Teufelsmond

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Wunderlich, 2012, Titel: 'Teufelsmond', Originalausgabe

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86

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Rita Dell'Agnese
Ein Dorf im Würgegriff des Aberglaubens

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2012

Kurzgefasst:

Ausgerechnet während der Raunächte, der Zeit der Toten und der Geister, wird Pater Fürchtegott zum Exorzisten berufen. Im Knüllwald sollen Nachzehrer ihr Unwesen treiben. Unterwegs schließt das kluge Mädchen Karla sich ihm an. Sie hat ihren kleinen Weiler verlassen, auf der Flucht vor einer Heirat wider Willen. In Alwerode trifft das ungleiche Gespann auf eine eingeschworene Dorfgemeinschaft, die mit dem Finger auf die Michelsmühle zeigt: Dort soll das Böse hausen; die Müller hätten die Ernte verhext, trieben Unzucht mit dem Teufel. Dann sterben immer mehr Mitglieder der Familie einen plötzlichen und unerklärlichen Tod, geschüttelt von Krämpfen, wie vom Satan besessen. Karla und Fürchtegott wissen nicht mehr, was sie glauben sollen. Wandeln die Michelsmüller wirklich nachts als Nachzehrer über den Friedhof, oder hat der Hass der Dorfbewohner Gründe, die schlimmer sind als der Teufel?

 

Um ihn als unliebsamen Kritiker loszuwerden, schickt der Abt den jungen Pater Fürchtegott nach Nordhessen, wo er als Exorzist die Nachzehrer austreiben soll. Pater Fürchtegott ist alles andere als erbaut über seine neue Aufgabe, fühlt er sich doch zu einem Leben in klösterlicher Abgeschiedenheit berufen. Auf seinem Weg schließt sich ihm eine junge Frau an: Karla will der Ehe mit dem grobschlächtigen Sohn des Schmieds in ihrem kleinen Dorf entgehen. Im Pater erkennt sie eine gerechte Persönlichkeit, die ihr kein Leid tun will. Auf ihrer Wanderung kommen die beiden in den Ort Alwerode, wo ein Unwetter sie zwingt, Unterschlupf im Pfarrhaus zu suchen. Nicht nur das Verhalten der Pfarrköchin sondern auch dasjenige der Dorfbevölkerung gibt Pater Fürchtegott schnell Rätsel auf. Besonders der Hass, den die Dorfbevölkerung den Bewohnern der Michelsmühle entgegen bringt, macht dem Pater und seiner Begleiterin zu schaffen. Je mehr sie sich aber mit den Ereignissen im Dorf beschäftigen, desto stärker schlägt ihnen Ablehnung entgegen.

Klassische Selbstjustiz

Den Fremden mit Misstrauen begegnen, anders denkende vertreiben: Was noch heute die Gesellschaft prägt, schreibt Ines Thorn auch dem Dorf Alwerode im 15. Jahrhundert zu. Gekonnt entwickelt die Autorin eine Geschichte von klassischer Selbstjustiz und Demagogie. Die Abläufe hätten wohl jeder Epoche auf die mehr oder weniger gleiche Art zugeschrieben werden können. Doch Ines Thorn beweist, dass sie sich mit den Lebensumständen im 15. Jahrhundert gut vertraut gemacht hat. Sie bringt den damals herrschenden Aberglauben optimal in die Geschichte ein und verwebt alles zu einem stimmigen Bild. So entsteht die düstere Atmosphäre eines Ortes, in dem nicht nur eine vordergründige Not herrscht, sondern auch eine hintergründige Atmosphäre von Angst und Unterdrückung.

Gelungene Charaktere

Die Dorfgemeinschaft, von Thorn ohne Übertreibungen skizziert, setzt sich aus verschiedensten Charakteren zusammen. Die meisten von ihnen wünschen sich nicht viel, sie sind einfache Gemüter, die unter der Last eines harten Alltags keuchen. Andere hingegen verstehen es, ihre Nachbarn und Familien zu manipulieren und dadurch eigenes Fehlen zu verstecken. Eindrücklich stellt die Autorin die verschiedenen Charaktere einander gegenüber und lässt dadurch eine lebendige Gemeinschaft entstehen. Leider hat Ines Thorn diese Qualität bei den Hauptfiguren etwas außer Acht gelassen. Sowohl Pater Fürchtegott als auch die junge Karla sind etwas gar zu gut geraten - ihnen wird eine Art Heldenstatus verliehen, was sich angesichts der hohen Qualität des Romans jedoch nicht so ganz rechtfertigen lässt. Denn, anders als bei den übrigen Dorfbewohnern, wird hier ein einseitig verzerrtes Bild präsentiert.

Spannend erzählt

Ungeachtet der nicht nur überzeugenden Hauptfiguren legt Ines Thorn einen spannenden und gut erzählten Roman vor. Die Autorin schafft es, den Leser in die Geschichte hinein zu ziehen und ihn nicht eher gehen zu lassen, bis die letzte Zeile gelesen ist. Die atmosphärische Dichte und die gelungene Beschreibung der aufflackernden Gewalt im Dorf, die sich klar gegen die Außenseiter richtet, machen Teufelsmond zu einer gelungenen Lektüre. Auch wenn sich einige Ereignisse vorausahnen lassen, so bleibt der Roman doch spannend bis zum Schluss. Ines Thorn beweist einmal mehr ihre Klasse als Autorin von historischen Romanen.

Teufelsmond

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Letzte Kommentare:
01.02.2015 12:45:18
Pink Leo

Ines Thorn versteht es wie keine andere deutsche Autorin historische und mystische Themen miteinander zu verbinden. Dieses Buch konnte ich kaum aus der Hand legen, denn es "lebt"; ist interessant, hinsichtlich altem Aberglaube und alter Bräuche, spannend, schaurig, traurig, hat aber auch eine gewisse Komik inne, was bestimmte Charaktere angeht, bunt und düster zugleich. Lesen!!!

03.08.2012 01:16:06
Sagota

Die Autorin versteht es sehr gut, den Leser in die Geschichte - in das mittelalterliche Dorf im Knüllwald in Nordhessen - hineinzuziehen. Der Schreibstil gefällt mir, das Buch ist gut und flüssig zu lesen; auch mangelt es nicht an mittelalterlichen Bräuchen, Beschreibungen von Aberglauben und der Umgehensweise mit dem vermeintlich "Bösen" vor Jahrhunderten; auch findet sich in gewisser Weise ein kleines "Sittengemälde" in dem Werk wieder sowie die Ausnutzung von Reichtum und Macht innerhalb einer Dorfgemeinschaft. Auch die Stellung der Frau (ooojeeee) im finsteren Mittelalter wird gut dargestellt. Der Schluss ließ mich schmunzeln (Humor hatte ich dem Pater Fürchtegott gar nicht zugetraut ;-) Alles in allem empfehlenswert!

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