Immerwahr

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • dtv, 2007, Titel: 'Immerwahr', Originalausgabe

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Almut Oetjen
Clara und der Gasmann

Buch-Rezension von Almut Oetjen Okt 2012

Kurzgefasst:

Im April 1901 hat Fräulein Dr. Clara Immerwahr mit dreißig Jahren den Höhepunkt ihrer akademischen Karriere erreicht: Sie ist unbezahlte Laborassistentin in Breslau. Auf einem Kongress begegnet sie Dr. Fritz Haber. Den ersten Heiratsantrag lehnt sie ab, aber dann erhört sie den ehrgeizigen jungen Chemiker. 1914 arbeitet Haber an der Entwicklung von Kampfgas. Den Einsatz an der Westfront überwacht er persönlich und kehrt als bejubelter Held in die Heimat zurück. Aber Clara kann sich über den Tod von über zwanzigtausend Menschen nicht freuen. Sie leidet darunter, dass ihre Wissenschaft jetzt dem Krieg dient.

 

Am 1.5.1915, zehn Tage nach dem ersten deutschen Giftgaseinsatz an der Westfront, feiert Fritz Haber, der Leiter des Giftgasprojekts im Kriegsministerium, seine Beförderung zum Hauptmann der kaiserlichen Infanterie. Zur gleichen Zeit erinnert sich seine Ehefrau Clara in ihrem Zimmer an ihr Leben, dem sie im Verlauf der Nacht mit der Dienstwaffe ihres Mannes ein Ende setzt.

Zwei Menschen in der Kaiserzeit

Clara Immerwahr (21.6.1870-2.5.1915), studierte als erste Frau in Deutschland Chemie und wurde 1900 an der Universität Breslau in Physikalischer Chemie promoviert. Arbeiten konnte die Dreißigjährige jedoch in der Wissenschaft nur als unbezahlte Laborassistentin ihres Professors. Sie heiratete 1901 ihren Jugendfreund, den deutschnationalen, zum Protestantismus konvertierten Juden Fritz Haber (1868-1934). 1902 wurde der gemeinsame Sohn Hermann geboren. Clara konnte eine zeitlang gemeinsam mit Fritz arbeiten. Fritz veröffentlichte 1905 ein Lehrbuch "Die Thermodynamik technischer Gasreaktionen", das er Clara widmete und in dem er sich für ihre stille Mitarbeit bedankte. Sie selbst gab kostenlose Vorlesungen für Frauen, so beim Breslauer Verein Frauenwohl, musste sich bald aber nur noch um Haus und Kind kümmern.

Fritz wurde 1911 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin. In Verbindung damit wurde er zum Professor an der Universität Berlin ernannt und Mitglied der Preussischen Akademie der Wissenschaften. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges entwickelte er im Auftrag des Kriegsministeriums chemische Kampfstoffe. Mit seiner Ernennung zum Abteilungsleiter übernahm er die wissenschaftliche Verantwortung für das Kampfgaswesen. Clara lehnte die Arbeit als "Perversion der Wissenschaft" ab.

Fritz überwachte an der Westfront den ersten Einsatz von Giftgas, bei dem zu Beginn der Ypern-Offensive in Flandern (22.4.-25.5.1915) durch Chlorgas mehr als 5.000 französische Soldaten ums Leben kamen und ungefähr 10.000 Soldaten verletzt und teilweise bleibend entstellt wurden. Fritz wurde befördert und als Held gefeiert. Zurück in der Dienstvilla in Berlin-Dahlem, erzählte er Clara davon, die sich in der Nacht zum 2. Mai 1915 das Leben nahm. Fritz ging wieder an die Westfront. Er erhielt 1918 den Chemie-Nobelpreis für seine Beiträge zur Synthese von Ammoniak.

Ein gesellschaftliches und ein privates Drama

Sabine Friedrich entwickelt in Immerwahr ein Zeitbild, in dem gesellschaftliche und politische Zwänge auf Clara und Fritz wirken. Die Erinnerungen reichen von Claras Kindheit auf dem elterlichen Gut in Breslau über die Zeit an Schule und Universität bis in Claras Gegenwart. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den von der Norm abweichenden Vorstellungen Claras und ihren Bemühungen, gegen vielfältige gesellschaftliche und individuelle Widerstände einen eigenen Lebensentwurf umzusetzen.

Claras Ehemann entspricht dem Rollenbild eines Patriarchen und behindert seine Frau in der persönlich gewünschten Entwicklung ebenso wie eine Gesellschaft, die Frauen nur in ihrer traditionellen Rolle akzeptiert. Während der Flitterwochen wird Clara schwanger, wodurch sich ihr Traum von der Arbeit als Chemikerin erledigt, was dem Roman gemäß auch Fritz nicht gefällt. Der gemeinsame Sohn ist kränklich, bisweilen auch der Gatte. Fritz betreibt die für den engagierten Wissenschaftler typische Selbstausbeutung, die ihn an die gesundheitlichen Grenzen treibt, letztlich aber Früchte trägt. Clara wird irgendwann zu Mastkuren geschickt, bekommt Brom zur Ruhigstellung, leidet unter Erschöpfungszuständen, wird mit Laudanum behandelt. Die Erschöpfungszustände bleiben Clara erhalten, das Körpergewicht entwickelt sich nach oben.

Instanzen der Erzählung

Sabine Friedrich präsentiert uns mehrere Instanzen der Erzählung und Erinnerung. In Ergänzung der subjektiven Perspektive Claras gibt es eine nicht genannte Instanz, die alles weiß und die Erinnerungen kommentiert. Diese allwissende Instanz liefert Informationen aus der Zeit seit Claras Geburt, über Ereignisse, die Clara nicht bewusst (deutsch-französischer-Krieg) oder gar nicht (Gespräche) miterlebt hat. Eine weitere Dimension bekommt die Erzählung durch Gedichte, Lieder und andere Texte, die Bestandteil von Claras Erinnerungen oder diesen durch die allwissende Instanz dazwischengesetzt sind. Dazu gehören Gedichte von Ludwig Amandus Bauer und Karoline von Günderode, ein Auszug aus Goethes Stück "Die natürliche Tochter", Schillers Glocke, das antisemitische Borkumlied und alte Volkslieder.

Die Frau am Fenster

Die Hoffnung ist dahin, hat sich aufgebraucht. Clara steht vor dem Fenster und erinnert sich, während unten im Salon gefeiert wird. Ist es die Art von Erinnerung, die am Ende eines Lebens steht? Immer wieder werden Claras Erinnerungen vom Lärm der Heldenfeier im Salon unterbrochen, und Clara fragt sich, ob sie nicht nach unten gehen solle, das Personal anleiten, mitfeiern, es sei auch ihr Zuhause. Claras Schmerz ist auch Anklage der Verhältnisse, die schicksalhaft ihr Leben in seinen Möglichkeiten zu beschränken scheinen. Oder hätte sie doch anders leben können? Welche Wahlhandlungen hat sie getroffen, aus welcher Entscheidungsmenge sich bedient? Sie ist während ihrer Erinnerungen unsicher, versucht die Geräusche im Erdgeschoss als Mittel zu nutzen, ihrer dramatischen Situation, die sich hin zur unumkehrbaren Entscheidung entwickelt, eine Wende zu geben. Friedrich stilisiert Clara nicht zu einem eindeutigen Opfer.

Fazit

Immerwahr ist eine kurze, nicht immer einfach zu lesende Lektüre, weil der Text stark fragmentiert ist und bisweilen wie Geschosssalven wirkt. Im Anhang gibt es ein paar Sätze zur Entstehung des Buchs, zur weiteren Entwicklung von Fritz und Hermann, eine Einschätzung der Autorin und Literaturhinweise. Die Autorin nimmt eine Person der Geschichte, verdichtet sie entlang historischer Fakten und eigener Gedanken zu einer fiktionalen Figur und lässt diese Figur ihre Gedanken in einem interessanten Kammerstück entfalten.

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