Die Hurenkönigin

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Ullstein, 2012, Titel: 'Die Hurenkönigin', Originalausgabe

Couch-Wertung:

89
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Eva Schuster
Eine Hure mit Herz ermittelt

Rezension von Eva Schuster Sep 2012

Kurzgefasst:

Frankfurt 1511: Am Gedenktag von Maria Magdalena wird die Leiche der Hübscherin Roswitha entdeckt. Ursel Zimmer, die Vorsteherin der städtischen Hurengilde, findet heraus, wer der letzte Freier war. Doch als man seiner habhaft wird, beteuert der verzweifelte Mann, er habe nur einen Auftrag erfüllt. Er erwähnt einen geheimnisvollen Ring, der die Hurenkönigin zwar auf eine heiße Spur bringt, sie aber auch höchster Gefahr aussetzt ...

 

Frankfurt, 1511: Die Hübscherinnen des Frankfurter Hurenhauses machen sich Sorgen um eine von ihnen - Roswitha ist seit mehreren Tagen verschwunden. Kurz darauf wird ihre schrecklich zugerichtete Leiche aus dem Fluss gezogen - Rosi wurde vor ihrem Tod gefoltert. Die Frauen sind entsetzt, allen voran ihre Vorsteherin Ursel Zimmer. Die ehemalige Hure leitet nicht nur die Hurengilde, sondern ist den Frauen auch eine mütterliche Vertraute.

Der einzige Hinweis auf Rosis Mörder ist ihr letzter Freier, ein Hausierer. Doch es stellt sich heraus, dass er von einem Unbekannten den Auftrag erhielt, Rosi zu einem Treffpunkt zu bestellen. Auffällig war nur ein Ring des Mannes, der ihn als einen besonders frommen Marienverehrer auswies.

Unterdessen entdeckt man, dass Rosi an der "Lustseuche" Syphilis litt und weitere Huren erkrankt sind. Die Stadt gerät in Angst und Aufruhr, die Huren werden fortan von den Bürgern noch stärker geschnitten als ohnehin schon. Und während sie noch um Rosi trauern, verschwindet eine weitere von ihnen spurlos - die Hurenkönigin ahnt, dass jemand Jagd auf ihre Frauen macht. Sie ermittelt auf eigene Faust und gerät in größte Gefahr ...

Aus dem Frankfurter Dirnenleben

Bereits in Ursula Neebs vorherigem Roman Das Geheimnis der Totenmagd hatte die Hurenkönigin Ursel Zimmer einen kleinen Auftritt - diesmal ist sie die Hauptfigur des Romans und darf sich auch gleich als Detektivin betätigen.

Amateurermittlerinnen in historischen Romanen sind natürlich keine neue Erfindung, aber bei einer so gelungenen Figur wie Ursel Zimmer spielt das keine Rolle. Ursel Zimmer ist Anfang Fünfzig, eine immer noch reizvolle Frau und seit zwölf Jahren nicht mehr selbst als Hure tätig - seit sie in ihrem ehemaligen Freier Bernhard von Wanebach ihre große Liebe fand. Wie alle Huren, die verpflichtet sind, sich durch ein gelbes Gewand öffentlich kenntlich zu machen, erlebt sie die Verachtung vieler Bürger - doch der resoluten und zugleich warmherzigen Ursel Zimmer wird dennoch von mancher Obrigkeit wie dem Bürgermeister ein gewisser Respekt entgegen gebracht. Im weiteren Verlauf der Handlung erfährt der Leser aber auch etwas über Ursels Schwächen und sie ist beileibe nicht immer eine starke Frau. Das macht sie umso sympathischer und authentischer, sie ist keine Überfigur, die stets alle Fäden in der Hand hat, sondern kennt auch Ängste und Verzweiflung. Ihr besonnener Geliebter Bernhard ist eine gute Ergänzung zu ihrem eher energischen Charakter und auch die weiteren Frauen des Hurenhauses erhalten ein einprägsames Gesicht, vor allem die scharfsinnige Ingrid, die elegante Isolde und die alte Irmelin. Selbst Rosis Ehemann Josef, der im Frauenhaus als Knecht arbeitet, wird einem mit der Zeit sympathisch - dabei erscheint er anfangs vor allem als grober Kerl, der seine Rosi regelmäßig betrügt. Später verfeinert sich dieser erste Eindruck, Josef ist den Frauen mehr ein Freund als ein bloßer Arbeiter und er zeigt ein paar positive Facetten.

Viele historische Details

Neben den Charakteren haben die Schilderungen des zeitgenössischen Alltags ihren großen Reiz. Der Leser erfährt viele interessante Details, nicht nur über das historische Frankfurt, sondern erst recht über das Leben der Huren in jener Zeit. Das Leben wird alles andere als idealisiert, gerade die öffentliche Ächtung und das Problem der Syphilis werden anschaulich geschildert. Auch die religiösen Umstände im frühen 16. Jahrhundert, die medizinischen Methoden und kleine Details wie Kleidung, Essen oder Pflege- und Schönheitsmittel haben ihren Platz. Es ist offensichtlich, dass für den Roman aufwendig recherchiert wurde und ein möglichst detailgenaues und authentisches Bild von Frankfurt in jener Zeit entstehen soll. Auch die Sprache ist an die Epoche angepasst, die Figuren reden standesgemäß, was auch gewisse derbe Ausdrücke mit einschließt.

Spannung trotz geringer Schwächen

Die reine Kriminalhandlung hätte sicherlich noch etwas ausgefeilter ausfallen können, weder Motiv noch Täter sind am Ende extrem überraschend. Der Fokus des Romans liegt eher auf der Hauptfigur und den historischen Aspekten, obgleich er dennoch sehr spannend ist. Die straff gespannte Handlung ohne Längen und die Frage, wer von den Hübscherinnen womöglich noch sterben wird, halten den Leser im Bann. Das Schicksal der Frauen geht beim Lesen nah und vor traurigen Wendungen wird nicht zurückgeschreckt. Wer sich allerdings eine außergewöhnliche, unvorhersehbare Pointe erhofft, könnte ein wenig enttäuscht werden - eher ist der Weg das Ziel, die Frage, auf welche Weise die Hurenkönigin den Täter schließlich entlarven wird.

Ein bisschen übertrieben sind die ständigen Attribute, mit der einige der Frauen bedacht werden. Dass "die schlaue Grid" tatsächlich scharfsinnig ist, merkt der Leser rasch und es hätte von da an gereicht, sie stets mit Grid oder Ingrid zu benennen. Ähnliches gilt für "die alte Irmelin" und "die bayrische Agnes".

Unterm Strich ist Die Hurenkönigin ein hervorragender Roman mit einer höchst sympathischen Protagonistin, der viel Lust auf weitere Bände mit Ursel Zimmer macht. Den Leser erwarten eine spannende Handlung, viele historische Details aus dem Frankfurt des frühen 16. Jahrhunderts und gelungene Nebencharaktere.

 

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