Der Fall des Dichters

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2012, Titel: 'Der Fall des Dichters', Originalausgabe

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Daniela Loisl
Ein Mörder, der Theodor Fontane liebt

Buch-Rezension von Daniela Loisl Apr 2012

Kurzgefasst:

Berlin 1916. Wilhelm Blümel, erfolgloser Dichter und Bühnenautor, entführt einen Geldbriefträger, um seine finanzielle Not zu lindern. Doch er wird bei seiner Tat überrascht und erschießt die Zeugin und das Opfer. Aus dem geplanten Raub ist ein Doppelmord geworden. Das erbeutete Geld ist bald verbraucht und Blümel begeht das nächste Verbrechen. Kommissar Fokko von Falkenrede heftet sich an seine Fersen, doch er kann den Geldbriefträgermörder einfach nicht fassen.

 

Wilhelm Blümels Leidenschaft ist das Theater. Er schreibt Theaterstücke und Gedichte und hofft stets, dass eines Tages nun doch jemand das große Genie in ihm entdecken werde, dass auch ihm zu Reichtum und Anerkennung verhelfen wird. Seine Stücke finden zwar bei einem Theaterverleger Anklang, aber das große Geld, auf das er sehnsüchtig wartet, will dennoch nicht fließen. Um nicht bettelt gehen zu müssen, kommt er eines Tages, mehr durch Zufall, auf eine gewagte Idee: Er will einen Geldbriefträger überfallen. Als nun doch nicht alles so geradlinig verläuft, wie er es sich erdacht hat, liegen plötzlich zwei Tote vor ihm...

Elegante Erzählung, gelungene Figuren

Mit Blümel erweckt Bosetzky eine Figur zum Leben, wie es sie wohl zu hunderten, ja, nicht gar tausenden gab und vielleicht den einen oder anderen immer noch gibt. Wilhelm Blümel ist eigentlich - zumindest zu Beginn der Erzählung - eine sympathische Figur. Er ist eigentlich ein ganz normaler Mensch mit Wünschen und Träumen, aber auch mit einer kleinen Portion Naivität, Gerissenheit und Selbstüberschätzung. Der Autor zeigt dem Leser Blümels Welt aus seiner Perspektive, die einen gewissen Rahmen an Verständnis für seine Überlegungen schafft. Als in Blümel jedoch die Idee eines Überfalls an einem Geldboten immer mehr Gestalt annimmt, distanziert sich der Leser sukzessiv von der Figur und sympathisiert immer mehr mit dem jungen Kommissar Fokko von Falkenrehde. Mit Falkenrehde hat Bosetzky Blümel ein würdiges Pendant an die Seite Blümels gestellt, der den Leser schnell für sich einnimmt.

Von Beginn weg ist man mitten im Geschehen. Flott und ohne Längen nimmt die Geschichte des vermeintlich großen Dichters und Theaterstückeschreibers Form und Gestalt an. Auch die vielen Nebendarsteller, denen man begegnet, löschen sich nicht einfach schnell aus dem Gedächtnis, sondern bleiben, ob ihrer speziellen Eigenheiten, gut in Erinnerung. Ob die etwas propere, aber dennoch attraktive Witwe Wasserfuhr, die sich sofort um Blümel bemüht, als sie ihn das erste Mal sieht, oder der Geldbote, der seiner Familie beim Frühstück von der Großzügigkeit eines Kunden erzählt, einer selbstbewussten Verlobten, deren Wünsche man zwar nicht mit Freude, aber aus Liebe, nachkommt; alltägliche und jedem wohlbekannte Begebenheiten sind es, die eine authentische Atmosphäre schaffen.

Den Nerv der Zeit getroffen

Auch wenn man Berlin nicht kennt, entsteht ein plastisches Bild der damaligen Stadt vor dem geistigen Auge. Bosetzky skizziert mit den krassen Gegensätzen der Reichen und Armen, oder besser, der "Guten und Bösen", auf subtile und eindringliche Weise ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Die Straßen Berlins, die Mietwohnungen mit den kleinen und engen Räumen, die Wertigkeit eines Stück Butters, der bevorstehende, schon spürbare Umbruch der Zeit oder auch die manchmal etwas anstrengenden Vorlieben und Forderungen einer Verlobten, sind eine bereichernde Fülle an Nebensächlichkeiten, die diesem Buch eine kompakte Glaubhaftigkeit verleihen.

Besonders Liebhaber der klassischen Literatur werden oft auf Bekanntes stoßen. Bosetzky ernennt Blümels Eltern kurzerhand zu Fontane-Fans und so begegnet man dem großen und bekannten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts auf vielen Seiten des Romans. Blümel, von seinen Eltern geprägt, nimmt oft und gerne Bezug zu Fontanes Werken und wer diese kennt, bei dem werden die eingestreuten Hinweise zu "Cécile", "Frau Jenny Treibel" oder auch zum "Stechlin", so manchen "Aha-Effekt" auslösen. Neben Fontane finden aber auch Diderot, Lessing oder Gerhart Hauptmann ihre kleinen Aufgaben im Buch.

Der Mörder ist bekannt

Der Fall des Dichters ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinne, da man ja den Täter von Beginn an kennt. Bosetzky hat seinen Focus vielmehr auf das Innere eines Mörders gelegt, und so ermöglicht er dem Leser einen Einblick in die Psyche des Täters. Was treibt einen unbescholtenen Idealisten dazu, einen Mord zu begehen? Und welche (glücklichen?) Umstände sorgen dafür, dass ein junger Kommissar einem Täter auf die Schliche kommt, er ihn überführt und - im Falle des Gelingens - eine Auszeichnung erhält bzw. erhalten könnte? Wie wurde mit einem unlösbaren Fall umgegangen?

Obwohl man den Täter kennt, ist das Buch spannend, wenngleich hier nicht das Geheimnis um die Person des Schuldigen im Zentrum steht, sondern das Hinsteuern beider Seiten - sowohl Täter als auch Polizei - auf das Finale, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen oder auch den Täter, aufgrund seiner Gerissenheit, ungeschoren davonkommen zu lassen. Lesenswert.

 

Der Fall des Dichters

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