Polarrot

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Braumüller, 2012, Titel: 'Polarrot', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
Der Schweiz einen Spiegel vors Gesicht halten

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2012

Kurzgefasst:

1929: Jack Breiter ist alles andere als ein Glückskind. In eine arme Schweizer Bauernfamilie geboren, will er unbedingt nach oben. Erst als glückloser Heiratsschwindler im noblen Palace Hotel in St. Moritz, später als Handelsvertreter beim Chemiekonzern Gugy. Zunächst mit glänzendem Erfolg: Dank des Reichsbeflaggungsgesetzes von 1935 verkauft Breiter Hektoliter um Hektoliter der Farbe "Polarrot" für die Hakenkreuzfahne. Er wird rasch zum Starverkäufer der Firma. Doch dann verliebt er sich in die Frau seines Chefs, eine Halbjüdin, und lässt sich ihr zuliebe auf ein riskantes Goldschmuggel-Unterfangen ein. Prompt wird Breiter ertappt - und plötzlich ist es mit dem Spaß vorbei...

 

Ein Schweizer Unternehmen, das sich noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rühmt, eine judenfreie Firma zu sein: Der Mythos von der neutralen Schweiz gerät angesichts Patrick Tschans Roman "Polarrot" arg ins Wanken. Durch seinen Helden Jack Breiter lässt Tschan all die Dinge ans Licht kommen, die bisher tunlichst verschwiegen wurden. Der gewitzte Toggenburger - also aus einem gebirgigen Tal in der Ostschweiz stammende - Held Jack Breiter möchte weiter kommen. Er träumt davon, zu den Mächtigen und Reichen zu gehören, mit ihnen Champagner zu trinken und im Luxus zu leben. Doch seine Arbeitsstelle in einem feudalen Hotel in den Bündner Bergen verliert er, weil er zu hoch gepokert hatte und seine Schwindeleien an den Tag gekommen sind. Auf den Rat eines Kollegen hin lässt sich Breiter in Basel nieder, wo er über eine Stelle als Ausfahrer von Tubensenf zur Anstellung als Vertreter des Chemiekonzerns Gugy aufsteigt. Den Deutschen verkauft Breiter die polarrote Farbe für ihre neue Hakenkreuzfahne. Als sich der Held in den Kriegsjahren weit aus dem Fenster lehnt, wird er verhaftet und ins KZ geschickt.

Frech und liebenswürdig

Patrick Tschan schafft es, einen Helden zu präsentieren, der fern ab von jeder hehren Vorstellung ist - und sich gerade deshalb mühelos in die Herzen des Publikums spielt. Jakob Breiter, der sich mal Jacques und später Jack nennt, um dem miefigen Image des Bergbauernsohns zu entkommen, mogelt sich durchs Leben. Er will niemandem wehtun - Ja, er will noch nicht einmal jemandem etwas wegnehmen. Aber er will weiterkommen. Dafür ist er bereit, über seinen Schatten zu springen und alles auf eine Karte zu setzen. Der Schweizer Autor setzt eine Figur in den Mittelpunkt seiner Geschichte, die für nahezu alle das ausstrahlt, was sie in ihrem eigenen Leben nicht zu sein trauten: Ein liebenswürdiger Schelm mit dem richtigen Gespür für den richtigen Moment, der sich auch mal eben über geschriebene und ungeschriebene Gesetze hinweg setzt. Dies macht denn auch den hauptsächlichen Reiz des Romans aus: Den schlitzohrigen Jack Breiter muss man einfach lieben.

Wider des Vergessens

Das Basler Establishment würde wohl Einiges, was Patrick Tschan in Polarrot an die Öffentlichkeit holt, lieber vergessen. Der vorauseilende Gehorsam der Firma Gugy ist nur ein Teil davon. Der Umgang des Gugy-Chefs mit seiner Frau Charlotte, einer Halbjüdin, steht gleichzeitig für mehrere Verhaltensweisen. Unter anderem für den Wendehals der feinen Gesellschaft, die mal hofiert und mal ignoriert. Dieses Gefüge - zu dem auch der an sich joviale und letztlich doch so verachtende Umgang des Gugy-Chefs mit seinen Untergebenen gehört - ist wunderbar direkt dargestellt. Patrick Tschan ist gnadenlos ehrlich: er hält der Schweiz einen Spiegel vors Gesicht, legt den Finger auf verheilt geglaubte Wunden und bringt unerhörtes zur Sprache. Eine ganz und gar unschweizerische Art der Vergangenheitsbewältigung.

Leider ein paar Unschönheiten

Tschans Roman darf in den Reigen der außergewöhnlichen historischen Romane eingereiht werden. Er ist temporeich, witzig und ganz und gar frech. Leider trüben ein paar wenige Unschönheiten das hervorragende Gesamtbild: So gibt es Szenen, bei denen sich der Leser fragen muss, ob der Autor vergessen hat, was einige Seiten zuvor passiert war. Dazu gehört etwa, dass sich der bereits erwachsene Jack Breiter nach dem Verlust seiner Arbeitsstelle in den Bündner Bergen für einen kurzen Moment Gedanken macht, wie seine Zukunft aussehen soll. Eine Rückkehr ins heimische Toggenburg, wo ihm "die Mutter eine mit magerem Speck durchsetzte Gerstensuppe vorsetzen würde und der Vater ihm schweigend und hin und wieder kopfschüttelnd beim Essen zusähe..." schließt er aus. Nur wenige Seiten später erzählt der Autor, wie Breiters Vater Alois sich schon zur Jugendzeit von Jack dem Alkohol hingegeben hatte: "...bis er tot, mit blutverpisster Hose und zwei leeren Schnapsflaschen im oberen Bannwald vom örtlichen Landjäger gefunden wurde." Es sind keine elementaren Details, die dem Roman ernsthaft schaden könnten - aber es sind Passagen, die zumindest für einen Moment aufhorchen lassen. Ein aufmerksames Lektorat hätte solche Passagen verhindern können.

Und doch: Patrick Tschan legt einen wundervollen, geistreichen und erfrischend anderen Roman vor, der eine gleichermaßen amüsante wie auch hintergründige Geschichte erzählt.

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