Das Efeuhaus

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Weltbild, 2012, Titel: 'Das Efeuhaus', Originalausgabe

Couch-Wertung:

76
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Rita Dell'Agnese
Warum starb Baronin Marietta wirklich?

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Apr 2013

Kurzgefasst:

Die junge Schauspielerin Helena gerät auf dem Weg in die Berge in einen Schneesturm und kommt von der Straße ab. In einem seit Jahren leerstehenden Jagdschloss - einem verwunschenen Gebäude, das von einstiger Pracht kündet - findet sie Unterschlupf, doch wird sie nachts von seltsamen Träumen heimgesucht. Als sie das Tagebuch der Baronin Marietta von Ahrensberg findet, die 1922 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, versucht sie, mehr über das Schicksal dieser jungen Frau zu erfahren. Und kommt einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur...

 

Wer den Roman Das Efeuhaus von Sophia Cronberg zur Hand nimmt, erwartet einen gefühlvollen Roman um ein düsteres Familiengeheimnis. So wird die Geschichte im Klappentext auch angekündigt. Doch serviert wird den Lesern - zumindest teilweise - ein tiefschichtiges Psychogramm mehrerer Personen, die an ihren Lebensumständen und den gesellschaftlichen Konventionen zerbrechen. In diesem Sinne ist möglicherweise der Klappentext etwas unglücklich gewählt: Ein Wohlfühlbuch wie vermutet, ist Das Efeuhaus einzig in Teilbereichen.

Vor allem der Teil, der in der Gegenwart spielt, gehört dazu. Hier geht es um Helena, die kurz vor der Hochzeit ihren Verlobten mit einer anderen Frau im Bett überraschte. Die junge Frau, die bis anhin eher glücklos an einer Karriere als Musical-Darstellerin bastelte, macht sich auf den Weg in die Berge, in die Skihütte einer Freundin. Sie will alles, was mit Martin zu tun hat, vergessen. Doch Helena kommt nie in der Skihütte an. Die schlechten Wetterverhältnisse und eine unglückliche Wegbeschreibung locken sie in die Irre und schließlich strandet sie in einem verkommenen Jagdschloss. Als sie den Kamin auf seine Funktionsfähigkeit überprüft, fällt Helena ein Tagebuch aus dem Jahr 1922 in die Hände. Es muss sich um die Hinterlassenschaft der früh verstorbenen Baronin Marietta handeln.

Um Marietta dreht sich der zweite Erzählstrang des Romans. Hier läuft Sophia Cronberg zur wirklichen Größe auf. Während der Teil um die Protagonistin Helena eher seicht und überaus klischeehaft daher kommt, hat Mariettas Geschichte durchaus Tiefe. Sie erzählt das Schicksal einer jungen Frau, die davon träumt, Ballett zu tanzen. Die Veranlagung dazu liegt in der Familie. Der frühe Tod ihrer Eltern zwingt das Mädchen jedoch dazu, ihr Brot als Schneiderin zu verdienen. Nur so kann Marietta neben sich selber auch ihre jüngere Halbschwester Elsbeth ernähren. Die beiden leiden darunter, dass Elsbeths Mutter und Mariettas Stiefmutter dem Alkohol verfallen ist und die Mädchen drangsaliert. Als ein alter Freund des Vaters auf Marietta stößt, fördert er ihre Tanz-Ausbildung. Marietta steht vor einer großen Karriere, als ihr der Baron von Ahrensberg einen Heiratsantrag macht. Um ihre Schwester aus dem Sumpf zu befreien, lässt sich Marietta auf die Ehe ein, ohne darin Erfüllung zu finden. Die unglückliche Frau stirbt in jungen Jahren - im selben Jahr wie ihr kleiner Sohn Adam. Helena versucht nun, herauszufinden, was damals in diesem Jagdschloss wirklich geschehen ist. Hilfe bekommt sie dabei von einem Nachfahren der von Ahrensbergs. Die Nachforschungen kosten sie jedoch beinahe ihr Leben.

Zu banal

Die Geschichte von Helena ist in allen Bereichen unspektakulär und banal. Sie hat etwas von Aschenbrödel und modernem Märchen: Ein gutaussehender Adliger trifft auf eine zwar hübsche aber verkannte junge Frau, der das Schicksal bereits einige Knüppel zwischen die Füße geworfen hat. Selbst wer bereit ist, zu akzeptieren, hier einen Genremix- und damit einen Roman mit deutlicher Tendenz zum Liebesroman - in den Händen zu halten, wird irgendwann das Gefühl bekommen, hier in etwas seichten Gewässern zu dümpeln. Zwar hätte die Geschichte einiges Potenzial - doch macht das Mitmischen des Ahrensberg-Sprösslings dieses zunichte. Dadurch wird das Ganze zu banal und durchsichtig und jeder vermag sich auszumalen, dass der smarte Moritz Maximilian von Ahrensberg eine spezielle Rolle im Leben der gebeutelten Helena spielen wird. Zwar kommt es auch hier zu einigen unerwarteten Wendungen, doch finden diese erst relativ spät statt.

Viel Psychoanalytik

Einiges Gewicht legt die Autorin auf die Psyche Mariettas. Welche dunklen Gedanken ihre Seele überschatten, mag sich der Leser zwar nur denken - im Detail ausgeführt wird der Zustand der jungen Frau nicht. Dass es sich um eine depressive Form handeln dürfte, ist ihrer ständigen Melancholie und ihrer streckenweisen Unfähigkeit, Freude zu empfinden zu entnehmen. Leider bleibt Sophia Cronberg bezüglich Mariettas Geschichte zu oberflächlich. Dieser Erzählstrang hätte durchaus noch viel Potenzial gehabt, hätte gar auch als alleinstehender, historischer Roman mit Tiefgang gut funktioniert.

Trennt man die beiden Erzählstränge voneinander, wird man einerseits den angekündigten Wohlfühl-Liebesroman finden, andererseits auch die verborgene Perle eines Lebens in den 20er Jahren, das aufgrund gesellschaftlicher Entwicklung und einer erst in Kinderschuhen steckenden Psychiatrie am Alltag zerbricht. In diesem Bereich zeigt Sophia Cronberg, dass von ihr als Autorin einiges zu erwarten ist.

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