Scharlatan

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Hoffmann & Campe, 2012, Titel: 'Scharlatan', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Daniela Loisl
Ereignisreich, bildhaft, innovativ - noch besser als das Erstlingswerk

Buch-Rezension von Daniela Loisl Okt 2012

Kurzgefasst:

Hamburg, 1706. Der Advokat Hinrich Wrangel bricht zu einer brisanten Mission nach Königsberg auf. Doch dort wird seine Kutsche überfallen, er verschwindet spurlos. Nur seine Frau Ruth ist überzeugt, dass er noch lebt. Ihre gefahrvolle Reise durchs kriegsgebeutelte Europa führt bis nach St. Petersburg und ruft mächtige Feinde auf den Plan.

 

Hamburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Der Advokat Hinrich Wrangl wird von einem Freund zu einer brisanten Mission gerufen und muss dafür verreisen. Seine Frau Ruth lässt er zurück, obwohl sie ihn unter allen Umständen begleiten will. Auf der Reise wird seine Kutsche überfallen und Hinrich verschleppt. Alle halten ihn für tot, nur Ruth ist sich sicher, dass er noch lebt und macht sich selbst auf die Suche nach ihm, nicht ahnend, welch langen und beschwerlichen Weg sie noch vor sich hat und welcher Gefahr sie sich aussetzt...

Die zweite historische Justizakte

Schon mit Schandweib hat die promovierte Historikerin Claudia Weiss einen interessanten historisch belegten Fall als Grundlage für ihren Roman herangezogen und damit den Leser auf Anhieb für sich gewonnen. Gab es in ihrem Debütroman noch die eine oder andere Kleinigkeit, die man vielleicht gerne etwas anders gelesen hätte, so ist in Scharlatan schnell erkennbar, dass die Autorin sich weiter entwickelt hat.

Aus der knapp 300 Jahre alten Akte hat die Autorin den damaligen großen Persönlichkeiten nochmals Leben eingehaucht und ihnen weitere fiktive Figuren zur Seite gestellt, um aus dem alten angestaubten Fall eine rasante, spannende und abenteuerliche Geschichte zu weben.

Historische und fiktive Figuren perfekt in Szene gesetzt

Hinrich Wrangel und seine Frau Ruth sind die Protagonisten dieses tempo- und ereignisreichen Romans, und Leser, die auch Schandweib gelesen haben (was keine Voraussetzung ist, um der aktuellen Geschichte folgen zu können), treffen auf alte Bekannte. Über den jungen Eheleuten schweben dunkle Wolken. Ruth sieht sich in die Rolle der Hausfrau gedrängt, vermisst das aufregende Studentenleben und auch der Kindersegen bleibt aus. Als Hinrich von seinem alten Freund und Mentor Thomasius um seine Hilfe gebeten wird, beschließt dieser der Bitte nachzukommen und reist allein nach Königsberg. Ruth, schon bei der Abreise von Hinrich von einer düsteren Vorahnung behaftet, erfährt Wochen später, dass ihr Mann bei seiner Weiterreise überfallen wurde. Man findet zwar keine Leiche, ist sich aber sicher, dass er getötet wurde. Nur Ruth kann dies nicht glauben und macht sich mit ihrem alten Diener Jurek auf den Weg, um ihren verschollenen Mann zu suchen.

Ins Rollen gebracht wird die Tragödie durch die Winkelzüge der Mächtigen. Patkul, ein Diplomat, bekannt dafür, dass er sich auf die Seite positioniert, die ihm den größten Vorteil verschafft, fällt beim sächsischen König in Ungnade und wird gefangen genommen. Dieses Ereignis ist die Grundlage für alle anderen Geschehnisse und dort laufen auch alle Fäden zusammen. Das Zusammenspiel der belegten und fiktiven Figuren hat Weiss gekonnt gemeistert, sodass nicht ein einziges Mal infrage gestellt wird, ob alles nicht vielleicht genauso geschehen ist.

Spannung zum Nägel kauen

Mehrere Erzählstränge führen durch die Geschichte und halten durch den ständigen Perspektivwechsel von Patkul zu Ruth oder zu Hinrich den Spannungsbogen stets straff gespannt. Die Reise führt ins ferne Russland und die Autorin spielt hier ihren großen Trumpf aus: Ihr immenses Fachwissen kommt dadurch zum Ausdruck, dass Ruths Reise ein wahres Panoptikum an authentischen Eindrücken hinterlässt. Die beschwerliche Fahrt mit der Kutsche endet dort, wo es keine befestigten Straßen gibt und ein Weiterkommen nur mehr zu Pferde möglich ist. Man ist ständig an Ruths Seite und erlebt mit, wie eisig kalt es mitunter wird, wie schwierig das Gelände ist und mit welcher Vorsicht man Fremden begegnen muss. Es scheint beinah, man ist selbst mit von der Partie, so bildhaft zeichnet Claudia Weiss die weite Reise. Mit Hinrich hingegen sieht der Leser mit eigenen Augen wie das später so berühmte Sankt Petersburg entsteht, das der Zar von Gefangenen unterschiedlichster Nationen auf sumpfigem Gelände aus dem Boden stampfen lässt.

Doch nicht nur der weite Weg und die fremden Länder halten die Geschichte auf Trab, sondern auch das ständige Bewusstsein, dass jemand unbekannter im Hintergrund geschickt die Fäden für all die dramatischen Ereignisse zieht. Wer aber dies sein soll, bleibt lange im Dunkeln.

Steigerung zum Erstling

Die knapp 600 Seiten sind schnell gelesen, denn das Buch, einmal zur Hand genommen, legt man nur mehr schwer wieder zur Seite.

Im Vergleich zu Schandweib ist dieser Roman noch ereignisreicher, bunter und vielfältiger. Sprachlich konnte die Autorin schon im ersten Roman punkten und auch hier macht sie es dem Leser leicht, in die Geschichte hineinzufinden und gar nicht mehr heraus zu wollen.

Claudia Weiss hat mit diesem Buch einen weiteren innovativen und lesenswerten historischen Roman geschaffen, den man nur allzu gerne weiter empfiehlt. Man darf gespannt auf weitere Werke der Autorin hoffen.

 

 

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