Quadriga

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Bookspot, 2013, Titel: 'Quadriga', Originalausgabe

Couch-Wertung:

75
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Birgit Stöckel
Das Gesicht des Krieges

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Mär 2013

Kurzgefasst:

Zum Jahresende 1806 verschleppen Napoléons Truppen die Quadriga vom Brandenburger Tor. Die Kriegsbeute aus Berlin landet in Paris, verschwindet dann aber spurlos im Chaos von Anordnungen und Zuständigkeiten. Sieben Jahre später, nach Napoléons vernichtender Niederlage bei der Völkerschlacht von Leipzig, rücken preußische und verbündete Truppen in Frankreich ein. Leopold Berend und Carl von Starnenberg, zwei junge Agenten der preußischen Geheimpolizei, begleiten eine Vorausabteilung Kosaken. Neben der Zerstörung der Telegrafenlinie von Mainz nach Metz lautet ihr geheimer Zusatzbefehl: Findet die Victoria mit ihrem Siegeswagen. Die Operation hinter den feindlichen Linien entwickelt sich schnell zu einem gefährlichen Unterfangen. Auf tragische Weise kreuzt sich der Weg der preußischen Agenten mit dem der Tochter eines französischen Generals. Doch Gut und Böse sind bald nicht mehr zu unterscheiden; auch einer der Agenten hat in Paris noch eine persönliche Rechnung zu begleichen ...

 

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einem Land zu leben, in dem das Wort "Krieg" für die meisten noch nicht einmal mehr eine ferne Erinnerung ist bzw. höchstens als Schreckensnachricht in den Tagesthemen auftaucht - weit weg und uns persönlich nicht betreffend. Doch egal ob heute oder in vergangen Zeiten - der Krieg bringt unglaubliches Leid mit sich. Nicht nur die kämpfenden Soldaten, sondern auch die Zivilbevölkerung sind den Gräueltaten, dem Schrecken und dem Grauen ausgesetzt. Der Krieg berührt jeden, der mit ihm in Kontakt kommt, bringt das Beste oder das Schlimmste in den Menschen zum Vorschein, aber vor allem verändert er die Menschen. Das ist genau das Thema, das Thilo Scheurer in seinem ersten historischen Roman Quadriga aufnimmt.

Spannende Missionen für die Protagonisten

Ende 1813 gerät Napoleon nach der Niederlage in der Völkerschlacht von Leipzig immer mehr in Bedrängnis. Seine Gegner gewinnen die Oberhand und drängen die französischen Truppen immer weiter zurück. Zum Jahreswechsel planen die Alliierten sogar die Rheinüberquerung, doch gibt es ein Problem: Dank einer optischen Telegrafenlinie von Mainz nach Metz sind die Franzosen immer bestens über die Absichten ihrer Gegner informiert und sabotieren deren Pläne, wo sie nur können.

Daher erhalten die beiden Secondelieutenants Leopold Johann Berend und Carl Eugen von Starenberg den Auftrag, einige dieser Telegrafen zu zerstören, um so die Nachrichtenübermittlungen zu unterbrechen. Doch mit der Zerstörung der Telegrafenlinie ist es nicht getan, die beiden Soldaten sollen danach weiter nach Paris ziehen um dort die Quadriga wiederzufinden, die französische Soldaten einst vom Brandenburger Tor entfernten.

Leopold hat allerdings noch eine andere, rein persönliche Mission: Die "Bestie" zu finden und Rache an ihr zu nehmen. Damit bekommt die Geschichte zusätzlich ein persönliches Motiv, was den Leser noch mehr einbindet und fesselt, auch wenn die Zusammenhänge nicht sonderlich schwer zu durchschauen sind. Doch spannend bleibt die Frage, ob Leo die "Bestie" finden und Rache nehmen kann.

Gelungene Darstellung des Kriegsalltags und der damaligen Zeit

Thilo Scheurer gelingt es, dem Krieg ein Gesicht zu verleihen und die zunächst abstrakten Schrecken des Krieges persönlich zu machen. Er schafft es dabei hervorragend, mit deutlichen Worten das Grauen, das Morden und das Leid, die der Krieg mit sich bringt, darzustellen, ohne sich dabei jedoch in ausufernden und allzu detaillierten Schilderungen der Gräueltaten und Schlachten zu verzetteln.

Er zeigt außerdem, wie der Krieg einen Menschen berühren und verändern kann. Keiner ist am Ende des Romans mehr derselbe wie am Anfang: Weder der von Ehre und hehren Gedanken an Heldentum und Vaterlandsliebe erfüllte Carl noch der von seiner Rache besessene Leo, auch wenn die Entwicklung der beiden Protagonisten gerne ein bisschen mehr Raum hätte einnehmen dürfen. Insbesondere Leos Wandel der Sichtweise ist zum Teil nur gerade noch nachvollziehbar. Die Sprünge erscheinen doch ziemlich groß!

Nebenbei vermittelt der Autor seinen Lesern noch einiges Wissenswertes aus der damaligen Zeit: Den Wandel der preußischen Gesellschaft, in der nun auch Nicht-Adelige eine Offizierslaufbahn in der Armee einschlagen können, die Funktionsweise der optischen Telegrafen, die Organisation des Militärs und nicht zuletzt die unterschiedlichen Waffengattungen und die mühevolle Arbeit des Nachladens, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Man merkt, dass Scheurer hier gründlich recherchiert hat und sein Wissen gerne mit dem Leser teilt - manchmal etwas zu ausführlich, es gibt in diesen Passagen immer wieder Längen, die jedoch glücklicherweise nicht so stark sind, dass sie die Lust am Weiterlesen verleiden würden.

Wenig "Quadriga" und eine unnötige Liebesgeschichte

Entgegen den Erwartungen, die Titel und Klappentext wecken, spielen die Quadriga und die Suche nach ihr eine untergeordnete Rolle. Sie sind mehr oder minder nur der Auslöser, um die Protagonisten an den Ort zu bringen, an dem sie letztlich sein sollen. Doch daher hinterlassen die knappe Abhandlung über die Suche gegen Ende sowie die allzu glatte und einfache Auflösung einen schalen Geschmack und ein leichtes Gefühl der Enttäuschung, da eben im Vorfeld andere Erwartungen geschürt wurden.

Doch eine wesentlich größere Enttäuschung ist die eingebaute Liebesgeschichte, bei der man das Gefühl hat, sie wurde nur hineingeschrieben, weil jeder historische Roman eine bräuchte. Doch das stimmt nun mal nicht. Diesem Buch hätte der Verzicht auf romantische Verwicklungen definitiv gut getan, denn sie sind weder innovativ noch interessant gestaltet. Alles schon hundertmal gelesen und äußerst klischeebehaftet. Glücklicherweise nimmt das Ganze so wenig Raum ein, dass es den Gesamteindruck nur teilweise schmälert.

Insgesamt ist Quadriga ein informativer und interessanter (Anti-)Kriegsroman mit einigen Längen und einer völlig überflüssigen Liebesgeschichte, den es aber trotzdem lohnt zu lesen, denn der Autor versteht zu erzählen und hat sich einem in diesem Genre nicht alltäglichen Thema mit fundierter Sachkenntnis angenommen. Thilo Scheurer besitzt definitiv Potential und somit ist deutlich Luft nach oben für die nächsten Romane, auf die man gespannt sein darf.

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