Blutiger Sommer

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Grafit, 2012, Titel: 'Blutiger Sommer', Originalausgabe

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65

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Annette Gloser
Satanische Begierden in Berlin

Buch-Rezension von Annette Gloser Okt 2012

Kurzgefasst:

Berlin 1846: Rachel Grünblatt und ihr Mann Justus von Kleist werden Zeuge, wie eine Achtzehnjährige massiv bedroht wird, und schlagen den Mann in die Flucht. Haben sie das Allerschlimmste verhindert? Denn im Scheunenviertel geht derzeit ein Mörder um, der Frauen regelrecht abschlachtet. Justus von Kleist steht deswegen als leitender Ermittler gehörig unter Druck. Dennoch weigert er sich, einen jüdischen Metzgergesellen in Haft zu nehmen. Der verfügt zwar über die anatomischen Kenntnisse, die der Mörder zweifellos haben muss, aber er hat ein Alibi. Das schert Polizeipräsident Eugen von Puttkamer und die königstreuen Vaterländischen Vereine wenig sie wollen einen jüdischen Schuldigen, um die mächtigen Salonjuden, die bei Hof verkehren, zu diffamieren. Kleist wird suspendiert. Als eine junge Adelige Opfer des grausamen Mörders wird, veranlasst König Friedrich Wilhelm IV., dass Kleist wieder eingesetzt wird. Der erfährt nun, dass der Täter auch in anderen Städten eine blutige Spur hinterlassen hat, und stellt ihm eine Falle. Nicht ahnend, dass er damit Rachel in tödliche Gefahr bringt ...

 

Beim Baden in der Havel wird eine junge Frau von einem Mann bedrängt. Ihre Kleider werden gestohlen. Auf der Flucht vor ihm ertrinkt sie fast und läuft dem Ehepaar von Kleist vor die Kutsche. Justus von Kleist, Polizeidirektor in Berlin, kümmert sich um das Mädchen. Allerdings hat er auch noch andere Sorgen, denn in Berlin treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der es auf Frauen jeder Gesellschaftsschicht abgesehen hat und der seine Opfer schrecklich verstümmelt.

Nachdem das erste Opfer im Scheunenviertel gefunden wurde, geraten schnell die dort lebenden Juden unter Verdacht. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden und dem Polizeipräsidenten von Puttkamer kommt ein Jude in diesem Fall gerade recht als Sündenbock. Auch als sich herausstellt, dass der junge Mann die Taten überhaupt nicht begangen haben kann, hält Puttkamer an seiner Theorie fest.

In der Zwischenzeit bemüht sich Polizeidirektor Kleist, den wahren Mörder zu fassen und gleichzeitig den anderen Mann zu stellen, der schon viele Frauen beim Baden abgefasst und vergewaltigt hat. Schnell gerät er in Konflikt mit seinem Vorgesetzten, denn dieser ist in seinem Antisemitismus derart verblendet, dass er völlig skrupellos alle anderen Argumente zur Seite schiebt und versucht, Kleist kalt zu stellen.

In der Zwischenzeit genießt Rachel von Kleist zwar ihre wunderschöne Villa am Potsdamer Jungfernsee, aber sie langweilt sich auch schrecklich. Sie beginnt, Zeitungsartikel zu sozialen Fragen zu verfassen und nimmt Kontakt zu einem Journalisten auf, der ihr bei der Veröffentlichung behilflich sein soll. Gerade dieser Journalist ist jedoch schon als Verdächtiger im Fall der Mordserie in den Fokus der Polizei geraten, denn bei zwei der Leichen wurde Druckerschwärze gefunden. Rachel gerät in höchste Gefahr.

Am Rande der Karikatur

Der Roman führt in das Jahr 1846 zurück. Besonders in den ersten Kapiteln wird deutlich, wie groß das Elend der Bevölkerung ist und wie die Stimmung im Land sich immer mehr gegen die Herrschenden richtet. Deutlich zu spüren sind die Vorboten der Revolution von 1848 und die Atmosphäre des Misstrauens bei den Bürgern. Auch die Beschreibungen der Stadt aus dieser Zeit sind durchaus gelungen. Allerdings ist der knappe und teilweise schon fast gehetzte Schreibstil doch sehr gewöhnungsbedürftig. Sehr sympathisch und ein wenig verschroben der Gerichtsmediziner Dr. Casper, der immer wieder einmal mit einem Bonmot glänzt.

Allerdings erschaffen Wollenhaupt und Grenz in Blutiger Sommer auch Protagonisten, die z.T. hart an der Grenze zur Karikatur agieren. Hier sei vor allem Polizeipräsident von Puttkamer genannt. Aber auch mit Justus von Kleist entstand ein Charakter, der in seiner Vollkommenheit eher unglaubwürdig ist. Hier wurde sozusagen die Perle der preußischen Beamtenschaft gebastelt: gebildet, kulturell offen, netter Vorgesetzter, konstruktiver Teamplayer, liebevoller Ehemann mit Verständnis für die Bedürfnisse der Frau Gemahlin, ehrlich, gutaussehend usw...

Um so erstaunlicher, dass besagte preußische Perle sich im Gespräch mit dem Antisemiten Puttkamer folgenden Ausrutscher erlaubt:

 

 

"Der Vater meiner Frau ist ein jüdischer Geschäftsmann und ihre Mutter ist eine Ur-Deutsche mit blonden Haaren."

 

Und der jüdische Vater der jungen Frau ist offensichtlich kein Deutscher.

Gut gemeint, nicht gut gemacht

Letztendlich ist der gesamte Themenbereich Juden und Judentum ausgesprochen nachlässig bearbeitet worden. Sehr schade, da dieses Thema im Buch eine tragende Rolle spielt. Jüdische Leser, die vielleicht gerade wegen dieser Thematik nach dem Buch greifen, werden zumindest mit Kopfschütteln und Unverständnis auf viele Aussagen reagieren.

Das fängt an mit einem Kohen, der sich ganz selbstverständlich den Liebesdiensten einer Bordsteinschwalbe hin gibt. Es setzt sich fort mit einer äußerst kreativen Interpretation der Kashrut-Gesetze. Und nicht das Ende der Fehltritte, wohl aber krönender Höhepunkt, ist Rabbi Feingold, mit dem die Autoren einen kultivierten, feinsinnigen, frei denkenden Rabbiner geschaffen haben, wie ihn sich multikulturell geschulte Bürger heutzutage vorstellen. Diesen Rabbiner nun lassen die Autoren über sich selbst sagen:

 

 

"Als Geistlicher kann ich das Gespräch sozusagen mit einer Art Beichtgeheimnis umgeben."

 

Wenn irgendein unwissender preußischer Bürger einen Rabbi als Geistlichen bezeichnet, dann mag das noch hingehen. Die Autoren sollten es jedoch besser wissen und solche Worte nicht dem Rabbiner selbst in den Mund legen. Zugleich vertritt besagter Rabbi Feingold derart liberale Auffassungen, dass wohl selbst der Rabbi einer Reformgemeinde im Jahre 2012 seine Schwierigkeiten damit hätte. Hier entfernt sich das Buch weit von der Realität. In diesem Bereich des Buches zeigt sich deutlich, dass hier nicht ausführlich recherchiert wurde. Ein wenig Allgemeinbildung, guter Wille und ein paar jiddische Sprüche für's Lokalkolorit reichen nicht aus um hier die Fettnäpfchen zu vermeiden.

Sollten die Autoren weitere Bücher zu diesem Themenkreis planen, so sei ihnen dringend fachkundige Beratung empfohlen.

Spannung durchaus vorhanden

Dieser Krimi kann richtig spannend sein. Allerdings zerfasert sich die Handlung gelegentlich durch die zwei parallel laufende Ermittlungen. Dies allerdings ist ja sehr realistisch, denn welcher Polizist hat schon einen einzigen Fall an dem er werkeln darf, bis dieser Fall abgeschlossen ist und dann erst gibt's den nächsten? Schade, dass es bei den Protagonisten so wenig Schattierungen gibt. Sie sind entweder gut oder böse - und das hat der Leser auch schnell begriffen.

Wie Justus von Kleist und seine Polizisten an die Lösung der Fälle heran gehen mag auf uns teilweise dilettantisch wirken, entspricht aber durchaus den Gegebenheiten der Zeit. Auch die Motivation des Serienmörders und seine psychotische Veranlagung sind zwar krank, aber spannend und realistisch. Hier kann es einem durchaus die Schauer über den Rücken treiben.

Ein netter Krimi für ein, zwei spannende Abende. Menschen, die sich mit der jüdischen Kultur auskennen, sollten die Finger von dem Buch lassen.

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Letzte Kommentare:
09.01.2013 16:08:27
Beate Landjäger-Phillip

Also, ich find den Krimi toll. Die Autoren haben eine spannende Geschichte in eine interessante Zeit verlegt. Und dass gut recherchiert worden ist, zeigen die nachprüfbaren Fakten der Personen, die wirklich existiert haben. Schon der erste Teil "Leichentuch und Lumpengeld" hat mir ausgesprochen gut gefallen. Ich fieberte dem zweiten Teil echt entgegen. Auch die Judenfrage und der Antisemintismus ist für mich nachvollziehbar beschrieben worden. Es ging ja bei dem Buch nicht um die jüdische Kultur, sondern um eine spannende Story in einer vergangenen Zeit, die man als Autor ja für die heutigen Leser interessant machen will. Und das ist den beiden Autoren gut gelungen. Der lakonische Schreibstil macht das Lesen zu einem temporeichen Vergnügen. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen.