Töchter der Lagune

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Bookspot, 2012, Titel: 'Töchter der Lagune', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Rita Dell'Agnese
Faszinierende Adaption von Shakespeares Othello

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jul 2012

Kurzgefasst:

Venedig anno 1570: Das geordnete Leben der jungen Desdemona Brabantio gerät aus den Fugen, als sie den temperamentvollen General Christoforo Moro kennenlernt. Trotz eines erheblichen Altersunterschieds verlieben sie sich ineinander. Das ungleiche Paar lässt sich vom Strudel der Gefühle mitreißen und schmiedet einen riskanten Plan: Nach einer heimlichen Hochzeit soll Desdemona ihrem Gemahl nach Zypern folgen. Der schlachterprobte General muss die strategisch wichtige Insel vor den osmanischen Angreifern retten. Doch Moro hat einen Feind, der sie verrät und eine tödliche Intrige entfacht...

 

Es braucht eine gehörige Portion Mut, einem historischen Roman ein weltbekanntes Drama zugrunde zu legen. Silvia Stolzenburg hat den Versuch gewagt und eine Adaption von Othello geschaffen. Eingefleischte Shakespeare-Fans sollten sich hier zwar zurück halten, hat sich doch die Autorin die Geschichte zu Eigen gemacht und ihr ein völlig anderes Gepräge gegeben. Zwar sind die einzelnen Figuren noch erkennbar und auch der Verlauf entspricht in weiten Teilen dem berühmten Vorbild, aber Töchter der Lagune trägt unzweifelhaft die Handschrift der Autorin Silvia Stolzenburg. Sie siedelt die Geschichte zunächst im Jahr 1570 in Venedig an. Die junge Desdemona erkennt, dass ihre Gefühle für General Christoforo Moro wesentlich tiefer sind, als sie bisher dachte. Mit Hilfe ihrer Schwester Angelina offenbart sie sich ihm - und heiratet ihn heimlich. Als ihr Vater von der Verbindung erfährt, ist er ein gebrochener Mann. Von maurischem Blut, wäre Moro nie als Freier seiner Tochter in Frage gekommen.

Es ist aber nicht nur Desdemonas Vater, dem die Verbindung der beiden Liebenden zusetzt. Von Neid und Hass zerfressen versucht Jago, Major in Christoforos Abteilung, das Glück der Beiden zu zerstören. Seit Christoforo ihm zunächst die Braut ausgespannt hatte, um sie nach kurzer Affäre sitzen zu lassen und den Major später bei der Beförderung übergangen hat, sinnt Jago auf Rache. Als Desdemona ihrem frisch angetrauten Gatten nach Zypern folgt, wo Christoforo eine Schlacht gegen die Osmanen führen soll, sieht Jago seine Zeit gekommen. Mit zahlreichen Intrigen treibt er einen Keil zwischen die beiden.

Zweiter Handlungsstrang eingeflochten

Im Wissen darum, dass die Othello-Geschichte auch bei einer geschickten Adaption nur einen Teil der gesellschaftlichen und politischen Situation Ende des 16. Jahrhunderts zu spiegeln vermag, hat Silvia Stolzenburg einen zweiten Handlungsstrang eingeflochten. Darin spielt die junge Elissa eine tragende Rolle. Als die junge Venezianerin ihre Eltern auf einer Reise nach Rom begleitet, wird sie von Korsaren gefangen genommen und als Sklavin an den Hof von Sultan Selim II. verkauft. Im Harem des Sultans sind der neuen Sklavin nicht alle wohlgesonnen. Elissa soll sterben. Die junge Frau will sich nicht in ihr Schicksal ergeben und sucht nach einer Möglichkeit, dem Harem mit seinen Ränkespielen zu entkommen.

Mit viel Tempo erzählt

Silvia Stolzenburg schlägt ein flottes Tempo an. Aufgeteilt in sehr kurze Kapitel, die mit dem jeweiligen Schauplatz und dem Datum betitelt sind, liest sich der Roman kurzweilig und zumeist spannend. Die Autorin spielt mit den Szenen: Immer wieder holt sie die Leser auf die Höhe eines Spannungsbogens, um just in diesem Moment zu unterbrechen und den Fokus auf einen anderen Schauplatz zu legen. Dass ihr dies gelingt, ohne die Leser bei diesem stetigen Wechsel zu verlieren, zeugt von einer stimmigen Erzählung. Stolzenburg kann die Spannung halten und zugleich atmosphärisch erzählen und damit eine sehr bildhafte Geschichte vermitteln.

Kleine Widersprüche

Bei der Figurenzeichnung allerdings verstrickt sich die Autorin in den einen oder anderen kleinen Widerspruch. Christoforo beschreibt sie als umsichtigen, rücksichtsvollen und edlen Menschen - dieses Bild wird allerdings durch seinen sorglosen Umgang mit der Braut Jagos getrübt. Auch die Bereitschaft, mit der er die angebliche Untreue seiner Gemahlin glaubt, zeugt nicht von Umsicht oder edlen Gedanken. Er gibt ihr keine Möglichkeit, die Situation aufzuklären. Einen Widerspruch findet sich auch in der Figur von Elissa. Einerseits wird sie als naives und vom bisherigen Leben verwöhntes Mädchen geschildert, andererseits wächst sie sehr rasch zu einer Heldin heran, die leicht überzeichnet wird. Hier hätte eine langsamere Entwicklung oder ein weniger strahlendes Image gut getan. Allerdings sind dies lediglich Schönheitsfehler in einem stimmigen und leicht zu lesenden Roman.

Silvia Stolzenburgs Othello-Adaption ist sehr gut gelungen und verleiht dem Shakespeare-Drama einen völlig neuen Charakter. Töchter der Lagune bietet nicht nur wunderbare Unterhaltung, sondern vermittelt auch ein interessantes Bild der venezianischen Gesellschaft des 16. Jahrhunderts.

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