Adieu, Sir Merivel

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Insel, 2012, Titel: 'Merivel: A Man of His Time', Originalausgabe

Couch-Wertung:

95
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Annette Gloser
Ein Lebenskünstler zieht Bilanz

Rezension von Annette Gloser Jan 2013

Kurzgefasst:

Die Aussichten sind nicht rosig: Sir Robert Merivel, Medicus, Lebemann und Vertrauter Charles´ II., hat bessere Zeiten gesehen. War er nicht der Mann, der den König von England zum Lachen bringen konnte? Soll er sich jetzt mit nur 57 Jahren bereits zurückziehen und zusammen mit seinem klapprigen Diener Will auf seinem Landgut Trübsal blasen? Auf geht's also nach Frankreich, um den Sonnenkönig aufzusuchen, dessen soeben erbautes Wunderwerk Versailles zu bestaunen: Aber anstatt dort mit Pomp und Zeremoniell empfangen zu werden und gar zum Leibarzt von Ludwig XIV. aufzusteigen, muss er sich im Gesindehaus den Nachttopf mit einem holländischen Uhrmacher teilen! Dann aber begegnet er auf den Fluren des Schlosses der charmanten Louise de Flamanville. Sie will ihn auf andere Gedanken bringen und Sir Merivel glaubt an einen zweiten Frühling. Auf ihrem Schloss in der Schweiz erreicht ihn ein Ruf des Hofes: Sir Merivel soll schleunigst ans Krankenbett des englischen Königs eilen. Sir Robert Merivel hat nur eine Sorge: Dass das Leben zu schnell an ihm vorüber ziehen könnte.

 

Im November 1683 lebt Sir Robert Merivel geruhsam und unzufrieden auf seinem Landsitz Bidnold. Seine Tochter ist ein hübsches junges Mädchen, vom Vater heiß geliebt. Sir Robert ist siebenundfünfzig Jahre alt und kann auf ein bewegtes Leben als Arzt, Gesellschafter des Königs, Verbannter und schließlich in Gnade wieder Aufgenommener zurück blicken. Er weiß auch, dass ihm all dies reichen sollte. Aber er verspürt in sich Unruhe und die Sehnsucht, noch einmal in seinem Leben Abenteuer durchzustehen. Als Tochter Margaret zu einem längeren Besuch bei Freunden aufbricht, hält es auch Sir Robert nicht mehr in seinem gemütlichen Lehnstuhl. Und mit Erlaubnis seines von ihm sehr geliebten Königs bricht er auf nach Frankreich, um am Hofe des Sonnenkönigs sein Glück zu versuchen. Zwar erleidet er dort kapitalen Schiffbruch, aber er lernt auch Louise de Flamanville kennen, die als sexuell vernachlässigte und vom Hofleben angeödete Gattin eines Gardeoffiziers im prunkvoll vor sich hin stinkenden Versailles lebt. Als Merivel Frankreich verlassen muß, nimmt er die Erinnerung an diese außergewöhnliche Frau mit sich. Zwar hat sie ihn in ihre Heimat, die Schweiz, eingeladen, doch erst Monate später kann er dieser Einladung folgen. Denn zu Hause findet er seine Tochter totkrank vor und widmet sich hingebungsvoll ihrer Pflege.

Als jedoch der König nach Margarets Genesung beschließt, die junge Dame mit nach London zu nehmen und sie dort unter die Gesellschafterinnen seiner Mätresse Louise de Kérouaille, genannt Fubbsy, einzureihen, hat Merivel eine Sorge mehr. Er fürchtet, Charles II. könnte das junge Mädchen zu seiner Geliebten machen - und damit hat Sir Robert in seinem Leben einschlägige Erfahrungen gesammelt. Keine guten.

Trotzdem bricht er auf in die Schweiz, um vielleicht doch noch die große Liebe zu finden. Er trifft dort eine Madame de Flamanville, die ihm alles bietet, was ein Mann sich nur wünschen kann. Und nur zu schnell allerdings muß Merivel begreifen, dass dieses "Alles" für ihn wohl etwas zuviel ist.

Ein pralles Stück Leben

Sicher wäre es nicht verkehrt, den vorhergehenden Band Des Königs Narr gelesen zu haben. Notwendig ist dies aber nicht, um die Geschehnisse in Adieu, Sir Merivel zu verstehen und nachzuvollziehen. Rose Tremain führt ihre Leser mitten hinein in das 17. Jahrhundert, in das Leben eines alternden Landedelmannes zur Zeit Charles II. Obwohl die Geschichte erst einsetzt, als Merivel bereits ein älterer Herr ist, erfährt man im Laufe der Zeit sehr viel über seine Vergangenheit, die er selbst immer wieder bruchstückhaft erwähnt. Und so weiß man zum Ende des Buches doch sehr viel über diesen lebensfreudigen Genießer. Immer wieder taucht Charles II. auf, der das Leben Merivels über weite Strecken mitbestimmt hat und dem Merivel in tiefer Ergebenheit und auch Freundschaft verbunden ist.

Mehr als einmal scheitert der umtriebige Abenteurer in diesem Roman. Immer wieder gerät er in Situationen, die man im heutigen Sprachgebrauch wohl als "ultraschräg" bezeichnen würde. Über all der Situationskomik lastet eine leichte Melancholie und - trotz aller Eskapaden des Protagonisten - auch eine Altersweisheit, wie sie nur ein erfülltes Leben mit sich bringen kann.

 

 

"Ich erinnere mich, dass Ihr schon vor langer Zeit irgendetwas Närrisches übers Sterben sagtet", erklärt er, "aber damals wart ihr im Speisezimmer, und ich sagte zu Euch: ´Sterbt nicht hier, Sir. Das ziemt sich nicht. Wenn Ihr entschlossen seid zu sterben, begebt euch bitte woanders hin.'"

"Jetzt bin ich nicht im Speisezimmer, Will. Ich liege im Bett. Das ist ein Platz so gut wie jeder andere."

"Nun denn, wenn Ihr denn unbedingt müsst, Sir", sagt der dreiste Will, geht aus dem Zimmer und überlässt mich meinem Schicksal, ohne dass er versucht hätte, es mir auszureden."

 

Die Autorin beschreibt ihren Sir Robert als einen Mann, der den schönen Dingen des Lebens zugetan ist und durchaus bereit, seinen Gelüsten hemmungslos zu frönen, abseits von Prüderie und religiös verbrämter Verklemmtheit. An Gott glaubt Merivel schon lange nicht mehr. Aber mehr als mancher Tugendbold liebt und achtet er die Geschöpfe der Natur, ist neugierig auf ihre Geheimnisse und vermeidet es als Arzt, seine Patienten unnötig zu quälen.

Seine Betrachtungen zu den verschiedensten Themen lassen den Roman leben und schenken dem Leser einen tiefen Einblick in das Seelenleben des Protagonisten. Hier schreibt kein überhöhter Held seine wohl geschliffenen und schön zurecht gebogenen Memoiren. Aus den Seiten des Romans purzelt ein pralles Stück Leben, zum Mitlachen und Mitleiden, voller herzerfrischender Betrachtungen über Mitmenschen, die so oder ähnlich auch heute noch unseren Weg kreuzen könnten, kombiniert mit stilvoller Selbstironie:

 

 

Ich trage einen sehr vornehmen rostroten Rock und braune Kniebundhosen, um den Hals eine Kaskade prächtiger Spitzen und auf dem Kopf einen sehr flotten Hut, der seine warme Last von Zeit zu Zeit zu verschieben scheint, als wäre es ein zahmer nistender Fasan... Meine Perücke ist üppig, glänzend und neu. Und ich führe das Schwert mit mir - etwas, was ich schon eine Weile nicht mehr getan habe, es zieht ständig an meinem Rock und ich habe Angst, zu stolpern und in die Gosse zu stürzen. Glücklicherweise habe ich auch einen meiner Gehstöcke aus Ebenholz mitgebracht...

 

Immer wieder tauchen die Tücken des Alltags auf, die in den glanzvollen Heldenromanen schamhaft verschwiegen werden. Charles II. spielt eine wichtige Rolle in diesem Buch, ist er doch der rote Faden, an dem sich Merivels Leben entlang hangelt. So bekommt der Leser die Chance, hinter die Fassade dieses als Monarch eher untauglichen Mannes zu blicken, seine privaten Wünsche und Träume kennen zu lernen und ihm durchaus auch Respekt zu erweisen.

Kein Maulkorb für Merivel

Die Autorin lässt Sir Merivel seine Geschichte selbst erzählen. Und sie hat ihm keinen Maulkorb verpasst. Merivels Sprache zeigt viele Facetten, wird oft auch derb und nennt die Dinge beim Namen.

 

 

Ich bin kein Kenner von Uhren, aber dennoch konnte ich sehen, dass das Gehäuse außerordentlich zierlich gearbeitet war und die Messingzeiger große Schlichtheit und Schönheit verrieten. Und gleichzeitig konnte ich es nicht verhindern, dass mir Bilder von Hollers in den Sinn kamen, wie er in seinem Bett schnarchte, Marmelade verschlang, seine Perücke entlauste, mit den Zähnen knirschte, furzte und in unseren gemeinsamen Nachttopf schiß, und diese Bilder legten sich über die reizende Symmetrie der Uhr.

 

Die Beschreibungen, die Rose Tremain durch Merivel an ihre Leser weitergibt, zeichnen ein lebendiges, buntes Bild der Orte, an die es Sir Robert verschlägt. Man wird in diese Welt hinein gezogen und in Bann geschlagen.
Facettenreich werden die einzelnen Protagonisten geschildert, insbesondere das Faktotum Will, aber auch all die Damen und Nicht-Damen, die Merivel das Leben versüßen oder auch sauer machen. Alle Torheiten, die wir Menschen im Laufe unseres Lebens begehen können, hat auch Robert Merivel begangen. Wenn er jetzt, als alternder Mann, Bilanz zieht und immer wieder Bruchstücke seiner Vergangenheit hervorzaubert, setzt der Leser nach und nach das Mosaik eines dramatischen Lebens zusammen, mit all seinen glanzvollen und seinen profanen Einzelheiten.

Die Geschichte ist in sich dicht und schlüssig, es gibt keine unmotivierten Brüche. Alles vollzieht sich folgerichtig, trotz mancher überraschenden Wendung. Ein Roman aus einem Guß, der sprachlich gelegentlich an Defoe oder Swift erinnert.

Kein Buch für eine Nacht

Selbst wenn Adieu, Sir Merivel den Leser rasch in den Bann zieht, so tut es gut, sich beim Lesen ein wenig Zeit zu lassen, die Gedanken schweifen zu lassen. Denn wenn dies auch ein ganz köstlicher historischer Roman ist, dessen Geschichte fest in der Zeit verankert ist, in der er spielt und in dem historische Persönlichkeiten nicht nur Staffage zum Aufpeppen sind, so bietet das Buch doch die Chance, die eigene Geschichte zu betrachten, Vergleiche zu ziehen. Gelegentliche Denkpausen tun da gut.

Der Insel Verlag hat das Hardcover mit einem zauberhaften Schutzumschlag ausgestattet, dessen Motiv einen dezenten Hinweis auf Vergänglichkeit bietet. Darunter glänzt golden der eigentliche Einband. Die liebevolle Gestaltung, die Insel üblicherweise seinen Büchern angedeihen lässt, ist sicher auch ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber den in diesen Büchern enthaltenen Werken. Und dieser Roman hat die Wertschätzung auf jeder einzelnen Seite verdient. Weinkenner sagen manchmal von einem wohlschmeckenden Wein, er sei süffig. Und auch wenn Wein und Buch ganz und gar unterschiedliche Dinge sind, so ist dies wohl ein Buch, so süffig wie ein guter Wein.

Adieu, Sir Merivel

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