Die Geister schweigen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Krüger, 2011, Titel: 'Habitaciones cerradas', Originalausgabe

Couch-Wertung:

89
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Daniela Loisl
Ein exzentrischer Künstler, eine Lebenslüge und eine Enkelin auf Spurensuche

Rezension von Daniela Loisl Jul 2012

Kurzgefasst:

Barcelona. Im prächtigen Stadtpalast ihres Großvaters, des berühmten Malers Amadeo Lax, macht die junge Kunsthistorikerin Violeta eine unheimliche Entdeckung. Bei den Restaurierungsarbeiten stößt man auf einen zugemauerten Raum, der etwas Furchtbares offenbart. Was ist geschehen mit den Frauen ihrer Familie? Was flüstern die Wände des Familiensitzes? Sie sind Zeugen all der großen Ambitionen, verborgenen Leidenschaften, tragischen Verwicklungen - und eines unaussprechlichen Geheimnisses.

 

Auf zwei Zeitebenen hat Care Santos ihre Geschichte angesiedelt. Violeta, Kunsthistorikerin und Spezialistin für den Maler Amadeo Lax, der auch ihr Großvater war, lebt in Amerika, als sie eine Einladung aus Barcelona erhält, in der sie gebeten wird, bei den Umbauten des alten Familienpalastes dabei zu sein. Zur selben Zeit erhält sie auch einen mysteriösen Brief aus Italien, in dem eine gewisse Fiorella Otrante sie zu sich einlädt, um ihr mehr über ihre - und der der Otrantes - Familie zu erzählen.

Violeta macht sich auf die Reise, die nicht nur ein Trip nach Barcelona wird, sondern auch ein Ausflug in die Vergangenheit. Je weiter sie in die Vergangenheit eindringt, desto mehr muss sie viele Begebenheiten und Annahmen um ihre Familie, im Speziellen um ihren Großvater Amadeo, revidieren und neu überdenken.

Ausgefeilte Sprache und feinfühlige Erzählung

Santos erzählt weich und einfühlsam, aber ebenso kraftvoll und flüssig. Die Autorin beherrscht es perfekt, dem Leser von Beginn an die Szenerie wie in einem Gemälde erscheinen zu lassen und fügt nach und nach mehr an Farben hinzu und schafft somit Akzente, Leuchtkraft und eine plastische Tiefe auf allen Ebenen. So werden die doch so unterschiedlichen Zeiten, einerseits vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis hin in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und schließlich dem Jahr 2011, atmosphärisch sehr klar getrennt.

Bilder im Stile des Modernismus sind es, die nicht nur strukturell die Erzählebenen trennen, sondern auch Einschübe oder besser gesagt, regelrechte Abhandlungen, über verschiedene Gemälde des (eigentlichen) Protagonisten Amadeo Lax, erlauben dem Leser immer wieder, etwas zu Atem zu kommen und das Gelesene zu überdenken und Revue passieren zu lassen. Dargestellt werden die verschiedenen Ebenen auf erzählende Weise ebenso wie in Form von E-Mails, Zeitungsberichten, Briefen und den erwähnten Beschreibungen einer Vielzahl an Bildern.

Spannung um ein großes Geheimnis?

Obwohl eine sehr große Menge an Darstellern die Szenerie beleben und mitunter über lange Zeit begleiten, nimmt Violetas Großvater und Maler Amadeo Lax wohl den dominantesten Part in dieser doch sehr großen Familie ein. Ein Egomane, ein Exzentriker, aber auch ein Genie und ausgefüllt mit vielerlei Empfindungen, begegnet einem dieser Mann, den man als kleines Kind kennenlernt und beinah das ganze Leben begleitet. Um Amadeo dreht sich auch das Geheimnis, das die Geister des alten Hauses in Barcelona so lange gehütet haben.

Ein Brief ist es, der Violeta nach Europa holt und der von Beginn an Spannung verspricht. Doch die Autorin spannt den Leser lange auf die Folter und man ist schon geneigt anzunehmen, dass das Buch nicht mehr richtig in Schwung kommt, als es nach über 100 Seiten dramatisch zu werden scheint. Lange hält jedoch diese Spannung nicht an, da Care Santos die Auflösung des Rätsels sehr schnell präsentiert.

Das am Umschlagtext erwähnte "unaussprechliche Geheimnis" wird so von der Autorin selbst nämlich relativ schnell gelüftet. Für Leser, denen reine Spannung mehr zusagt als ein anspruchsvolles Erfassen und ein plastisches Einfühlen in generationsübergreifende, dramatische Familienereignisse, wird dies womöglich etwas enttäuschend sein. Santos hat den Focus nicht auf sensationelle Überraschungen gelegt, sondern auf die komplexe Charakterzeichnung eines ungewöhnlichen Menschen - Amadeo. Zu ihm laufen alle Fäden, die Santos so kunstvoll ausgebreitet hat. Liest man aufmerksam und genau, werden einem nach und nach viele Kleinigkeiten bewusst, die zusammen ein Ganzes bilden und Amadeo letztendlich genauso zeigen wie er wirklich war.

Ein buntes Spektrum an Charakteren

Nicht nur Amadeo ist vielfältig gezeichnet, sondern sämtliche Figuren der Familie Lax, der Dienstboten, aber auch Geschäftsfreunde, Sekretäre oder auch Freunde. Jeden einzelnen würde man wiedererkennen, würde man ihnen auf der Straße begegnen. Egozentrische alte Damen, demütig und devote Dienstboten, sensible Frauen, durchsetzungsstarke Männer, loyale Freunde und hilfsbereite Menschen, ein Kaleidoskop an Charaktervielfalt.

Spielerisch und ohne langwierige Beschreibungen zaubert die Autorin gekonnt Porträts all ihrer Figuren, auf denen all ihre Stärken und Schwächen sichtbar werden und man sie ungeschönt betrachten kann.

Ein ungewöhnliches Epos, das - bis auf ganz wenige Schwächen - ebenso vielschichtig, erlebnisreich und umfassend ist wie ein Gemälde, das über die Jahrhunderte hin immer wieder übermalt wurde, und man es nun Schicht für Schicht vom Schmutz befreit, um an das eigentliche Motiv zu gelangen.

Die Geister schweigen

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