Die Stadt aus Gold und Silber

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Blanvalet, 2010, Titel: 'Dans la ville d'or et d'argent', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Eine Spur zu viel Geschichte

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2012

Kurzgefasst:

Indien 1856. Im Harem von Lakhnau herrscht blankes Entsetzen. Britische Soldaten haben den Palast gestürmt und vertreiben die Favoritinnen aus ihren Gemächern. Nur eine Frau stellt sich dem englischen Besatzer: Hazrat Mahal, das zur Königin aufgestiegene Waisenmädchen. Sie ist ebenso schön wie entschieden, ihre Heimat zu retten. An ihrer Seite kämpft der treue Radscha Jai Lal, der für sie alles opfern würde. Zwei Jahre lang ist Hazrat die Seele des Widerstands, bis die Briten ihr ein unmoralisches Angebot machen ...

 

Ein historischer Roman lebt von Geschichte. Aber um sein Publikum zu erreichen, sollte er die Geschichte auch leben. Das gelingt Kenizé Mourad nur zum Teil. Die Autorin legt zwar einen wunderschönen Roman um die Begum Hazrat Mahal vor, sie erstickt die stimmige Geschichte aber immer wieder in ausführlichen geschichtlichen Details. So kommt das Wirken der außergewöhnlichen Begum letztlich eher zu kurz: Die Erzählung stockt im schönsten Moment, um einer belehrenden Sequenz Platz zu machen. Damit wird der Leser immer wieder aus dem Fluss der Erzählung hinaus katapultiert und findet sich auf dem harten Boden einer Geschichtslektion wieder. Besonders die doch sehr detaillierten Kampfhandlungen ziehen sich oft so stark hin, dass man geneigt ist, den Roman definitiv aus den Händen zu legen.

Kenizé Mourad begleitet ihre Leser nach Indien. Die Briten schreiben das Jahr 1856. Der ehrgeizige Lord Dalhousie möchte das Königreich Lakhnau in Besitz nehmen. Um das reiche Land entgegen den bestehenden Verträgen der britischen Regierung unterstellen zu können, bringt er gegen den König Wajid Ali Shah zahlreiche Vorwürfe vor. Dalhousie unterstellt dem Herrscher Unfähigkeit zu Reformen, obwohl es die britische Ostindienkompanie war, die mit ihren Verträgen dafür gesorgt hatte, dass der Herrscher mehr oder weniger unbeweglich war. Während der Herrscher und seine Mutter das Vorgehen der Briten fassungslos verfolgen, mag sich Begum Hazrat Mahal nicht in ihr Schicksal ergeben. Sie will das Königreich für ihren Sohn Birjis Qadar erhalten. Für die mutige Frau sind die Briten Usurpatoren, die aus dem Land verjagt werden müssten. Mit großem Geschick organisiert sie einen Aufstand, mit dem sie die spätere Befreiung Indiens von den Briten einleitet.

Schöne Charakterisierung

Wann immer die Autorin der Erzählung freien Lauf lässt, gelingt ihr eine wunderbare Charakterisierung der Begum und ihren Vertrauten. Obwohl sie über eine Kultur schreibt, die hierzulande weder vertraut noch gut bekannt ist, schließt sie die Leser in solchen Momenten mühelos ins Geschehen ein und ermöglicht ihm einen intensiven und in jeder Hinsicht sinnlichen Einblick in die Welt der Begum. Vor den Augen der Leser entstehen nicht nur prächtige Paläste und üppige Feste. Die Autorin vermittelt auch ein umfassendes Bild der Gesellschaft jener Zeit und deren starrer Strukturen, aber auch deren ausgereifte Kultur, die durch die britischen Besetzer rücksichtslos zerstört wird.

Kenizé Mourad überzeugt aber auch dadurch, dass sie aus dem Rollen-Schema ausbricht und sowohl bei den Briten als auch bei den Indern Gut und Böse zulässt. Damit gewinnt die Geschichte spürbar an Tiefe und wirkt glaubwürdig. Leider bleiben einige Protagonisten trotz allem sehr distanziert, was wohl auf eine zurückhaltende Art der Autorin zurückzuführen ist. So müssen sich die Leser den Zugang zur einen oder anderen Figur etwas erkämpfen.

Aufschlussreicher Anhang

Obwohl die geschichtlichen Details, die in den Roman eingebaut sind, teilweise eher störend wirken, ist gerade der Anhang mit einer gerafften Zeittafel ein Pluspunkt des Buches. Nachdem er mit Hazrat Mahal mitgelitten hat, kann sich der Leser in Kürze über das weitere Schicksal der Familie informieren. Zwar dürfte einiges bereits in groben Zügen bekannt gewesen sein - zumindest jenen Lesern, die sich schon mal mit der Geschichte der Befreiung Indiens auseinander gesetzt haben - doch wird hier in kurzen Zügen auf wenig Platz viel Wissenswertes präsentiert. Das und auch das Glossar runden die Geschichte wunderbar ab.

Die Stadt aus Gold und Silber ist für alle, die sich über die Geschichte Indiens informieren oder mit der Kolonialpolitik der Ostindienkompanie auseinander setzen wollen, eine aufschlussreiche Quelle. Wer aber einen flüssig geschriebenen Unterhaltungsroman sucht, der den Schwerpunkt auf die einzelnen Persönlichkeiten legt, sollte zumindest eine Leseprobe genießen, bevor er zugreift. Hier könnte sonst eine Enttäuschung warten.

Die Stadt aus Gold und Silber

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