sie in den beiden Ländern, die noch unter dem Trauma des Kriegs leiden, eine potentielle Verräterin. Sie aber lässt sich nicht beirren und setzt ganz auf ihr journalistisches Talent.

Kein Platz für Behinderte

Gesellschaftliche Konventionen machen aber nicht nur Melinda zu schaffen. Schon 1890 bekamen die beiden Schwestern Cathleen und Amalia die Folgen der gesellschaftlichen Konventionen zu spüren. Als Amalia durch eine schwere Krankheit ihr Gehör verliert, gilt sie als "geistig zurück geblieben" und wird von der Mutter sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen. Denn Elizabeth Sherwood hat nur den einen Wunsch: Sie möchte Cathleen möglichst gut verheiraten und damit in die bessere Gesellschaft aufsteigen. Dieser Wunsch treibt die Frau zu einem herzlosen Verlangen. Claire Winter zeigt eindrücklich auf, wie die Sherwoods vergebens um Anerkennung durch die etablierten Familien streben. Die zumeist adligen Familien rümpfen die Nase über die Neureichen - selbst das immense Vermögen der Familie vermag ihr die Türen nur zögernd zu öffnen. Als Elizabeth Sherwood erkennt, dass ausgerechnet die taube Amalia die Hochzeit der älteren Schwester mit dem Sohn aus adligem Haus sprengen könnte, lässt sie Amalia verschwinden. Ein schweres Unwetter und das Dartmoor kommen ihr gerade recht. Hier geht Claire Winter mit viel Fingerspitzengefühl vor: Die Handlungen der Mutter - die einen wenig sympathischen Eindruck hinterlässt - ist bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Das vor allem deshalb, weil die Autorin die Mechanismen, unter denen Elizabeth Sherwood leidet, optimal aufzeigt und glaubwürdig darstellt, wie schwierig es der nach Anerkennung lechzenden Frau fällt, in die besseren Kreise vorzudringen.

Viele Details

Claire Winter vermag zudem mit vielen, gut herausgearbeiteten Details zu überzeugen. Sei es nun das zerstörte Deutschland unmittelbar nach dem Krieg, der Hass der Engländer auf die Deutschen oder auch die raue Schönheit des Dartmoors - und dessen gefährliche Tücke: Alles bekommt angesichts des Erzähltalents der Autorin Konturen und Tiefe. Das gilt auch für die Protagonisten. Selbst jene Charaktere, die suspekt erscheinen oder gar absolut unsympathisch sind, bekommen eine facettenreiche Persönlichkeit verpasst. So ist es letztlich das Zusammenspiel zwischen gelungenem Plot, interessanten Figuren und viel Atmosphäre, die den Roman zu einer gelungenen Lektüre macht. Eine sehr angenehm gehaltene Portion Liebe und einige gesellschaftskritische Aspekte runden die Sache optimal ab.

Die Autorin, die bereits unter anderem Namen einige historische Romane vorgelegt hat, beweist mit diesem Werk, dass sie den Vergleich mit Kate Morton oder Katherine Webb nicht scheuen muss. Sie legt solide nach und beweist, dass das Genre auch von deutschen Autorinnen gut bewältigt werden kann.

Die Schwestern von Sherwood

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