Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2011, Titel: 'The Thread', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
Viel besser, als der Titel erwarten lässt

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Dez 2012

Kurzgefasst:

Thessaloniki 2007: Der junge, in England aufgewachsene Mitsos erfährt zum ersten Mal etwas über die Vergangenheit seiner Großeltern. Das Leben von Katerina und Dimitri ist untrennbar mit der wechselhaften Geschichte ihrer Heimatstadt verbunden - nur dank ihrer Liebe verloren sie nie die Hoffnung. Mitsos erkennt, dass hier auch seine Wurzeln liegen, und er spürt, dass er eine Entscheidung für sein Leben treffen muss.

Nachdem 1917 ein großer Brand weite Teile von Thessaloniki verwüstet hat, wächst Dimitri, Sohn eines reichen Tuchhändlers, bei seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen auf. Dennoch verbringt er eine glückliche Kindheit. Besonders eng befreundet ist er mit Katerina, die auf der Flucht aus Smyrna ihre Mutter verlor. Dann aber trennen sich die Wege der Kinder, und erst als Erwachsene treffen sie sich wieder. Sie erkennen, dass sie sich lieben, doch Dimitri zieht schon bald in den Zweiten Weltkrieg und kämpft danach noch viele Jahre im Widerstand. Die Nachricht seines Todes lässt Katerina zutiefst verzweifeln. Als der Besitzer der Schneiderei, in der sie arbeitet, ihr einen Heiratsantrag macht, willigt sie ein. Dann steht eines Tages Dimitri wieder vor ihr: voller Sehnsucht, gejagt von seinen Feinden ...

 

Natürlich: Die Liebe spielt auch in diesem Roman von Victoria Hislop eine wichtige, ja tragende Rolle. Doch würde es dem Roman keineswegs gerecht, ihn in die Ecke von Liebesromanen zu schieben - was angesichts des Titels allzu leicht passieren könnte. Im Zentrum der Geschichte steht die griechische Stadt Thessaloniki zur Zeit der Weltkriege. Das betagte Ehepaar Katharina und Dimitri erzählt seinem Enkel Mitsos, weshalb für sie ein Leben in einer anderen Stadt nie in Frage käme. Auf dieser Basis verknüpft die Autorin mit großem Geschick einzelne Schicksale mit der Entwicklung der Stadt, die 1917 durch einen Brand nahezu zerstört wurde. Hier setzt Hislop mit ihrer Geschichte ein. Das Feuer wütet nicht nur in den Armenvierteln der Stadt, es zerstört unter anderem auch die Villa und die Geschäftsräume des reichen und unberechenbaren Textilhändlers Konstantinos Komninos.

Seine Frau Olga muss nach dem Feuer mit dem Neugeborenen Unterschlupf in einer wenig angesehenen Gegend suchen. Dort wächst Dimitri in einer ärmlichen, wenn auch liebevollen Umgebung auf, während sein Vater danach trachtet, das in Mitleidenschaft gezogene Geschäft nicht nur wieder in Gang zu bringen, sondern noch rentabler zu machen. Sein Sohn soll einst ein erfolgreiches Unternehmen übernehmen. Doch Dimitri will nicht in die Fußstapfen des cholerischen Vaters treten - er will Medizin studieren.

Auch Katharinas Geschichte ist eng mit Thessaloniki verbunden. Auf der Flucht aus Smyrna wird das kleine Mädchen durch einen Unfall von ihrer Mutter getrennt. In den Wirren wird sie der jungen Witwe Eugenia anvertraut, die mit ihren beiden Töchtern ebenfalls auf der Flucht vor den Türken ist. Eugenia zieht mit den Kindern in die Straße, in denen auch Olga mit Dimitri lebt. Katharina und Dimitri verbindet bald eine innige Freundschaft, obwohl sie aus völlig verschiedenen Schichten stammen. Kaum sind die beiden erwachsen, bricht der Zweite Weltkrieg auch in Thessaloniki aus. Dimitri zieht in den Krieg und Katharina erlebt die Besetzung der Stadt durch die Deutschen. Ihre Arbeit bei einem jüdischen Schneider bringt sie in Gefahr. In einer Nacht- und Nebelaktion versuchen die Schneiderinnen, wichtige religiöse Artefakte aus der Synagoge zu retten.

Ein anderes Griechenland

Die Leser bekommen hier ein ganz anderes Griechenland geboten, als das hierzulande als Feriendestination bekannte Land. Die Rede ist von einem Vielvölkerstaat, der im Rahmen der verschiedenen Kriege viele Einwohner vertrieb, im Gegenzug aber auch viele griechisch-stämmige Flüchtlinge aufnehmen musste, die vor allem von den Türken aus ihrer Heimat in Kleinasien vertrieben wurde. Die Autorin versteht es ausgezeichnet, die verschiedenen Flüchtlingsströme zu skizzieren und das damit verbundene Elend sichtbar zu machen. Auch die antisemitischen Strömungen in der griechischen Bevölkerung ist kein Tabu: Sie bricht sich zwar erst im Zuge der deutschen Besetzung richtig Bahn, doch ist es keine neue Tendenz. Allerdings ist die Verfolgung der jüdischen Bewohner durch die Besetzungsmacht Deutschland und durch griechisch-orthodoxe Eiferer nur ein Teil des Schicksals, das die Stadt in den Kriegsjahren zu tragen hat. Hier baut Victoria Hislop durch ihre besonnene Art, mit der Geschichte umzugehen, Brücken. Sie lässt die Juden Teil der Gemeinschaft bleiben, die auf verschiedenste Art unter dem Krieg leidet.

Roman mit Nachklang

Schon mit ihren ersten Romanen hat Victoria Hislop bewiesen, dass sie eine starke Erzählerin ist und das Publikum zu fesseln vermag. Dies führt sie auch mit ihrem dritten Roman Eine Geschichte von Liebe und Feuer fort. Ohne die rosarote Brille aufzusetzen und doch voller zärtlicher Emotionen schildert sie das Schicksal der Menschen Thessalonikis und macht dadurch der Stadt eine wunderschöne Liebeserklärung. Das Publikum lässt sie an einer Geschichte teilhaben, die voller politischer Umbrüche ist, von der das restliche Europa aber nur wenig weiß, da im Geschichtsunterricht Mitteleuropas davon kaum etwas zu hören ist. So ist dieses dritte Werk der englischen Autorin das, was schon die beiden Vorgänger waren: Ein Roman mit Nachklang. Vieles, was hier erzählt wird, regt zum Nachdenken an und bleibt noch eine ganze Weile im Gedächtnis haften.

Dass der Verlag mit einer schönen Aufmachung des Buches sowie mit Kartenmaterial aufwartet, ist eine schöne Ergänzung und macht den Roman zu einem in jeder Hinsicht hochwertigen Erlebnis.

Eine Geschichte von Liebe und Feuer

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