Verdis letzte Versuchung

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • C. Bertelsmann, 2012, Titel: 'Verdis letzte Versuchung', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Daniela Loisl
Musikgenie Verdi zwischen zwei Frauen

Rezension von Daniela Loisl Sep 2012

Kurzgefasst:

Giuseppe Verdi und seine Frau Giuseppina galten als ein glückliches Ehepaar, als er die Sopranistin Teresa Stolz kennenlernte - ausgerechnet bei Proben zu "Die Macht des Schicksals". Giuseppina, einst selbst eine umjubelte Primadonna, musste erdulden, dass die junge Diva immer wichtiger wurde für ihren Mann. 1871 trennte Teresa sich von ihrem Verlobten, 1872 sang sie in der italienischen Erstaufführung die "Aida". Von da an spitzte sich das Drama zu. Von Giuseppina zur Entscheidung genötigt, protestierte Verdi: "Diese Frau bleibt, oder ich erschieße mich." Es passierte, was Verdi ein Leben lang vermeiden wollte: Sein Privatleben wurde Anlass für Klatsch, Gerüchte und Schlagzeilen. Doch schließlich verbrachten sie ihre Urlaube zu dritt. Giuseppina bedachte die Konkurrentin sogar in ihrem Testament.

 

Italien 1868. Giuseppe Verdi ist am Höhepunkt seiner Schaffenskraft und die Ehe mit Giuseppina gilt als glücklich. Als Verdi die Sopranistin Teresa Stolz trifft - und vor allem singen hört - beschließt er, dass von nun an nur mehr sie seine Arien singen soll. Doch Giuseppina wittert schnell Gefahr durch die junge Künstlerin, die zu dieser Zeit wohl selbst noch nicht ahnt, auf welch ungewöhnliche Konstellation das alles hinausläuft. Und Verdi, der stets erpicht darauf war, sein Privatleben auch privat sein zu lassen, kommt plötzlich ins Gerede, denn eine Beziehung zu dritt ist alles andere als alltäglich.

Eine eigene Welt - die Musik

Wie schon in Konzert für die linke Hand oder Das nackte Leben taucht man auch in diesem Buch von Lea Singer wieder ein in die Welt der Musik. Giuseppe Verdi steht hier im Zentrum des Geschehens, aber nicht, um einmal mehr seine musikalische Gabe herauszuheben, sondern um auch Einblick in seine private Welt zu bekommen, die er sich selbst apodiktisch geschaffen hat.

Er, Verdi, dessen Wort unumstößlich ist, der andere verletzt und demütigt, keine Rücksichtnahme kennt, seinen Willen stets durchzusetzen weiß und letztendlich auch immer bekommt was er will: Ihn hat die Autorin in die Mitte gerückt und veranschaulicht mit diesem Buch einen privaten und leisen Kampf zweier Frauen um die Gunst des tyrannischen Genies.

Giuseppina, seine zweite Ehefrau, begleitet ihn zum Beginn der Erzählung schon seit über zehn Jahren, als eine Rivalin, die Sopranistin Teresa Stolz, die Bildfläche betritt. Zu diesem Zeitpunkt ahnen weder Verdi noch Teresa, was die Zukunft noch bringt, nur Giuseppina hat das untrügliche Gespür einer liebenden Frau, dass ihrer Beziehung Gefahr droht.

Teresa Stolz, verlobt mit Mariani, dem Dirigenten der Mailänder Scala, ist für Verdi die perfekte Stimme und nur mehr sie soll in seinen Opern singen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Verdi sie (und auch ihren Verlobten) immer wieder auf sein Landgut Sant´Agata einlädt.

Drei Protagonisten, drei Perspektiven

Verdi, Giuseppina (von Verdi "Peppina" genannt) und Teresa, jeder dieser drei Personen hat eine andere Sichtweise der Dinge und Lea Singer gewährt dem Leser Einblicke in die intime Gedankenwelt jedes einzelnen. So ist dieses Buch in drei Erzählstränge bzw. Perspektiven eingeteilt, in die der Leser abwechselnd eintauchen darf. Mit der Namensbezeichnung der jeweiligen Person wird eingeleitet, wen man im neuen Kapitel begleitet.

Die Autorin hat sich bemüht, jede ihrer Figuren mit dem ihr eigenen, zum jeweiligen Charakter passenden, Worte erzählen zu lassen. So wird spürbar, welche Ängste Giuseppina aussteht, welche Selbstzweifel sie verfolgen, aber auch mit welchem diplomatischen Geschick sie es versteht, für Verdi unentbehrlich zu sein. Aber es wird auch deutlich, dass sie sich in vielerlei Hinsicht selbst belügt.

Teresa, jung und ehrgeizig, lässt alles auf sich zukommen und genießt die Aufmerksamkeit die Verdi ihr anheim kommen lässt. Und Verdi selbst? Er bleibt sich selbst treu, sieht alles rein pragmatisch, pocht auf seine Wünsche und schert sich keinen Deut um die Gefühle der anderen.

 

Es ist lächerlich, dass Peppina jetzt auf einmal gegen die Stolz eifert. Mir tut sie einfach gut. Sie bringt Vitalität mit und beste Laune.

Einige Wiederholungen

Gelingt es Singer auch, jede Figur mit viel Feingefühl lebendig werden zu lassen, und durch deren Erzählungen einen breiten und interessanten Blick auf das Leben des Musikgenies zu gewähren, so passiert es dennoch, dass sich viele Begebenheiten wiederholen und so den Leser etwas ermüden. An Ereignissen gibt es nicht so viel, dass die Geschichte damit vorwärts getrieben werde. Zu sehr ist jede Figur damit beschäftigt, zu analysieren, zu reflektieren und zu spekulieren. So passiert es, dass man zuerst z.B. von Giuseppina erfährt, wie sie die Ankunft Teresas auf ihrem Langut sieht und empfindet, so ist beim Wechsel der Perspektive zu Teresa dieselbe Begebenheit nochmals in etwas abgewandelter Form und mit deren Augen zu lesen.

Sprachlich höchstes Niveau

Lange - gekonnt verwobene - Schachtelsätze, sprachliche Vielfältigkeit, geschickt gesetzte Akzente von hohem Niveau kennzeichnen auch dieses Buch der Autorin. Der Text ist gespickt mit Zitaten aus Tagebüchern und Briefen, welche Singer so einfühlsam mit ihrer eigenen Erzählweise ummantelt und ergänzt hat, dass die Konturen zum Fiktiven regelrecht verschwimmen.

Fordert das Buch bei dem einen oder anderen Leser doch etwas an Durchhaltevermögen, so wirkt die Konstellation in der Lea Singer diese Dreiecksbeziehung veranschaulicht, absolut authentisch und nachvollziehbar. Ein stilles, leises Buch voller sprachlicher und erzählerischer Kraft, das nicht nur für Liebhaber und Kenner Verdis eine Bereicherung sein wird.

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