Die Lebenspflückerin

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • kbv, 2012, Titel: 'Die Lebenspflückerin', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Mehr als bloß ein historischer Krimi

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2012

Kurzgefasst:

Ostfriesland im Jahr 1545: Das Land ist zerstritten und es drängen immer mehr Glaubensflüchtlinge aus Holland ins Land. Zu dieser Zeit muss die Hebamme Hiske Aalken aus dem benachbarten Jever fliehen, da sie dort als "Toversche", als Hexe, angeklagt ist. Sie flieht in die Herrlichkeit Gödens und wird gleich bei ihrer Ankunft mit der bestialischen Ermordung des Cornelius von Ascheburg konfrontiert. Und sie stößt auch auf eine Gruppe von Menschen, die in einer Wagenburg rund um das Schloss Gödens lebt. Die Menschen halten heimliche nächtliche Treffen ab und sind verschlossen und geheimnisvoll. Ein Junge schleicht völlig verwildert und keiner Artikulation mächtig um das Lager herum. Als Hiske sich seiner annimmt, macht sie sich damit nicht gerade neue Freunde. Schließlich erreicht der charismatische Arzt Jan Valkensteyn aus Amsterdam die Herrlichkeit Gödens, und plötzlich stößt Hiske in ihrem Kräutergarten auf eine Leiche. Und unversehens hängt wieder der Vorwurf der Hexerei in der Luft, und was das für Hiske bedeutet, weiß sie nur zu gut.

 

Hiske Aalken muss aus Jever flüchten. Die Hebamme ist als "Toversche" verschrien, als Hexe. Ihre beste Freundin, die sie schützen wollte, starb deswegen bereits im Feuer. Im Jahr 1545 brennen die Feuer schnell, wenn die Bevölkerung den Verdacht hegt, es mit Zauberei und Teufelsbuhlen zu tun zu haben. Da Hiske nur zu genau weiß, dass sie kaum irgendwo in Sicherheit sein wird, sucht sie ihr Heil in der Herrlichkeit Gödens. Hier herrscht gegenüber Andersgläubigen und Ausgestoßenen Toleranz. Doch schnell muss Hiske erkennen, dass es damit nicht weit her ist. Denn just an jenem Tag, an dem die Hebamme in der Herrlichkeit auftaucht, wird die Leiche von Cornelius von Ascheburg aufgefunden. Sie wurde bestialisch zugerichtet und das Volk ist verstört. Ausgerechnet der Mann, der alles daran setzte, dass durch eine Zugewinnung von Land die Zukunft der Herrlichkeit gesichert werden kann, wurde niedergestochen und ausgeweidet. Dass Hiske Aalken als Hebamme dem heimischen Bader Konkurrenz macht, kommt noch dazu. Es braucht nicht viel, um die Badersfrau dazu zu verleiten, Hiske in Verruf zu bringen. Diese aber will nicht klein beigeben: Sie ahnt schnell, dass die Ermordung von Cornelius von Ascheburg ganz andere Hintergründe haben könnte als jene, die sonst auf dem Tisch liegen. Bei ihren Ermittlungen stößt Hilke auf eine Mauer der Ablehnung - aber auch auf den jungen Arzt Jan Valkensteyn, der vor einem falschen Verdacht nach Ostfriesland flüchten musste und nun alles daran setzt, zusammen mit Hiske hinter das dunkle Geheimnis rund um Cornelius von Ascheburg zu kommen.

Spannung gut gehalten

Mit recht einfachen aber wirkungsvollen Mitteln schafft es die Autorin Regine Kölpin, die Spannung bis gegen Ende des Romans auf einem recht hohen Niveau zu halten. Sie erweist sich als dramaturgisch versierte Autorin und lässt den Leser über eine lange Zeit im Dunkeln, was den Hintergrund des Mordes betrifft. Dazu bedient sie sich der vor allem der Ablenkung: Sie präsentiert verschiedene mögliche Motive - so ist es mal die sexuelle Agilität, die der Ermordete mit einer gehörigen Portion Gewalt kombinierte, die ein mögliches Mordmotiv liefert, dann ist es aber auch die religiöse Ausrichtung von Ascheburgs, die ein Mordmotiv hergeben könnte. Denn der Tote gehört zu einem im Geheimen wirkenden Kreis von Wiedertäufern. Immer wieder stößt der Leser zwar auf Hinweise, doch kann er daraus nicht schlüssig folgern, wer Cornelius von Ascheburg aufs welchen Motiven so zugerichtet hat.

Viel Recherchearbeit

Sehr gut gelungen ist der Autorin die Einbettung ihres Krimis in den historischen Rahmen. Sie hat dazu einen Schauplatz gewählt, der vielen Freunden des historischen Krimis noch weitgehend unbekannt sein dürfte. Zwar gibt es einige historische Romane, die sich mit Ostfriesland beschäftigen, doch ist die Herrlichkeit Gödens mit ihrer außergewöhnlichen Geschichte nur selten Basis für Romane. Regine Kölpin hat umfassend recherchiert und kann den Lesern dadurch eine Fülle von Fakten anbieten. Was bei etlichen Autoren schon grenzwertig hätte sein können, ist bei Kölpin kein Problem: zu keinem einzigen Zeitpunkt werden die vielen geschilderten Fakten langweilig oder wirken lehrmeisterhaft. Da offenbart sich eine geschickte Hand der Autorin, die ihre Feder so zu führen weiß, dass sie nicht an einen wenig abwechslungsreichen Geschichtsunterricht erinnert.

Gute Ausgangslage

Natürlich stattet Regine Kölpin ihre Protagonisten mit allerlei Fähigkeiten aus, die dazu führen, dass sie den Knoten entwirren und den Mord aufklären können. Und ebenso natürlich webt die Autorin auch Liebesgeschichten und einige wirklich tragische Schicksale mit ins Geflecht. Doch tut sie es mit viel Können. Sie schafft mit ihren Figuren auch eine gute Ausgangslage dafür, weitere Krimis mit denselben Protagonisten auf den Markt zu bringen. Das schafft sie gar, ohne die Leser deswegen beim Schluss in der Luft hängen zu lassen. So wird Die Lebenspflückerin schließlich zu einem attraktiven und angenehmen Leseerlebnis, das weitaus mehr bietet als einfach nur einen historischen Kriminalfall.

Sehr schön sind das Personenregister und das Glossar, die dem Roman angehängt sind. Sie komplettieren das Werk und vermitteln den Eindruck, als habe man hier für wenig Geld einen sorgfältig aufbereiteten Krimi in Händen. Man darf auf weitere Romane mit Hebamme Hiske Aalken und dem Arzt Jan Valkensteyn gespannt sein.

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