Mord unter den Linden

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Emons, 2012, Titel: 'Mord unter den Linden', Originalausgabe

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Carsten Jaehner
Spannender Fall zu Berlins Kaiserzeit

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2012

Kurzgefasst:

Berlin, im Sommer 1890. Dr. Otto Sanftleben erforscht die Körpersprache von Kriminellen. Als eine junge Handschuhnäherin gekreuzigt und mehrere anarchistische Attentate verübt werden, erklärt er sich bereit, den ermittelnden Commissarius zu unterstützen und zur schnellen Aufklärung beizutragen. Eine geheimnisvolle Revueschauspielerin gibt den entscheidenden Fingerzeig und weckt tot geglaubte Gefühle in ihm. Zu spät begreift er, dass er in Lebensgefahr schwebt.

 

Im Berlin des Jahres 1890 wird eine junge Frau gekreuzigt und verbrannt. Die Berliner Polizei steht vor einem Rätsel. Commissarius Funke wird mit dem Fall beauftragt, und dieser fragt Dr. Otto Sanftleben um Hilfe, seinerseits Kriminologe und Erforscher der Körpersprache bei Kriminellen. Sie treffen auf Friederike Dürr, Revueschauspielerin und beste Freundin des Opfers, in die Sanftleben sich verliebt, und sie sich in ihn.

Unterstützt von seinem Bruder Ferdinand und seinem siebzehnjährigen schwarzen Leibdiener Moses ermittelt Otto in Berlin, und über die Apostolische Gemeinde findet er eine schreckliche Wahrheit heraus, die auch bis in die Cheftagen der Polizei führt. Doch es gibt weitere Opfer, und schließlich geraten auch Otto und seine Rieke in Lebensgefahr.

Verzwickter Kriminalfall

Tim Pieper hat mit seinem zweiten historischen Roman einen spannenden und atmosphärisch dichten Romane vorgelegt, der den Leser in das deutsche Kaiserreich entführt, wobei Majestäten auch selbst einen kurzen Gastauftritt hat. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf einen durchtriebenen Kriminalfall, sondern malt auch ein gelungenes Bild Berlins zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Der Fall selbst beginnt direkt mit einem Paukenschlag, wo eine junge Frau gekreuzigt und verbrannt aufgefunden wird. Wie sich die Ermittlungen entwickeln, soll hier aus Gründen der Spannung nicht weiter beschrieben werden. Doch versteht Tim Pieper es, den Leser in ein verzwicktes Gefüge zu führen und dabei auch falsche Fährten zu legen. Das ist gekonnt und geschickt durchdacht und erhöht die Spannung des Romans.

Noch neu im Berliner Stadtbild: Das Fahrrad

Die eigentliche Stärke des Romans liegt aber in der Beschreibung der Zeit und der Sitten und Begebenheiten. Höhepunkt ist hier sicherlich das Fahrradrennen in München, zu dem Otto als Teilnehmer fährt. Das Fahrradfahren war eine neue Mode, und Otto auch aufgrund seiner Fahrweise kein Unbekannter in Berlins Polizeikarteien. Gerade diese Sequenz ist allerdings recht lang geraten und bringt den Fall nicht weiter und hätte daher auch gekürzt werden können. Doch macht es auch Spaß zu lesen, vor allem wegen der aus heutiger Sicht doch antiquierten Ansichten, und so passt es in die gelungene Atmosphäre des Romans.

Gelungen ist auch die Darstellung der politischen Situation, die letztlich über dem Roman schwebt. Das Ende des Sozialistengesetzes ist beschlossene Sache, und natürlich gibt es Ansichten dafür und dagegen, was die Stimmung in Berlin enorm aufgeheizt hat. Auch andere Begebenheiten prägen die Geschichte und vervollkommnen das Bild der Zeit.

Bewegtes Privatleben des Protagonisten

Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet, allen voran natürlich Otto Sanftleben, dessen Privatleben, gerade auch mit seiner ehemaligen Verlobten, eine recht grosse und intensive Rolle spielt. Allein mit der Liebe zwischen Otto und Rieke geht es doch recht schnell und recht glatt, hier hätte ein wenig mehr Geplänkel zwischen den beiden mehr Charme verbreitet. Ferdinand und Moses sind vor allem im zweiten Teil des Romans präsent und bilden die ideale Ergänzung zu Otto.

Alles in allem hat Tim Pieper einen historischen Kriminalroman vorgelegt, der trotz kurzer Leerlaufpassagen auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Ein spannender Kriminalfall gepaart mit ordentlich Lokalkolorit (wenngleich die typische "Berliner Schnauze" vermisst wird) ergeben einen lesenswerten Abstecher in Berlins Kaiserzeit unter Wilhelm II. Lobend erwähnt werden sollte auch das stimmungsvolle Buchcover, das den Leser schon vor der Lektüre mit auf die Zeitreise nimmt. Vielleicht begegnet man ja Dr. Otto Sanftleben und seinem Team ja bald noch ein weiteres Mal? Zu wünschen wäre es ihm, denn es gibt bestimmt noch mehr Verbrechen Unter den Linden.

Mord unter den Linden

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Letzte Kommentare:
26.02.2015 11:00:38
tassieteufel

Kriminologe Dr. Otto Sanftleben, der die Körpersprache der Kriminellen erforscht, wird im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts in einen bizarren Kriminalfall verwickelt. Eine junge Frau wurde gekreuzigt und verbrannt und die Polizei tappt im Dunkeln. Gemeinsam mit Commissarius Funke begibt sich Otto Sanftleben auf Tätersuche. Ein erster entscheidender Hinweis kommt von einer Freundin der Toten, der Schauspielerin Friederike Dürr. Als sich Otto in die junge Frau verliebt, übersieht er aber offensichtliches.

Nach einem düsteren Prolog, der 20 Jahre vor der eigentlichen Handlung spielt und die Neugier des Lesers weckt, wechselt die Handlung ins Berlin von 1890. Atmosphärisch dicht und anschaulich schildert der Autor das Leben im Berlin der wilhelminischen Ära und würzt seine Schilderungen mit witzigen Szenen rund um Otto Sanftleben, der ein begeisterter Fahrradfahrer ist und als Vorkämpfer verbotener Weise auch unter den Linden radelt und sich dabei diverse Verfolgungsjagden mit der Polizei liefert. Zwar ist die eigentliche Hauptfigur Dr. Sanftleben, der zwar beruflich erfolgreich ist, im Privatleben aber schon einige Fehlschläge einstecken mußte und nun glaubt in der Schauspielerin Friederike Dürr eine neue Liebe gefunden zu haben. Daher steht auch Otto mehr im Fokus des Buches, aber ein Highlight und meine Lieblingsfigur war Commissarius Funke, der mit seinen Neigungen nicht ganz gesetzeskonform ist, dem Alkohol nicht abgeneigt und insgesamt eine sehr interessante und liebenswerte Figur ist.
Der Autor hat hier seine Figuren gut ausgearbeitet und sie mit Ecken und Kanten versehen, die Charaktere sind in Denken und Handeln an ihre Zeit angepaßt und wirken so auch sehr glaubwürdig.
Der Krimifall ist verzwickt und wendungsreich, die beiden Ermittler geraten öfter mal auf die falsche Fährte und haben den Falschen im Visier, aber gerade weil sie in ihrer Arbeit nicht perfekt sind, wirken sie realistisch, menschlich und überzeugend. In der zweiten Buchhälfte kann ein versierter Krimileser ahnen, wer der tatsächliche Mörder ist, aber es gibt genug Wendungen und Überraschungen um bis zum Schluß spannend zu bleiben.
Flott und beschwingt erzählt der Autor seine Geschichte und läßt dabei auch eine ordentliche Portion Humor einfließen. Kurze Kapitel und rasche Szenen und Sichtwechsel sorgen zudem für viel Abwechslung und ermöglichen dem Leser verschiedene Blickwinkel auf den Krimifall, so dass die 270 Seiten im nu dahinfliegen und das Buch leider viel zu schnell zu Ende ist!


FaziT: mit viel Atmosphäre, Lokalkolorit und Liebe zum Detail schildert der Autor das Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert und integriert in dieses Setting einen spannenden und wendungsreichen Krimifall. Als Leser folgt man gern den beiden sympathischen Ermittlern, sowohl bei ihren Nachforschungen als auch in ihrem Privatleben.

17.09.2014 09:36:03
Igelmanu66

„Unter der Verbrecherphänomenologie verstehen wir die Untersuchung kriminalistisch relevanter Erscheinungen, die uns Aufschluss über seelische Vorgänge des Täters geben und so die Hintergründe der Tat aufdecken können. Untersuchungsgegenstände sind unter anderem Körperhaltung, Mimik, Gestik und Kleidung…“

Dr. Otto Sanftleben ist so etwas wie ein früher Profiler. Nach dem großen Erfolg seines Buches „Phänomenologisches. Ein Beitrag zur Kriminalpsychologie“ wird er von der Berliner Polizei um Unterstützung bei der Aufklärung eines besonders grausamen Verbrechens gebeten. Eine junge Frau ist ermordet, an ein Holzkreuz genagelt und in Brand gesteckt worden. Zudem sorgt eine Reihe von scheinbar politisch motivierten Anschlägen für Unruhe. Zufall? Oder gibt es möglicherweise Zusammenhänge?

Meine Güte, wo soll ich anfangen? In diesem Buch steckt so viel drin! Zunächst mal ist es ein spannender Krimi, und zwar einer von der Sorte, bei der es immer wieder neue Entwicklungen gibt und – so ging es jedenfalls mir – man wirklich von der Auflösung überrascht wird.

Toll geschrieben und flüssig zu lesen wird es keinen Moment langweilig. Im Gegenteil, zusätzlich zu der Krimihandlung erfährt man noch sehr viel! Es gibt reichlich historischen Hintergrund, besonders intensiv geht es um das Thema Sozialistengesetze. Die politische Lage wird geschickt mit der Handlung verknüpft und liefert dadurch immer neue Ansatzpunkte für die Klärung des Falls. Aber den Täter nur auf der politischen Bühne zu suchen, wäre zu einfach! Schließlich gibt es auch reichlich Indizien, die für einen religiös motivierten Mord sprechen könnten. Und so muss Otto sich beispielsweise auch ein Bild von einem obskuren Sektenführer machen.

Arbeit gibt es für ihn also mehr als genug. Aber er hat auch noch andere Dinge im Kopf! Neben einer Herzensangelegenheit, die ihn beschäftigt, ist er leidenschaftlicher Radfahrer. Und als solcher auch immer gerne bereit, sich mit der Obrigkeit anzulegen, wenn er Unter den Linden Rad fährt. Das ist nämlich polizeilich untersagt, stören die Radfahrer doch noch in vielen Augen „das sittliche Empfinden jedes anständigen Christenmenschen.“ Ich habe schon zuvor einiges zum Thema Radfahren in dieser Zeit gelesen und finde es immer wieder faszinierend!

Otto ist mir rundum sympathisch. Dabei ist er weit davon entfernt, fehlerfrei zu arbeiten. Er ist manchmal unbedacht, nicht selten zu spontan oder voreingenommen – er ist absolut menschlich und das mag ich sehr. Ferner schlich sich sehr schnell der Commissarius Funke, mit dem er zusammenarbeitet, in mein Herz. Auch er ein toller Charakter und ich hoffe, dass sich die Freundschaft zwischen den beiden, die sich im Buch anbahnte, fortsetzen wird.

25.07.2012 22:13:00
Mich gibt es gar nicht

Einer der besseren historischen Kriminalromane! Man merkt, dass sich der Autor gründlich in der Zeit umgesehen hat, in der seine Handlung spielt. Gerade die Schilderungen des historischen Umfelds (Sozialistengesetze, aufkommendes Fahrradfahren usw.) gehören zum Gelungensten des Buchs und führen das Berlin des Zweiten Kaiserreichs wirklich plastisch und lebendig vor Augen.

Zu den (wenigen) Schwachpunkten des Buchs gehört, dass das Spezialgebiet des Protagonisten Otto Sanftleben, nämlich die Körpersprache von Kriminellen, in der Handlung so gut wie gar keine Rolle spielt. Kein einziges Mal kommt Otto einem der Schurken durch seine Körpersprache auf die Spur. Im Epilog stellt sich dann sogar heraus, dass jemand im Gespräch mit Otto bewusst einen Finger abgespreizt hat, um ihm einen Köder hinzuwerfen, doch er hat es nicht einmal bemerkt. Schade, aus dem Thema Körpersprache hätte man mehr machen können.

Gegen Ende des Buches wird es etwas unglaubwürdig. Die Helden geraten von einer lebensgefährlichen Situation in die nächste, aber sie kommen jedes Mal in letzter Sekunde mit dem Leben davon. Für den Leser nutzen sich diese ständigen Gefahren und Risiken allmählich ab.

Ein winziger sachlicher Fehler ist mir aufgefallen, der aber für die Handlung keine entscheidende Rolle spielt. Als Otto wegen unerlaubten Radfahrens im Gefängnis sitzt und Kriminaldirigent Grabow ihn dort besucht, betet er mit ihm das Vaterunser: "Vater unser im Himmel, ...". Dieser Wortlaut des Vaterunsers ist erst seit etwa 1970 im Gebrauch; zuvor - und mit Sicherheit 1890 - hieß es: "Vater unser, der du bist im Himmel, ...".

Aber dies sind Kleinigkeiten. Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen.

13.05.2012 11:21:31
arno

Hallo Tim, ich habe Dein Buch gelesen, wenn mir zur Zeit das Lesen auch keine große Freude bereitet.
Dieses Buch zu lesen hat mir echt Spass gemacht auch wenn ich nur immer kurze Stücke lesen konnte. Der Prolog, warum sollen sich immer nur Männer rächen, und 20 Jahre später der erste Lustmord in Berlin. lange bleibt der Mörder unbekannt man denkt auch schon das Rikes Vater der Unhold ist, aber dann 50 Seiten vor Schluss kommt man auf die richtige Spur mit dem Besuch in Reinsberg. Ich werd mich noch für das Lesevergnügen das mir Dein Buch beschert hat bedanken. Die Bewertung find ich in Ordnung.

12.04.2012 20:38:50
Eliza08

Tim Pieper, Mord unter den Linden
Mit „Mord unter den Linden“ legt Tim Pieper seinen zweiten historischen Roman vor. Sein erster Roman „Der Minnesänger“ war eines der besten Debüts, die ich je gelesen habe. Somit war „Mord unter den Linden“ für mich Pflichtlektüre und ich bin auch nicht enttäuscht worden. Erst einmal möchte ich etwas zur Gestaltung/Aufmachung des Buches sagen: Wer sich die Zeit nimmt das Cover etwas eingehender zu betrachten, wird eine Ahnung bekommen, mit wie viel Detailliebe der Autor dieses Werk geschrieben hat. Die eingefangene Straßenszene wird dem Leser noch in dem Roman begegnen. Ein absolut gelungenes Cover!

Berlin im Sommer 1890, eine grausame Mordserie erschüttert Berlin, eine junge Frau wird gekreuzigt. Stehen die anarchistischen Attentate mit ihrem Tod in einem Zusammenhang? Dr. Otto Sanftleben wird gebeten, dem ermittelnden Kommissar Funke mit seinem Wissen zur Seite zu stehen. Otto Sanftleben erforscht die Körpersprache von Straftätern und kann dadurch ihre Lügen enttarnen.
Als die junge Revueschauspielerin Rike in dem Mordfall aussagen muss, weckt sie verborgene Gefühle in Otto. Doch der Fall scheint komplizierter und vielschichtiger zu sein, als Funke und Sanftleben zuerst geglaubt haben. Schließlich schwebt Otto in höchster Gefahr und es geht um Leben und Tod…

Ein sehr spannender, historischer Kriminalroman! Besonders gut hat mir das Flair der Stadt Berlin gefallen. Alles wurde so plastisch geschildert, dass man als Leser das Gefühl hatte, in diesem Berliner Café zu sitzen und den Protagonisten zuzuschauen. Des Weiteren fand ich die vielschichtigen Persönlichkeiten von Otto und Rike sehr gelungen. Sie sind echte Charaktere und überzeugen den Leser in ihren Handlungen und Aussagen vollends.

Sicherlich ist der Preis von zurzeit 11,90€ höher als bei einem „normalen“ Taschenbuch und ein dicker „Wälzer“ ist dieser Roman mit nur 271 Seiten auch nicht. Dennoch möchte ich sagen, dass ich diese Anschaffung nicht bereut habe, denn Qualität hat seinen Preis. Also lieber ein dünnes TB kaufen, welches gut geschrieben ist, als ein „Dickes“ zu kaufen, um dann feststellen zu müssen, dass man sich bei der Lektüre langweilt. ;-)

20.03.2012 20:28:25
Klusi

Nach einem düsteren Prolog, der ein brutales Ereignis schildert, welches zwanzig Jahre zuvor geschah, beginnt der Roman mit einem Ausschnitt aus der Berliner Gerichtszeitung, datiert vom 22. Juli 1890. Das Blatt, in alter deutscher Schrift gedruckt, informiert über den Mord an einer jungen Handschuhnäherin, die zwei Tage zuvor gekreuzigt und anschließend bis zur Unkenntlichkeit verbrannt wurde. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, und die Polizei zieht den Kriminalpsychologen Dr. Otto Sanftleben zu den Verhören hinzu, denn dieser hat sich ausgiebig mit der Körpersprache von Straftätern befasst. In der Zwischenzeit geschieht ein weiterer Mord, ebenfalls an einer jungen Frau. Daneben werden auch mehrere anarchistische Anschläge verübt, die man, aufgrund der Beweislage, den Sozialdemokraten anlastet.
Als sich Sanftleben in eine Zeugin verliebt, kann er sich seines eigenen Urteils nicht mehr sicher sein. Für ihn und den mit dem Fall betrauten Commissarius beginnt eine nervenaufreibende Suche nach dem Motiv und nach dem Mörder.

Im Lauf der Ermittlungen trifft Dr. Otto Sanftleben mit einigen interessanten, vielschichtigen, auch zum Teil undurchsichtigen Charakteren zusammen. Besonders von der jungen Revueschauspielerin Friederike Dürr ist er fasziniert, denn sie erinnert ihn stark an seine verflossene Liebe. Dass die schöne Rike mit ihren Annäherungsversuchen bei Otto offene Türen einrennt, kann man gut nachempfinden. Die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Commissarius Funke gestaltet sich größtenteils harmonisch, aber Ottos Engagement und besonders seine liebste Freizeitbeschäftigung bringen ihm nicht nur Freunde bei der Polizei ein, denn Sanftleben ist leidenschaftlicher Radsportler, und bei seinen Übungsfahrten in der Berliner Innenstadt, wo striktes Zweiradverbot herrscht, kommt er häufig selbst mit dem Gesetz in Konflikt.
In der Rahmenhandlung lernt man auch sein privates Umfeld kennen, seinen Bruder Ferdinand, den Tüftler, der sich um die technischen Belange von Ottos Fahrrad kümmert, den farbigen Leibdiener Moses, einen rebellischen jungen Mann, den Otto bei sich aufgenommen hat und sein Elternhaus „Klein-Sanssouci“, wie er es liebevoll nennt,.
Otto Sanftleben, nach außen hin der korrekte, erfolgreiche Wissenschaftler und Schriftsteller, hat auch durchaus seine menschlichen Macken und Schwächen. Besonders wenn bei seinem Sport etwas nicht nach Plan läuft, kann er ganz schön unangenehm und auch ungerecht werden. Davon können sein Bruder und der Leibdiener ein Lied singen. Die persönlichen Dialoge des Dreiergespanns, die sich aus diesen kleinen Konflikten entwickeln, lassen jede Menge Sympathie für Otto, Ferdinand und Moses aufkommen.

Ein Großteil der Handlung spielt in Berlin. Das Flair jener Zeit ist ganz wunderbar getroffen und farbig beschrieben. Die Lebensart, die soziale Lage und politische Spannungen in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs, das alles ist lebendig und wirklichkeitsnah geschildert.
Die Geschichte ist übersichtlich strukturiert, den jeweils wechselnden Schauplätzen gemäß in kleine Kapitel unterteilt, die immer gerade dann enden, wenn etwas Wichtiges passiert.
Dazwischen gibt es einige düstere, rätselhafte Passagen, die das Geschehen aus der Sicht des Mörders beleuchten, wobei man mehr über dessen beängstigenden Geisteszustand, seine Beweggründe, seine Vergangenheit und seine Situation erfährt, aber fast bis zuletzt tappt man im Dunkeln, wer er wirklich ist. Einige Spuren führen in die Irre oder verlaufen wieder im Sand, man grübelt beim Lesen und kann bis zum Schluss eigene Spekulationen und Vermutungen anstellen. Alles in allem ist Tim Piepers zweites Buch ein rundum gelungener historischer Krimi, der beste Unterhaltung und viel Spannung zu bieten hat.