Die Brückenbauer

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Heyne, 2011, Titel: 'Brobyggarna', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Daniela Loisl
Söhne eines Fischers werden anerkannte Brückenbauer

Rezension von Daniela Loisl Aug 2012

Kurzgefasst:

Als ihr Vater vom Fischfang nicht zurückkehrt, werden Lauritz, Oscar und Sverre zu Halbwaisen. Sie sind noch Kinder, trotzdem schickt ihre Mutter sie zu einer Lehre fort in die Stadt. Die drei Jungen nehmen ihr Schicksal klaglos an. Mehr noch: Begierig und gelehrig saugen sie das Wissen in sich auf. Zwanzig Jahre später beenden sie ihr Studium mit Auszeichnung. Aus den drei Fischerjungen sind die besten Brückenbauer des Landes geworden. Doch nur einer scheint seine Bestimmung zu finden.

Ihren Vater und ihren Onkel holte die See - für die armen Fischer im Umland von Bergen im Westen Norwegens waren solche Tragödien am Ende des 19. Jahrhunderts Teil des täglichen Lebens. Nun müssen sich die Brüder Lauritz, Oscar und Sverre in der Stadt als Lehrlinge eines Seilmachers durchschlagen. Doch das Schicksal will es anders. Durch glückliche Fügung können die Jungen einen reichen Gönner für sich gewinnen, der ihr großes Talent erkennt und fördert. Auf seine Kosten werden sie für das Polytechnikum in Dresden vorbereitet, die angesehenste technische Universität jener Zeit. Nach Abschluss ihres Studiums sollen sie diese Schuld zurückzahlen, indem sie am ehrgeizigsten Ingenieursprojekt des Landes mitwirken: dem Bau einer Eisenbahnverbindung zwischen Bergen und Oslo. Und tatsächlich, 1901 beenden die drei Brüder ihr Studium mit Auszeichnung. Es ist der Anbruch des großen Jahrhunderts des technischen Fortschritts, und Lauritz, Oscar und Sverre sind bereit, die Welt zu erobern. Aus den drei Fischersöhnen sind Männer von Welt geworden, denen alle Möglichkeiten offen stehen. Doch die Liebe durchkreuzt ihre Pläne.

 

Genau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Lauritz, Oscar und Sverre verlieren ihren Vater, der Fischer ist und nach einer langen und eisigen Nacht nicht mehr zurückkommt. Nun stehen ihnen harte Zeiten bevor. Sie beginnen eine Seilmacherlehre, die ihnen alles abverlangt. Als sie durch Zufall auf Christian Cambell Anderson treffe, gerät ihr Leben nochmals aus den Fugen. Durch ihren großzügigen Mentor, der das Talent der Jungen erkennt, ist es ihnen möglich, ein Studium in Dresden zu beginnen. Nach langen Überzeugungsgesprächen mit der Mutter, beginnen die drei zu studieren und schließen ausgezeichnet - allen voran Lauritz - ab.

Lauritz, der sich in die Tochter eines Barons verliebt, muss sich aber zuallererst bewähren, damit ihm der Schwiegervater in spe die Hand seiner Tochter überreicht. Er geht nach Norwegen zurück und stellt sich dort seiner ersten und schwierigen Aufgabe.

Oscar zieht es in eine gänzlich andere Richtung - er geht nach Afrika und stellt dort sein Können unter Beweis. Sverre verlässt aufgrund seines großen Liebeskummers seine Heimat und geht nach England.

Fühlbare klimatische Verhältnisse

Um es gleich vorwegzunehmen: der Leser begleitet in dieser Geschichte nur zwei der drei Brüder, denn Sverre, der jüngste, wird nach seiner Reise nach England nicht mehr erwähnt. Nichtsdestotrotz ist dies für die Geschichte selbst kein Verlust, den Jan Guillou lässt den Leser ganz nah an seine beiden Figuren Lauritz und Oliver heran, sodass noch mehr Begebenheiten ohnehin kaum Platz gefunden hätten.

Wer schon viele Bücher aus Skandinavien gelesen hat, weiß, dass diese Autoren in der Regel einen gänzlich anderen, ungewöhnlichen, etwas kargen und fast schon nüchternen und stets leicht erkennbaren, aber auch ebenso brillanten wie ausdrucksstarken Erzählstil anwenden. So auch Guillou, der von kühl distanziert, fern vom Leser und doch direkt bei seinen Figuren, aber ebenso weich, tiefgründig, plausibel, authentisch und glaubhaft schreibt.

Trotz Distanzierung zu den Figuren viel Tiefgang

Guillous Erzählstil ist eher rational und pragmatisch, sodass man sich fragt, wie er es dennoch schafft, von seinen Protagonisten ein so klares Bild zu schaffen, in dem der Leser jede charakterliche Schwäche und Stärke vorfindet. Angesichts des doch sehr reduzierten Schreibstils ein kleines Meisterwerk

In zwei Erzählsträngen begleitet man Lauritz und Oliver. Während Lauritz mit Eis, Schnee und klirrender Kälte zu kämpfen hat, soll doch der Bau der Eisenbahnlinie durch Norwegen vorangetrieben werden, so ist bei Oliver gerade das Gegenteil der Fall. Bei ihm ist es aber nicht nur die Hitze, durch die all seine Gedanken zu schwinden drohen, sondern auch noch die Gefahr, die ihn und seine Männer durch einen alten Löwen droht, der das Lager als Nahrungsmittelquelle erkoren hat.

Aber egal wen der beiden Brüder man begleitet, ob ins kalte Norwegen oder ins heiße Afrika, man kommt nicht umhin, dass man durch die zwar emotionslos wirkende Beschreibung, aber diese dafür mit den richtig gesetzten Akzenten, die Kälte, den eisigen beißenden Wind oder eben die brennende Glut der hochstehenden Sonne, die alles und jeden zu vernichten droht, am eigenen Leib zu spüren vermag. Mit wenigen Worten umreißt der Autor die Szenerie und platziert den Leser mitten hinein ins Setting, sodass dieser dennoch - oder gerade deshalb - das fühlt, was auch seine Figuren fühlen.

Industrialisierung Anfang des 20 Jahrhunderts

Im Focus stehen aber nicht nur die Brüder Lauritzen, sondern auch der Umbruch der damaligen Zeit. Industrialisierung heißt Modernisierung, aber viele der Menschen sind noch nicht bereit, sich mit diesem "Teufelszeug" anfreunden zu können. Es heißt auch Pionierarbeit leisten zu müssen, um letztendlich den Menschen zeigen zu können, welche Vorteile die Technik bringen kann.

Geschickt verwoben hat Guillou die Geschichten der Brüder mit den Herausforderrungen der damaligen Zeit. Dass die Brüder Ingenieure sind, kommt auch oft deutlich zum Ausdruck, wenn Guillou seine Protagonisten ab und an etwas zu sehr fachsimpeln lässt. Dies unterstreicht zwar, dass der Autor sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat, wird aber den einen oder anderen Leser etwas ermüden.

Verlässliche Deutsche, fleißige Norweger und die "Wilden"

So ganz befreien konnte sich Guillou auch nicht von Klischees. So darf man erstaunt feststellen, dass - gerade bei Oliver in Afrika auffallend - der Autor unterschiedlichen Nationalitäten scheinbar ganz "typische Charakterisierungen" zuteilwerden lässt. So sind die Afrikaner in der Regel Wilde, aber deren Frauen willige Sexpartnerinnen, die Deutschen sind natürlich gut, zuverlässig, pünktlich, aber auch kühl. Und die Norweger? Nun, das sind natürlich - passend in die Zeit - sehr gläubige, fleißige, einfache und rechtschaffende Menschen. Zwar versucht der Autor dies zu relativieren, in dem er auch Figuren mit einflicht, die so gar nicht diesen Klischees entsprechen, aber ein etwas schaler Beigeschmack bleibt doch.

Im Gesamten bietet dieser historische Roman alles, was ein Buch dieses Genres haben sollte. Sympathische Figuren, interessante Thematik, flotte und stimmige Geschichte und jede Menge abenteuerliche, spannende und mitreißende Erlebnisse. Stimmungsvolle Einblicke in das Leben der unterschiedlichsten Völker finden sich ebenso wie traurige oder auch sehr glückliche Ereignisse.

Trotz des einen oder anderen Mankos ein empfehlenswertes Buch, das den Auftakt zu einer Reihe bildet.

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