Falken

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • DuMont, 2012, Titel: 'Bring up the Bodies', Originalausgabe

Couch-Wertung:

98

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Daniela Loisl
Das Genre des Historischen Romans auf höchstem Niveau

Buch-Rezension von Daniela Loisl Mär 2013

Kurzgefasst:

"Sieh meinen Sohn Thomas böse an, und er sticht dir ein Auge aus. Stell ihm ein Bein, und er schneidet es dir ab", sagt sein Vater über den jungen Cromwell. 35 Jahre später hat Thomas Cromwell die bescheidenen Verhältnisse des Elternhauses hinter sich gelassen. Sein Aufstieg am Hofe von Henry VIII verläuft parallel mit dem von Anne Boleyn, Henrys zweiter Frau, deretwegen dieser mit Rom gebrochen und eine eigene Kirche gegründet hat. Doch Henrys Verhalten hat England ins Abseits manövriert, und Anne konnte ihm keinen Thronfolger gebären. In Wolf Hall verliebt sich der König in die stille Jane Seymour. Cromwell begreift, was auf dem Spiel steht: das Wohl der gesamten Nation. Im Versuch, die erotischen Fallstricke und das Gespinst der Intrigen zu entwirren, muss er eine "Wahrheit" ans Licht bringen, die Henry befriedigen und seine eigene Karriere sichern wird. Doch weder Minister noch König gehen unbeschadet aus dem blutigen Drama um Annes letzte Tage hervor.

 

Der zweite Band der Tudor-Trilogie um Thomas Cromwell schließt 1535 an.

Schon Walter Scott und Victor Hugo haben gezeigt, wie man subjektive Sichten von Figuren dem Leser am besten näherbringt. Zwischenzeitlich scheint diese Kunst des Erzählens fast vergessen, bis Hilary Mantel die Bühne des Historischen Romans betritt und mit fulminanter Brillanz zeigt, was man unter literarisch hohem Niveau versteht.
Wie schon in ihrem Vorgängerroman Wölfe lässt Mantel den Erzähler, der stets eine Person fokussiert, im Präsens berichten. Berichten und nicht einfach erzählen. So scheint es, als stünden der Leser und der Berichtende unsichtbar vor der jeweiligen Person und der Berichter beschreibt nicht nur jede Handlung, jede Bewegung und jeden Handgriff der Figur, sondern weiß auch um deren Gedankengänge. So verfängt sich die Autorin nie in Nebensächlichkeiten oder unwichtigen Details, sondern richtet den Blick stets auf das direkte und momentane Geschehen. Eine Erzählweise, die so einfach scheint und doch zu den schwierigsten gehört.

Psychoanalytische Chirurgenarbeit

Mantel schreibt fern vom Mainstream. Penibel recherchiert ist sie stets bemüht, so nahe wie möglich an der überlieferten und belegten Wahrheit zu bleiben. Wenngleich die Geschehnisse um Henry VIII und auch Thomas Cromwell nicht unbekannt sind, so scheint es doch, als habe Mantel diese gerade neu erfunden. So zeichnet sie, wie schon in Wölfe, Cromwell nicht als machtgierigen Unmensch, sondern stattet ihn mit sämtlichen Facetten eines starken, ungebildeten und sehr klugen, aber dennoch empfindsamen Charakters aus. Ein kühl erscheinender Denker, der geschickt Akzente setzt, seine Gegner kennt und es versteht, auf subtile und geschickte Weise die Geschehnisse in die richtigen Bahnen zu lenken.

Zweifellos hat sich die Autorin intensiv mit der Figur Cromwells auseinandergesetzt. Mantel selbst wird zu Cromwell. Sie versucht, von dem im Allgemeinen nur als machtgierigen Menschen bekannten Politiker, auch eine weiche und empfindsame Seite zu geben und diese dem Leser näherzubringen. Hin- und hergerissen zwischen kalkuliertem, strategischem Denken und sensibler, familiärer Geborgenheit, entsteht eine vielschichtige Figur, die einem einerseits Bewunderung für das Erreichen ihrer Ziele, aber anderseits auch Abscheu für ihre berechnende Kaltblütigkeit abverlangt. Aber nicht nur Cromwell, sondern auch die restlichen Figuren wie u.a. Anne Boleyn, sind charakterlich bis ins Feinste seziert.

Sprachbrillanz und höchste Erzählkunst

Leser, die im historischen Roman Mainstream bevorzugen, werden mit diesem Buch wohl Probleme haben. Hilary Mantel schreibt nicht einfach Bücher "zum schnell mal Weglesen", sondern verlangt dem Leser doch einiges ab. Mag es auch etwas dauern, bis man sich an den doch ein wenig ungewöhnlichen, aber sehr intensiven und cineastischen Sprach- und Erzählstil gewöhnt, wird man sich dann der enormen Sogwirkung dieses Romans kaum mehr entziehen können. Angetan von der fulminanten Sprache, begeistert die Autorin durch das Schaffen plastischer und reliefartiger Szenen, die einem eine absolut realistische und authentische Atmosphäre bieten. Der Leser fühlt sich wie im Holodeck von Star-Trek. Er wird als stiller Beobachter ins Jahr 1535 nach London katapultiert, hört die zukunftsweisenden politischen Gespräche und Entscheidungen des Königs, die geflüsterten Intrigen von Cromwells Feinden und das falsche Gesäusel der Speichellecker wie in einem mit Dolby-surround-System ausgestatteten Raum. Nur wenigen Autoren ist es möglich, dem Leser ein derartig greifbares Bild der Vergangenheit zu bieten.

Hilary Mantel hat den nun zum zweiten Mal erhaltenen "Booker Prize" redlich verdient. Eine Autorin, die einen neuen Weg des Historischen Romans beschritten und einen Meilenstein in Anspruch und Niveau geschaffen hat. Mantels Bücher kann man allen Liebhaber dieses Genres, die anspruchsvolle Qualität zu schätzen wissen, nur wärmstens empfehlen! Ein literarischer Leckerbissen, dessen Genuss noch lange nachhallt.

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Letzte Kommentare:
15.05.2013 18:00:58
Keera

September 1535: Thomas Cromwell hat sich eingerichtet in seiner Position als 2. Mann des Staates. Begleiter von Henry VIII bei der Jagd, bei Essen, Einladungen und diplomatischen Verhandlungen, setzt sich seine Arbeit am Abend und in der Nacht fort, egal ob unterwegs oder in einem seiner eigenen Häuser.
Sein oberstes Ziel ist es nicht, einer Religion oder einem Vaterland zu dienen (auch wenn er es manchmal zu glauben scheint), Cromwells Ziel ist es, seinem König zu dienen. Er weiß doch aus Erfahrung, dass man in dessen Nähe nur überlebt, wenn man seine Wünsche erfüllt, am besten schon dann, wenn er sie selbst noch nicht ahnt. Dass man dabei dafür zu sorgen hat, dass Henrys Selbstbild vom ehrenhaften Mann nicht gestört wird, versteht sich von selbst. Henry, Meister des Selbstbetrugs, sind dabei seine ersten Berater auch als Sündenböcke recht, was Cromwells Arbeit zu einem "Tanz auf dem Vulkan" werden lässt. Aber Cromwell ist ein guter Tänzer und ein intelligenter Mann und so beginnt er seine Überlegungen, wie er Henry von Anne Boleyn befreien kann im selben Augenblick, als dieser Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Ehe mit ihr äußert.
Für die Dauer von etwa einem Jahr lässt Hilary Mantel den Leser durch Cromwells Augen beobachten, wie Anne, unter dem Druck, dem König einen Sohn gebären zu müssen, ihre Anziehung verliert, gereizt, körperlich gestresst, aggressiv und unleidlich wird. Gleichzeitig beobachtet man den Tanz der Höflinge, die Anne und den König umgeben, Cromwell herausfordern und auf ihn und seine bürgerliche Abkunft spöttisch herabschauen. Sie ahnen nicht, wie nahe sie dem Untergang sind. Der Leser beobachtet auch die Aktionen der "alten Familien", die sich plötzlich, als die Boleyns und Howards an Einfluss verlieren, auf Cromwells Seite finden.
Cromwell tritt dem Leser meist als umgänglicher, ruhiger und oft väterlicher Mensch entgegen. Er setzt sich dafür ein, dass ihre Freunde die sterbende Katherine besuchen dürfen und er sorgt sich (zumindest ein wenig) um das Wohlergehen der Lady Mary. Scheinbar ruhig und gleichmütig erträgt er Herabsetzung, Verachtung und Anfeindung. Besonders zu Hause zeigt er seine menschliche Seite. Er nimmt Waisenkinder in sein Haus auf. Er kann sich nicht von Gegenständen trennen, die seinen verstorbenen Töchtern gehört haben und ist besorgt um seinen Sohn Gregory.
Dann aber, wenn der Leser gerade meint, Cromwell sei ja doch so übel nicht, beobachtet er ihn bei eiskalten Überlegungen: "Der König braucht Anne nicht, ..." und durchgeplanter Rache: "Er (Cromwell) braucht schuldige Männer. Und so hat er Männer gefunden, die schuldig sind. Wenn auch vielleicht nicht im Sinne der Anklage."

Und so begreift man schließlich, dass Cromwells Vater recht hatte als er die Worte sagte, die der Verlag dem Buch voranstellt: "Sieh meinen Sohn Thomas böse an, und er sticht dir ein Auge aus. Stell ihm ein Bein, und er schneidet es dir ab"
Hilary Mantel gestaltet vielschichtige Charaktere, die meisten sind nicht der (oder die), als die sie zunächst erscheinen, oder als die sie sich selber sehen. Katherine und Mary sind nicht nur Opfer, Henry ist nicht nur ein Monster, Anne ist nicht nur sprühend und berechnend. Dabei geht die Autorin meisterlich mit der Sprache um und benutzt gerne Bilder , die das Geschehen auf einer anderen Ebene spiegeln. So ein Bild ist zum Beispiel die Falkenjagd: "Wenn sie nach unten sehen, sehen sie nichts als ihre Beute..."
Immer aber bleibt das Buch gut lesbar und verständlich. Auch Mantels hartnäckige Verwendung von "er", wenn sie von Cromwell spricht, fand ich nicht irreführend.
Erstaunlich für mich ist es, wie es der Autorin gelingt, das Buch spannend und packend zu halten, obwohl ja die Geschichte um Henry VIII und Cromwell gut bekannt ist. Ich jedenfalls habe das Buch in einem Zug durchgelesen und werde mir jetzt Band 1 besorgen, den ich bisher leider verpasst hatte.

Zeitpunkt.
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