Der Trafikant

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • , 2012, Titel: 'Der Trafikant', Originalausgabe

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90
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Daniela Loisl
Milieu- und Seelenstudie im Wien am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

Rezension von Daniela Loisl Sep 2012

Wien 1937. Der 17jährige Franz Huchel aus dem Burgenland wird zu seinem Onkel nach Wien geschickt, um bei ihm eine Lehre zum Trafikanten zu absolvieren. Die kleine Trafik (eine rein österreichische Bezeichnung für ein Tabakfachgeschäft ist, deren Handel mit Tabakwaren, Zeitungen, Papier- und Geschenkartikel und auch wer dieses Geschäft führen darf, durch die Monopolverwaltung genauestens geregelt ist) lebt von den Stammkunden und einer von ihnen ist kein geringerer als Sigmund Freud.

Zwischen dem jungen Franz und Freud entsteht so etwas wie eine Freundschaft und so ist es nur verständlich, dass Franz, der sich unsterblich in eine Tänzerin verliebt hat, den berühmten Psychoanalytiker aufsucht, um diesen um Rat zu fragen…

Ungewöhnliche Freundschaft

Robert Seethaler erzählt in dem gerade mal gut 200 Seiten umfassenden Buch eine außergewöhnliche Geschichte. Nicht die Begebenheiten selbst fallen so aus dem Rahmen, sondern die Begegnung zweier Figuren aus so unterschiedlichen Welten. Da wäre der junge Franz, der noch nichts von der Welt gesehen hat und sich auf einmal in Wien, in einer für ihn völlig fremden Umgebung, zurechtfinden muss. Und Sigmund Freud, einer der großen Denker seiner Zeit, berühmt für seine durch ihn bekannt gewordene Psychoanalyse.

In einer kleinen Trafik begegnet Franz das erste Mal dem Stammkunden Freud. Freud kauft in der Trafik von Franz` Onkel seine Zigarren und Franz ist von der Persönlichkeit Freuds sofort beeindruckt. Als Fritz die Varietétänzerin Anezka kennenlernt, verliebt er sich die diese, wohlwissend, dass sie einer gänzlich anderen Gesellschaftsschicht angehört. Mit seinen Liebessorgen wendet Franz sich nun an Freud.

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

Franz, der auch regelmäßig an seine Mutter schreibt und dieser auch von seiner Verliebtheit erzählt, stellt von nun an Anezka in den Mittelpunkt seines Lebens und seine Gedanken drehen sich nur um sie. Freud, der versucht, Franz in seiner Seelenqual zu helfen, hat aber mit der Analyse der weiblichen Gedanken und Handlungen auch so seine Probleme.

Scheint sich hier alles um eine unglückselige Liebe zu handeln, so täuscht dies aber gewaltig. Zwar dient Franz´ Liebe zu Anezka als "Aufhänger", aber im Grunde steht der Beginn des Zweiten Weltkriegs und die dadurch eingeleiteten Umbrüche im Fokus der Erzählung. Franz´ Onkel Otto Trsnjek hat viele Juden als Kunden, was weder seinen Nachbarn noch der Polizei verborgen bleibt. Als sich der Hass gegen die Juden auch in Wien immer mehr verstärkt, hat dies letztlich auch Folgen für Ottos Tabaktrafik und so auch für sein Leben.

Tiefgründige Erzählung

Seethaler zeichnet das Leben in Wien vor Ausbruch des Krieges auf beängstigend realistische Weise. Gehören Franz und sein Onkel auch nicht zu der ärmsten Gesellschaftsschicht, so müssen sie dennoch schauen, wo sie im täglichen Überlebenskampf bleiben.

Franz' Gespräche mit Freud, die Briefe an seine Mutter und auch die subtile Darstellung des sich einschleichenden Hasses auf die Juden sind mit seltenem Tiefgang dargestellt. Immer wieder schiebt der Autor Szenen ein, die vom Umbruch der Zeit zeugen. Das alte Wien und "die gute alte Zeit" gibt es nicht mehr. Neue Machthaber sind im Anmarsch und viele Bewohner meinen, der vermeintlich große Führer werde für ein besseres Leben sorgen. Ohne erhobenen Finger und ohne zu werten, schiebt Seethaler immer wieder Frequenzen ein, die den Beginn einer neuen und grausamen Ära verdeutlichen.

Die Beschreibungen Wiens sind hervorragend gelungen, wenngleich es dabei auch den einen oder anderen Fauxpas gibt, der aber wohl nur Kennern der Stadt auffallen wird. Sprachlich und stilistisch überzeugt Seethalers Trafikant aber auf jeden Fall. Seethaler hat in diese 200 Seiten mehr an Tiefgang gepackt, als es andere Autoren auf 700 nicht schaffen.

Der Trafikant

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