Wir sind doch Schwestern

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Kiepenheuer & Witsch, 2012, Titel: 'Wir sind doch Schwestern', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
Eine Geschichte um Vergeben und Verzeihen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Feb 2013

Kurzgefasst:

Katty, Paula und Gertrud treffen sich zu Gertruds 100. Geburtstag. Sie wollen ihre Zukunft planen, doch vorher gilt es, die Vergangenheit zu klären. Gertrud hat noch gute Augen, aber hören kann und will sie nicht. Paula kann kaum noch sehen, hat aber immer ein offenes Ohr für ihre Schwestern. Und Katty, das Nesthäkchen, will auch mit 84 Jahren Feste feiern, wie sie fallen, so wie damals, als sie schon meisterhaft beherrschte, was man viel später erst PR nannte. Allen gemeinsam sind Eigensinn, Humor und eine angeborene Kreislaufschwäche, die mit exorbitant starkem Kaffee und gutem Schnaps bekämpft wird - so auch in diesen Tagen auf dem Tellemannshof, wo in jedem Winkel die Erinnerung lauert.

 

Gertrud wird 100. Das muss gefeiert werden - finden Gertruds Schwestern Katty und Paula. Also reist Gertrud zu Katty, der Jüngsten im Bunde. Das Zusammentreffen der Schwestern wühlt alte Gefühle auf, von denen alle drei geglaubt hatten, sie wären längst vergessen. Je mehr Erinnerungen wach werden, desto deutlicher wird den drei Schwestern, dass sie sich gegenseitig oft unabsichtlich verletzt haben. Allen drei hat das Schicksal das eine oder andere Mal übel mitgespielt - und doch sind die Schwestern als starke Persönlichkeiten daraus hervor gegangen. Die drei Frauen, die kurz vor ihrem Lebensende stehen, erkennen, dass sie endlich die alten Lasten beseitigen und den Frieden mit sich und den beiden Schwestern machen müssen. Und alle sind sie bereit dazu, wenn auch die eine oder andere sich nicht ganz leicht tut damit.

Raum, sich zu entfalten

Anne Gesthuysen versteht es, die teils traurigen Erinnerungen der drei Schwestern mit einer liebevollen Leichtigkeit zu paaren, wie sie nur das Alter der Menschen schenken kann. Knurrig und doch voller Empathie für die Schwestern scheint die hundertjährige Gertrud zunächst die Tonangebende des Trios. Doch nach und nach zeigt sich, dass Kattys Geschichte - auf mehreren Ebenen verknüpft mit jener von Gertrud - mindestens genau so viel Gewicht hat. Diese subtile Verschiebung von der einen zur anderen Schwester gibt dem Roman eine besondere Note. Die Leser müssen genau hinsehen, um alle die feingesponnenen Details erkennen zu können. Lohnend ist es auf jeden Fall. Gesthuysen gibt den drei Protagonistinnen viel Raum, sich zu entfalten und ihre teilweise über Jahre hinweg mitgetragenen Gefühle und Verletzungen zu enthüllen.

Starke Charaktere

Es fällt den Lesern schwer, auszumachen, welche von den Schwestern nun den speziellsten Charakter aufweist. Mit großem Geschick schiebt die Autorin immer wieder eine andere der drei Schwestern ins Rampenlicht und beleuchtet sie von verschiedenen Seiten. Die Leser werden von der liebenswerten Schrulligkeit der alten Frauen ebenso in Bann gezogen, wie von den einstigen Hoffnungen und Wünsche der jüngeren Schwestern. Es sind jedoch nicht nur die faszinierenden Charaktere, die in Bann ziehen: Die Rückblende auf ein ganzes Jahrhundert, in dem zwei Kriege viel zerstört haben und das danach eine unglaubliche Wandlung erlebte, ist ebenso spannend wie berührend. Es sind Geschichten, die mit dem Sterben der damaligen Generationen langsam verblassen und die doch so viel Gehalt haben.

Es ist nie zu spät

Anne Gesthuysens Roman ist auch ein Plädoyer für Vergeben und Vergessen. Es wird den Lesern unmissverständlich klar gemacht, dass es nie zu spät ist, sich den Gespenstern der Vergangenheit zu stellen und wieder gerade zu rücken, was einst in Schieflage geraten ist. Mit gebührendem Abstand zu den Ereignissen, gesunder Einsicht und einer großen Portion Menschenliebe lassen sich auch Schicksalsschläge, die einst ganze Hoffnungen zertrümmerten, verkraften und auf den Trümmern kann Neues entstehen. Die drei Schwestern mussten den 100. Geburtstag der ältesten von ihnen abwarten, bis sie sich zum Vergeben und auch zum Vergessen durchringen konnten. Wer Gesthuysens Buch liest, weiß, dass es nicht so lange dauern muss. Auf diese Weise hat die Autorin den Lesern ein doppeltes Geschenk gemacht: Mit einer höchst berührenden Geschichte und mit einem ernst gemeinten Anstoß dazu, dem anderen trotz allem die Hand hinzustrecken.

 

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