Das späte Geständnis des Tristan Sadler

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Arche, 2011, Titel: 'The Absolutist', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
Auch eine Facette des Krieges

Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2012

Kurzgefasst:

London, September 1919: Der junge Tristan Sadler steigt in einen Zug. Er fährt nach Norwich, um sich dort mit Marian Bancroft, der Schwester seines toten Kameraden Will, zu treffen, mit dem er Seite an Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Als Gepäck trägt Tristan ein Bündel Briefe mit sich und seine Erinnerung. In Norwich trifft sich Tristan mit Marian in einem Café. Er erzählt ihr von seiner ersten Begegnung mit Will im Ausbildungslager Aldershot; von der Schiffspassage nach Nordfrankreich, vom Leben und Sterben im Grabenkampf, aber auch von der Freundschaft und dem Vertrauen, das sich die beiden jungen Männer schenken. Und er legt Zeugnis darüber ab, wie Will sein Leben einsetzt, um sich unter unmenschlichen Bedingungen einen Rest von Menschlichkeit zu bewahren. Tristans erschütternder Bericht ist ebenso schonungslos wie ungeheuerlich, und doch bleibt er Marian die schrecklichste Wahrheit schuldig ... vorerst.

 

Es ist keine leichte Mission, der sich Tristan Sadler verschrieben hat: Er will die Schwester seines im Krieg umgekommenen Freundes Will treffen und ihr die Briefe zurück bringen, die sie an ihn geschrieben hatte. Im Gepäck hat er aber auch seine Erinnerungen an Will, an die Ereignisse im Ersten Weltkrieg und an sein eigenes Versagen. Nur schwer kann er sich eingestehen, für Will nicht der Freund gewesen zu sein, der er gerne gewesen wäre. Denn in einer verhängnisvollen Situation hat Tristan Sadler Will verraten. Mehr als gewollt offenbart Will der verstörten jungen Frau. Mit der wichtigsten und zugleich ungeheuerlichsten Information hält er aber vorerst hinter dem Berg.

Starke Szenen-Beschreibungen

John Boyne kann seine Stärke, Szenen zu beschreiben und Atmosphäre entstehen zu lassen, in diesem Roman absolut ausleben. Schon der Einstieg ist eine Klasse für sich. Tristan Sadler reist mit dem Zug von London nach Norwich und begegnet dort einer schrulligen alten Lady, die Romane schreibt. Es ist nur eine kurze Begegnung, und doch gibt sie dem Moment ungeahnte Tiefe. Nicht anders verhält es sich mit dem Bild, das Boyne von der kleinen Pension zeichnet, in der Sadler unterkommt - oder von der Stadt Norwich, die sich in den Nachkriegsjahren verzweifelt bemüht, Normalität zu leben. Die Begegnungen Tristan Sadlers mit den verschiedenen Menschen gleicht dem Aufblitzen eines Sterns am nächtlichen Himmel. Sie sind keine tragenden Elemente des Romans und doch machen sie das Firmament aus.

Weniger schillernd, aber keineswegs weniger intensiv sind die Begegnungen mit den Menschen, derentwegen Sadler nach Norwich gereist ist. In seiner Rückblende auf die Ereignisse im Ausbildungslager Aldershot, in dem die jungen Soldaten Tristan und Will sich kennen gelernt haben, erkennt Tristan Sadler schließlich, dass er sich über viele Jahre hinweg selber belogen hat.

Nähe und Distanz

Durch seine Erzählweise schafft John Boyne Nähe und geht doch immer wieder auf Distanz. Er verleiht dem Roman den schalen Geschmack des Krieges und dennoch ist es nicht der Krieg, der die Bedrückung ausmacht, welche die Geschichte begleitet. Vielmehr sind es die gesellschaftlichen Vorurteile und ein unglaublicher Hang zu Grausamkeit und Ungerechtigkeit, dem die Truppe im Ausbildungslager nachlebt. In einer fatalen, tödlichen Art und Weise nachlebt. Je mehr Tristan Sadler sich selber eingesteht, desto düsterer präsentiert sich das Bild. Gruppendruck, Ablehnung jeder Form von Anderssein, Stärke und Grausamkeit bilden zusammen ein Ganzes, an dem nicht nur Tristan Sadlers Freundschaft zu Will zerbricht. Je intensiver John Boyne seine Leser am Geschehen teilhaben lässt, desto stärker wird bei diesem der Eindruck, nicht einen historischen Roman sondern eine durchaus zeitgenössische Geschichte in den Händen zu halten. Parallelen zur heutigen Welt sind nicht von der Hand zu weisen.

Gelungenes Werk

Wenn John Boyne einen neuen Roman veröffentlicht, wird er immer in Zusammenhang mit dem Bestseller des Autors: Der Junge im gestreiften Pyjama gesetzt. Dies ist bedauerlich, denn der Autor hat längst bewiesen, dass er über diesen bekannten Titel hinaus einiges zu bieten hat. Das späte Geständnis des Tristan Sadler ist nur ein Beispiel dafür - aber ein ausgesprochen überzeugendes. So darf man darauf gespannt sein, womit der Autor seine Leserschaft in den nächsten Jahren überraschen wird.

Das späte Geständnis des Tristan Sadler

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