Die Vermessung der Welt

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 2005, Titel: 'Die Vermessung der Welt', Originalausgabe

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Dirk Jaehner
Ein literarisches Fernduell zweier Naturwissenschaftler - groß

Buch-Rezension von Dirk Jaehner Okt 2012

Kurzgefasst:

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, kostet Gifte, zählt Kopfläuse, kriecht in Erdlöcher, besteigt Vulkane und begegnet Seeungeheuern und Menschenfressern. Der andere, der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren - er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt. Alt, berühmt und ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin. Doch kaum steigt Gauß aus seiner Kutsche, verstricken sie sich in die politischen Wirren Deutschlands nach dem Sturz Napoleons.

 

Das geht ja gut los. Der große Mathematiker Carl Friedrich Gauß bekommt eine Einladung des großen Naturforschers Alexander von Humboldt nach Berlin. Aber er will nicht. Widerspenstig, wie nur kleine Kinder oder alte Menschen es sein können, lässt sich Gauß in einer Kutsche nach Berlin verfrachten. Dort angekommen, lässt er die Begrüßung durch von Humboldt und einem gewissen Herrn Daguerre platzen: Er will sich nicht eine Viertelstunde nicht rühren dürfen, bloß weil ein unbekannter Franzose diese Pose mit einem seltsamen Holzkasten auf eine Glasscheibe bannen will. Als ein Straßenpolizist die unerlaubte Ansammlung im Hof der Akademie der Wissenschaften auch noch auflösen will, platzt dem cholerischen Mathematiker endgültig der Kragen: Er windet sich aus Humboldts Griff und verschwindet in sein Quartier. Das Foto von Daguerre ist indes misslungen.

Nur 16 Seiten braucht Daniel Kehlmann, um die beiden wichtigsten Wissenschaftler ihrer Zeit zu charakterisieren: Alexander von Humboldt ist der große Naturwissenschaftler, der alle seine Einfälle von einem Sekretär notieren lässt, aber außerhalb seines akademischen Lebens nur wenig zurechtkommt. Carl Friedrich Gauß ist der Choleriker, der darunter leidet, dass niemand so schnell denkt und begreift wie er.

Meister der indirekten Rede

In den folgenden Kapiteln beschreibt Kehlmann, wie beider wissenschaftliches und privates Leben verlief - bis zu dem erwähnten Treffen in Berlin (das in Wirklichkeit nicht stattgefunden hat). Dass Kehlmann konsequent indirekte Rede verwendet, ist rhetorisches Stilmittel der hinterhältigen Art: Dadurch wahrt er eine gewisse Distanz, durch die der Humor noch deutlicher hervortritt und eine ironische Qualität bekommt. Das hätte auch schiefgehen können - welcher Schriftsteller will sich heute denn noch mit Konjunktiven herumschlagen? Doch Kehlmann, der Meister der Sprache, gibt sich keine Blöße: Seine indirekte Rede ist ohne Fehl und Tadel.

Parallele Leben

Aber nicht nur die Sprache beherrscht Kehlmann, auch die Struktur. Dem Eröffnungskapitel, das den Besuch Gauß´ in Berlin schildert, folgt eine Reihe Rückblendekapitel, die immer abwechselnd von Humboldts und Gauß´ Leben von der Kindheit an schildern. Wie sie zu dem wurden, was sie sind. Die Rückblenden enden mit dem Besuch in Berlin. Von da an verlaufen die Lebensgeschichten beider parallel, ohne dass sich beide noch einmal treffen. Beide setzen ihre Forschungen fort und haben jeweils die Forschungen des anderen im Hinterkopf, und das so gut, dass mehr als ein Mal so etwas wie eine telepathische Verbindung zu entstehen scheint. So kommt es, dass Kehlmann beider Erlebnisse in nahezu den gleichen Worten schildern kann. Eine virtuose Umsetzung des antiken These-Antithese-Synthese-Prinzips.

Am Ende wird klar, dass beide Forscher die Welt auf ihre eigene Weise vermessen haben: der reisefaule Gauß mittels Berechnung, der reisefreudige Humboldt durch eigene Anschauung und Kartografierung. So hat Kehlmann in seinem strukturell und erzählerisch höchst gelungenen Buch zwei bedeutenden Wissenschaftlern ein literarisches Denkmal gesetzt, die im Bewusstsein der Öffentlichkeit nur durch einen grünen Bier-Werbe-Segler ("Alexander von Humboldt") und der auf dem alten 10-DM-Schein abgebildeten statistischen Kurve ("Gauß'sche Normalverteilung") gegenwärtig sind.

Die Vermessung der Welt

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Letzte Kommentare:
02.03.2015 13:51:52
venatrix

Eine grandiose Idee von Kehlmann die Biographien beiden Wissenschaftler C.F. Gauß und Alexander von Humboldt wie in der Doppelhelix miteinander zu verschränken.
Viele Stellen sind historisch nicht belegt, was aber dem Gesamtwerk keinen Abbruch tut.
Interessant ist auch, dass der Roman mit nur ganz wenigen Dialogen auskommt, ohne langatmig zu wirken. Der Autor verwendet die „indirekte Rede“ gleichsam als Stilmittel und als „Fernrohr“.
Mit hat das Buch sehr gut gefallen.
Allerdings habe ich anschließend die Biographien von CFG und AvH gelesen, die das eine oder andere in die richtige historische Dimension gerückt haben.