Die Frau, die vom Himmel fiel

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • DVA, 2012, Titel: 'The Girl Who Fell from the Sky', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Annette Gloser
Die Liebe und die Bombe

Buch-Rezension von Annette Gloser Nov 2012

Kurzgefasst:

Paris 1943: Marian Sutro ist kein Mädchen wie die anderen. Soeben aus der Schule ins Leben entlassen, kauert die neunzehnjährige Londonerin nun vor der geöffneten Tür eines Flugzeugs der Royal Airforce, unter ihr das besetzte Frankreich, bereit, mit dem Fallschirm ins Ungewisse zu springen. Sie soll ihre Jugendliebe Clément aufsuchen, der in Paris für die Nazis als Wissenschaftler arbeitet. Wird sie ihre Aufgabe erfüllen? Wird sie Clément finden - und was wird dann mit Benoît, ihrem neuen Liebhaber?

 

Marian Sutro ist Engländerin, in der Schweiz aufgewachsen, durch viele Erinnerungen an Frankreich gebunden. Sie spricht selbstverständlich englisch, aber sie spricht auch französisch. Französisch mit diesem einen, kleinen Akzent, der dem Kundigen verrät, dass sie irgendwo im Süden des Landes aufgewachsen ist, in der Nähe der Alpen oder auch in der Schweiz.

Es ist Krieg. Hitler hat Europa überrollt, Frankreich ist besetzt, England wird bombardiert. Wie so viele andere junge Frauen hat auch Marian ihre Kenntnisse in den Dienst für ihr Land gestellt, schreibt in einem düsteren Funküberwachungsraum Meldungen von Flugzeugen auf. Aber ihr wird eine andere Aufgabe angeboten: Sie soll nach Frankreich gehen und dort als Kurier für einen Ring von Widerstandskämpfern arbeiten.

Allerdings sind in den Rangeleien der verschiedenen Geheimdienste auch andere auf Marian aufmerksam geworden. Hinter dem Rücken ihres eigentlichen Dienstherren wird die junge Frau damit beauftragt, eine weitere Aufgabe in Frankreich zu lösen. Sie soll ihren Jugendfreund Clément suchen und ihn überreden, seine Heimat zu verlassen um seine Arbeit in England weiter zu führen. Clèment ist Physiker und forscht gemeinsam mit Frédéric Joliot-Curie am Collège de France. Kernspaltung ist sein Spezialgebiet. Er wird gebraucht, um endlich die alles zerstörende Bombe zu bauen, die diesen Krieg beenden könnte. Mit falschen Papieren springt Marian über dem Süden Frankreichs ab und wird in den Kreis der Résistance aufgenommen. Und irgendwann führt ihr Weg sie nach Paris, zu Clément.

Aber Paris ist ein gefährliches Pflaster für eine Illegale. Als die junge Frau dort ankommt, taucht sie in einen Hexenkessel ein. Es gibt einen Verräter in den Reihen der Widerstandskämpfer und die Deutschen kommen der "Terroristin" auf die Spur. Niemandem kann sie trauen. Ganz auf sich allein gestellt versucht Marian ihre Aufgabe zu erfüllen.

Spannend und intensiv

Dieses Buch zieht den Leser schnell in den Bann. Auch wenn anfänglich gar keine besonders spannenden Sachen passieren, so ist der Sprachduktus so eindringlich, dass der Leser schon nach den ersten Seiten eine regelrecht innige Beziehung zur Heldin Marian aufbauen kann. Der Leser folgt ihr, träumt mit ihr, schaut tief in ihre Seele. Nebenbei passieren all die Dinge, welche die Handlung voran treiben: Die Anwerbung, die Ausbildung, die Auseinandersetzung mit dem Bruder, das Techtelmechtel mit Benoît, die Ankunft in Frankreich. Immer wieder gestattet Mawer dem Leser innezuhalten, sich die Situation oder die Gefühlswelt der Protagonistin vor Augen zu führen. So entsteht eine dicht gewebte Geschichte voller Spannung.

All die historischen Fakten, die der Leser braucht um die Geschichte zu verstehen, liefert der Autor gekonnt im Roman. Es braucht kein Nachwort, keine Landkarte, alles ist eindeutig.

Und bis zur letzten Seite bleibt die Spannung erhalten. Der Autor bleibt dabei nahe an der historischen Realität. Und ganz nebenbei wird dem Leser die Welt des Krieges vor Augen geführt, eine Welt ohne Bohnenkaffee, mit ständigen Kontrollen, in der jeder einen Koffer zu schleppen scheint und mitunter deutsche Soldaten ganz einfach auch nur freundlich flirten wollen, in der auf den Tisch kommt, was die Lebensmittelkarten so hergeben und zu diesem schäbigen Essen ein erstklassiger Wein aus der Vorkriegszeit getrunken wird. Die Seiten des Buches atmen diese Atmosphäre regelrecht und hüllen den Leser darin ein.

Stell dir vor, es ist Krieg...

... und alle gehen hin. Es gibt niemanden in diesem Buch, der nicht bis ins Herz durch diesen Krieg betroffen ist: Marian in ihrem jugendlichen und zum Teil sogar naiven Wunsch, etwas für Frankreich zu tun. Clément mit seiner Atomforschung. Marians Bruder Ned, früher ein Kollege Cléments. All jene, mit denen Marian in Frankreich zusammen arbeitet, die ihr Quartier geben und sich um sie sorgen. All die anderen, die gleich Marian die Ausbildung absolvieren um später in den besetzten Gebieten zu arbeiten. Der Leser taucht ein in eine Welt, in der Tod und Grausamkeit so alltäglich sind, dass die Menschen kaum noch darüber sprechen. Auch Marian ist Teil dieser Welt. Aber auch wenn sie eine erstklassig ausgebildete Agentin ist, so bleibt sie für den Leser die sensible junge Frau, das Mädchen mit den Sehnsüchten und Wünschen, dem man alles Glück dieser Welt wünschen möchte.

Mawer zeichnet seine Protagonisten sehr tiefgründig. Man erfährt nur ganz nebenbei, dass Marian blond ist, gelegentlich sagt jemand, sie sei hübsch. Ähnlich ist es bei anderen Personen. Äußerlichkeiten sind weniger wichtig und werden eher in Nebensätzen abgehandelt. Und trotzdem wird jeder genau beschrieben, mit seinen Ängsten, seinem Trotz, seiner Wut, seinen Träumen und Wünschen. Man weiß genau, mit wem man es hier zu tun hat. Daraus rührt auch ein großer Teil der Spannung im Roman, denn der Leser weiß genau, mit wem er es zu tun hat, kennt die unsicheren Kandidaten. Nicht jede Entscheidung der Heldin Marian ist nachvollziehbar, was letztendlich nur noch deutlicher macht, wie jung und spontan diese Frau ist, wie wenig diese Rolle der vorsichtigen und stets unauffälligen Agentin in ihr Leben passt.

Ein besonderes Buch

Die Frau, die vom Himmel fiel nimmt in der endlosen Reihe der Romane über den Widerstand im Zweiten Weltkrieg einen speziellen Platz ein. Dies ist nur teilweise dem Inhalt zu verdanken, denn hier ist Mawer nicht der Erste, der über die Verquickungen von England und Résistance schreibt. Allerdings dürfte es nur wenige Romane geben, die den Anteil Fédéric Joliot-Curies und seiner Mitarbeiter am Bau der Atombombe näher beschreiben. Dabei tritt der Wissenschaftler selbst in diesem Buch nicht auf, auch seine Rolle in der Résistance findet keine Erwähnung. Daß er seine Forschungsergebnisse vor den Deutschen in Sicherheit brachte und nach England schmuggelte, wird als bekannt voraus gesetzt.

Das Besondere an diesem Buch ist vor allem die Art und Weise, in der die Protagonisten geschildert werden, wie ihre Beziehungen untereinander wirken. Im Vordergrund stehen nicht grandiose Taten, sondern eher die Gefühle der Mitwirkenden, auch wenn das Buch ein durchaus angemessenes Maß an Action enthält.

Dieser Roman ist nicht kuschelig, kein entspannendes Leseerlebnis. Er beschreibt eine zwar längst vergangene, aber noch immer bittere Realität. Ein Roman mit ganz außergewöhnlichen Qualitäten.

Die Frau, die vom Himmel fiel

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